Ihn schickt der Himmel

Perfektes Flugwetter: Sonnenschein, leicht bewölkt, ein bisschen Wind, 15 Grad. Er fährt immer mit einem Lächeln zur Arbeit, vor allem bei gutem Wetter, denn dann ist er sich sicher: Ich werde heute fliegen. Immer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang - Rettungspilot Nico Hellmann ist überzeugt: Niemand hat einen besseren Job als er. Angefangen hat der drahtig wirkende heute 44-Jährige inspiriert durch Tom Cruise in der Filmreihe "Top Gun" als Pilot bei der Bundeswehr. Auslandseinsätze, interessante Flüge etwa über dem Berlin Marathon und am Filmset von "James Bond" brachten ihn 2016 zur ADAC-Luftrettung am Campus Benjamin Franklin der Charité in Berlin-Lichterfelde. Als Stationsleiter ist er Teamchef, aber auch "Bindeglied" und Repräsentant der Berliner Luftrettung - rund um den Hubschrauber Christoph 31.

 

Die Stimmung ist entspannt. "In der Fliegerei duzt man sich." Hellmann trägt die ADAC-Luftrettungsuniform: Fleecejacke mit Namensschild und Hubschrauber-Aufnäher und eine rote Arbeitshose. Ihm fällt jedes Detail am warnfarbengelben Hubschrauber auf. Hellmann bemerkt, dass sich beim letzten Flug eine Lasche an der Tür verdreht hat, und rückt sie im Handumdrehen zurecht. Man hat Vertrauen, dass er das gelbe Ungetüm in allen Situationen beherrscht. Zu seinem Team gehören eine Notärztin und ein Notfallsanitäter. "Wir haben immer eine lockere Stimmung und viel Freude bei der Arbeit; man hat einfach ein gutes Verhältnis." Helfen und dadurch den Patienten wieder ein Lächeln aufs Gesicht zaubern - so könnte man ihr Motto zusammenfassen.

 

Aber wie kann das funktionieren? Schließlich gehen dem Einsatz von Christoph 31 meist traumatische Erlebnisse voraus. Es lohnt sich, ein weiteres Besatzungsmitglied vorzustellen. Knapp 30 Zentimeter groß, erreicht es kaum die Pedale und hat nur Polyester im Kopf. Trotzdem macht er seinen Job ganz hervorragend. Es geht um den wohl flauschigsten Kollegen auf der Station: Teddybär Alfons. Seine Jobbeschreibung: bei jedem Flug dabei sein und bei Einsätzen mit Kindern Trost spenden. Solange er nicht gebraucht wird, drückt er sich, eingeklemmt zwischen Trage und Fensterscheibe, die Nase platt. "Einsätze mit Kindern machen zum Glück nur 7 bis 10 Prozent der Flüge aus."

 

Oft sind die Kinder nervös. Da hilft es schon sehr, dass ein Elternteil mitfliegen darf. Hellmann erklärt: "Wenn man dem Kind den Teddy gibt und einfach ein freundliches Gesicht dazu macht, dann ist alles halb so schlimm." Oft schlafen die Kinder ein, sobald der Hubschrauber in der Luft ist und das monotone Summen der Motoren einsetzt. Hellmann erinnert sich, dass ihm das auch einige Male in den Flugzeugen der Bundeswehr - da war er allerdings Passagier - fast passiert wäre.

 

Zeitweise war der Rettungshubschrauber in Berlin der meistgeflogene Hubschrauber weltweit: mehr als 3500 Einsätze im Jahr, oft mehr als 15 pro Tag. "Das sind ungesunde Zahlen", findet Hellmann. "Der Hubschrauber ist den ganzen Tag unterwegs, die Crew ist den ganzen Tag unter Strom." Seit aber in Berlin mehr Rettungsfahrzeuge, besetzt mit einem Notarzt, im Einsatz sind, gehen die Alarmierungen der Luftrettung zurück. Meist besteht der Job nämlich nur darin, möglichst schnell einen Notarzt an Ort und Stelle zu bringen, während der Patient dann in einem Krankenwagen ins nächste Klinikum gebracht wird. Nur etwa sechs Prozent der Patienten werden letztendlich mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus eingeliefert.

 

Unfälle mit Kindern zehren dabei besonders an den Nerven, sagt der Pilot. Bevor der Hubschrauber an der Station abheben kann, muss sich die Crew auf den Patienten vorbereiten. Es ist ein Kind? Wie alt, wie groß und wie schwer ist es? Es muss Material passend für Kinder zum Einsatzort mitgenommen werden, und weil Einsätze mit Kindern selten sind - 150 von heute 1800 Einsätzen im Jahr -, müssen sich die Ärzte teilweise während des Fluges noch mal der Behandlung und Dosierung vergewissern.

 

Die Einsätze, zu denen das Team gerufen wird, können schlimm sein, die ganze Crew mitnehmen. Der ADAC legt viel Wert auf die Gesundheit der Besatzungsmitglieder und nutzt ein dreistufiges System zur Verarbeitung von belastenden Einsätzen: Erstens kann sich die Crew für eine kurze Zeit nach dem Flug abmelden und gemeinsam über das Erlebte sprechen. Diese Zeit kann genutzt werden zu reflektieren, was bei diesem Einsatz gut funktioniert hat und was vielleicht weniger. So kann die Rettung für Berlin und Brandenburg ständig optimiert werden.

 

Zweitens kann das Team mit extra ausgebildeten Kollegen aus demselben Berufsfeld, aber von anderen Stationen den Einsatz besprechen und verarbeiten. Wenn sich die betroffene Person trotzdem noch nicht einsatzfähig fühlt, greift drittens das Gesundheitsmanagement: Man wird an ausgebildete Psychologen weitergeleitet, die einen bis zur Einsatzfähigkeit betreuen. Was sicher auch die Verarbeitung erleichtert: mitkriegen, dass der eigene Einsatz den Patienten geholfen hat und dass sie sich bedanken. Nico Hellmann erzählt von einem Einsatz mit einem achtjährigen Mädchen, das morgens auf dem Schulweg von einem Transporter erwischt und schwer verletzt wurde. "Einerseits bewegend und im Nachgang einfach schön", als sich wenige Monate nach dem Unfall die Familie bei ihm meldet und ihn zu einer Dankeschön-Gartenparty einlud. "Es war einfach schön zu sehen, wie das Mädchen dann wieder mit ihren Freunden rumsprang und das Leben genießen konnte."


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.04.2024, Nr. 77, S. 30 - Eva Gudermann, Droste-Hülshoff-Gymnasium, Berlin

zurück