Ich bin ein Berliner

An den Stränden Portugals verkaufen Händler die beliebten süßen "Bolas de Berlim"


Olha a bolinha! Com creme, sem creme. Fresquinhas a chegar. Olha a bolinha..." Bei jedem Strandbesuch in Portugal hört man in der Ferne, wie ein "Bolas de Berlim"-Verkäufer seine Anwesenheit markiert. Eine 50 Jahre alte portugiesische Tradition, die nie stirbt. Dabei stammt diese bekannte Süßigkeit eigentlich aus Deutschland, wie der Name vermuten lässt. Dort nennt man sie "Berliner". Für Kinder, Erwachsene und ältere Menschen ist der Höhepunkt ihres Strandtages der Genuss der berühmten "Bolas de Berlim", während sie sich im Sand bräunen und die unglaubliche Aussicht auf den blauen Atlantik und das entspannende Geräusch der Wellen genießen, die auf den Sand prallen. Unter der intensiven Sonne der Sommermonate, von Mitte Juni bis Mitte September, absolviert der sonnengebräunte, dunkelhaarige António Ribeiro seine 25 Kilometer pro Tag an den Stränden von Albufeira an der Algarve und trägt dabei rund 20 Kilogramm "Bolas de Berlim" mit sich. Es ist seine 20. Saison, seit er im Jahr 2003 damit begonnen hat. "Es ist ein ziemlich schwieriges Leben", sagt der 59-Jährige.


Es ist halb neun, und wie jeden Morgen im Sommer empfängt António seine "Bolas de Berlim"-Lieferung von einer lokalen Bäckerei, die zu ihm nach Hause geschickt wird.

Danach geht er direkt zum "Praia dos Salgados", wo er den Tag bis 20 Uhr verbringt. Der Strand liegt in der Nähe der Stadt Albufeira an der Algarve und ist bekannt für seinen goldenen Sand und sein ruhiges, klares Wasser. Alle warten sehnsüchtig auf die Ankunft der "Bolas de Berlim"-Verkäufer, die sich im Zickzack zwischen den unzähligen Strandtüchern und Sonnenschirmen einen Weg zu den Sonnenanbetern bahnen, die auf diese süße Leckerei warten. Weiß gekleidet wegen der Hitze, meist in leichter Kleidung und mit einem Hut, der sie vor den Sonnenstrahlen schützt, sind die Strandverkäufer in dreifacher Hinsicht erkennbar. An ihren Kühlboxen, in denen sie das Gebäck aufbewahren, damit sie frisch bleiben, an der Pfeife, die viele von ihnen mit sich führen, um ihre Präsenz zu verstärken, und vor allem an dem typischen Ruf "Olha a bolinha! Com creme, sem creme. Fresquinhas a chegar . . ." was so viel bedeutet wie "Schaut euch die Kugel an! Mit oder ohne Cremefüllung, frisch eingetroffen . . .". Sobald sie einen neuen Kunden entdecken und erreichen, hören sie auf zu schreien und zu pfeifen, stellen ihre Kühlbox auf dem heißen Sand neben dem Strandtuch ab und präsentieren die Vielfalt ihrer Geschmacksrichtungen. "Es gibt normal mit oder ohne Cremefüllung, Johannisbrot mit und ohne Cremefüllung, Johannisbrot mit Schokolade, Nutella, Apfel, Apfel und Zimt, Kinder Bueno, Erdbeere, gesalzenes Karamell", sagt António. Nachdem sich die Kunden ihren täglichen "bola de berlim" ausgesucht und die zwei Euro pro Ball bezahlt haben, kehrt António zu seinem langen, unbestimmten Gang zurück: "Ich weiß nur, dass ich nicht aufhören werde, solange es noch Leute gibt." António erlebt dieses Sommerabenteuer nicht allein, sondern gemeinsam mit seiner Frau Márcia. Die beiden teilen sich auf zwei Strände auf und verkaufen jeweils etwa 180 bis 200 "Bolas de Berlim"pro Tag, womit sie im August bis zu 200 Euro am Tag verdienen. Allerdings bleiben am Ende des Tages manchmal ein

paar Stücke übrig. Das Paar würde nie eine "Bola de Berlim" vom Vortag verkaufen, denn sie sind am Strand bekannt und haben eine besondere Beziehung zu vielen Kunden. "Ich verschenke sie", antwortet António auf die Frage, was er denn dann mit den übrig gebliebenen mache. "Einige habe ich in einem Supermarkt hier in der Gegend gelassen, andere auf dem Parkplatz, und wenn ich niemanden mehr habe, der sie haben will, muss ich sie leider wegwerfen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie sich die Verkäufer, die ihre eigenen "Bolas de Berlim" backen, fühlen."


In Praia da Rocha, 24 Kilometer vom Praia dos Salgados entfernt, verkauft das Ehepaar Moreira selbst gebackene "Bolas de Berlim". "Es ist zwar schrecklich, Lebensmittel wegwerfen zu müssen, für die wir stundenlang gearbeitet haben, aber inzwischen wissen wir schon, wie viele wir brauchen", sagt der 67-jährige stämmige, grauhaarige Jorge Moreira. "Als Verkäufer besitzen wir wie jeder Verkäufer eine Lizenz, ohne die könnten wir keine 'Bolas de Berlim' verkaufen." Der Herstellungsprozess beginnt schon am Vortag bei ihnen zu Hause, wenn Jorge und Matilde Moreira den Teig aus Mehl, Zucker, Hefe, Milch und Butter herstellen, der dann bis zum nächsten Tag aufgehen muss. Gegen sechs Uhr morgens stehen die beiden auf, um den Prozess fortzusetzen. Nach dem Ruhen formt man kleine Kugeln, die in heißem Öl goldbraun ausgebacken werden. "Ein verlockender Duft nach frisch gebackenem Gebäck erfüllt die Luft", meint Matilde. Wenn die Kugeln knusprig sind, werden sie mit einer leckeren Füllung versehen - sei es die berühmte "creme pasteleiro" , eine Cremefüllung aus Ei und Vanille, sei es Nutella, Apfel oder Johannisbrot. Zum Schluss wird dieses köstliche Gebäck mit Zucker bestäubt. "Die Geschichte, die hinter der Ankunft des Berliner in Portugal steckt, ist in der Tat sehr interessant", sagt Jorge Moreira. "Dafür müssen wir in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückgehen." Da Portugal während des Krieges als eines der wenigen europäischen Länder neutral blieb, flohen viele Juden aus Deutschland nach Portugal, wo sie nach Möglichkeiten suchten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Historikerin Irene Pimentel berichtet in ihrem Buch "Judeus em Portugal durante a II Guerra Mundial" von einer Familie Davidsohn, die das Rezept für die Berliner Ballen mitbrachte und in ihrer Lissabonner Küche herstellte.

Zunächst soll sie sie an ihre deutschen Nachbarn verkauft haben, die sich nach dem Gebäck aus ihrer Heimat sehnten. Dann kauften auch Portugiesen die Backwaren. Später stellten die Bäckereien sie selber her, und die "Bolas" breiteten sich aus.


Im Winter müssen sich alle "Bolas de Berlim"-Verkäufer einen anderen Job suchen, denn ab Mitte September sind wegen der sinkenden Temperaturen kaum noch Leute am Strand.

António kehrt dann zu seiner Arbeit in seiner Renovierungs- und Malerfirma zurück, aber das Ehepaar Moreira verkauft am Ende der Badesaison und im Winter Kastanien.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2024, Nr. 168, S. 26 - Beatriz Escaleira, Deutsche Schule zu Porto

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