Im Süden von München befindet sich der älteste Cowboyclub Europas. Dort treffen amerikanischer Entdeckergeist, deutscher Fleiß und bayerische Geselligkeit aufeinander.
Interessiert schnaubend blicken "Duke" und "Professor" auf, wann immer die Glocke einen Neuankömmling ankündigt. Dann richten die spanischen Pferde ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Ranch, wo sie weiter ihre Runden drehen und wie die heimlichen Hüter des nahen Saloons wirken, aus dem ein Mann heraustritt. Das warme "Servus" von Rainer Funke erinnert daran, dass diese Szene nicht etwa in Texas oder Wyoming, sondern in Thalkirchen im grünen Süden Münchens spielt. Seit fünf Jahren ist er Mitglied, seit Kurzem Schriftführer des Münchner Cowboyclubs, dem eigenen Angaben zufolge ältesten Cowboyclub Europas. Der 41-Jährige trägt Stoffhose und grobes Hemd, sein Hut - der ihm, wie er später erzählt, einen dreistelligen Betrag kostete - zeichnet ihn unverkennbar als Cowboy aus. "Komm rein!", lädt er in den Longhorn-Saloon ein, das Herzstück des Clubs. Dort fühlt man sich auf eine rustikale Weise heimisch. Landschaftsgemälde, Flaggen Amerikas und Jagdtrophäen schmücken die Holzwände. Ein Pianist spielt nahe dem Kamin eine Ragtime-Melodie. Eine kleine Treppe führt zu einer erhöhten Stube mit Sätteln, historischen Fotos und Exponaten hinter Vitrinen. "Hier kommen wir zu den Sammlungen oder Nachstellungen", sagt Funke. "Das alles wurde von Mitgliedern gespendet." Die Kleidung eines mexikanischen Vaqueros, Federschmuck der Sioux und Uniformen des amerikanischen Sezessionskrieges, darunter viele Originale.
Dem Club ist das Kunststück gelungen, selbst zu einem veritablen Geschichtsstück zu werden. Überall stößt man auf das Gründungsjahr 1913, meist begleitet von den Porträts der drei Gründerväter. Sie alle waren junge Männer - "Burschen in deinem Alter, vielleicht noch etwas älter", meint Funke - die vom damaligen Einfluss der amerikanischen Kultur wie besessen waren. Karl Mays Bestseller von Winnetou und Old Shatterhand erschufen den eigenen deutschen Wildwestmythos. Der Cowboy-Showman Buffalo Bill wurde 1890 auf der Theresienwiese von Tausenden bejubelt. Viele Bayern hatten emigrierte Verwandte in der Neuen Welt, die durch Atlantikdampfer und Telegraphen fast zum Greifen nah schien. Dann kippt seine Erzählung, die Auswanderträume wurden von der Realität zunichte gemacht. Da das Geld fehlte und der ausbrechende Weltkrieg die wachsende Gemeinschaft der Amerika- Enthusiasten in Deutschland hielt, musste sie sich etwas einfallen lassen. Sie suchten Kontakte in die USA, lernten Englisch, nähten sich authentische Kleidung, spielten Szenen des Wilden Westens an der Isar nach. "Nach dem Motto: Dann machen wir uns unser eigenes Amerika zu Hause!", erklärt Funke beim Blättern durch Vereinschroniken. Aus dem Gründer Fred Sommer wurde "Häuptling Abendwind", aus dem provisorischen Zeltlager das eigene Isargrundstück und aus den streunenden Cowboys ein fester Bestandteil des Stadtbildes, zu dessen 100-jährigem Jubiläum eine Ausstellung vom Bürgermeister und Ehrenmitglied Christian Ude eröffnet wurde.
Der Saloon füllt sich. Ein reger Samstagmorgen, der "Foreman" des Clubs, Christian Ziegelbauer, grüßt. Für den Nachmittag wird ein historischer Tanzkurs vorbereitet. Auf knapp drei Hektar schlummert eine Westernstadt in voller Montur. Unweit von Saloon und Stall liegt das Biwak, ein offener Lagerplatz voller Holzhütten und Tipis. Hier können sich etablierte Mitglieder gestalterisch austoben und, wenn sie wollen, übernachten. "Fortune Teller - Talk 5$" heißt es auf einer der Westernhütten. Funkes Zelt wirkt unscheinbar. Beim Betreten präsentiert sich seine stattliche Sammlung an Kuriositäten. Es türmen sich Karten der USA und Kanadas, Pfannen, Konservendosen und ein funktionstüchtiges Grammophon.
Wie stieß Funke, außerhalb seines Cowboydaseins Familienvater und Audioingenieur bei BMW, auf die Wildwestszene? Sein erster Kontakt kam, so klassisch wie banal, durch die Medien seiner Jugend zustande. Allen voran die Lucky-Luke-Comics des Belgiers Morris entführten ihn in das bunte, oft widersprüchliche Setting, hinter dem sich ein fester historischer Kern versteckt. "Das alles hat mich dann nicht mehr losgelassen." Nachdem er seine Wildwest-Faszination nur sporadisch auslebte, regte ihn ein Besuch des Clubflohmarktes zum Beitritt an. Die Wahl in den Vorstand war nach Jahren des Engagements fast schon Formsache. Schriftführer wie Funke assistieren bei amerikanistischen Forschungsanfragen, ermöglichen den Dreh einer "Terra X"-Sendung und sind mit der deutschlandweiten Korrespondenz mit Museen und anderen Wildwestclubs fleißig beschäftigt. Denn der Cowboyclub sehe in allem seine Verantwortung als gemeinnütziger Verein, der sich der Sammlung und Vermittlung von kulturhistorischem Wissen verpflichte. "Alles, was es im 19. Jahrhundert gab, ist für uns interessant." Ob Musik oder Sprache, Kleidung oder Kulinarik, Reiten oder Bogenschießen - die gut 100 Mitglieder beschäftigen sich mit dem Topos Amerika in allen erdenklichen Weisen. Neben den für Geschichtsclubs klassischen Reenactments, in denen Szenen des Alltags nachgespielt werden, teilen die Hobbyisten ihr Wissen in Vorträgen, Workshops oder öffentlichen Veranstaltungen. Historiker nennen dies "living history". Für die Besucher beim alljährlichen Tag der offenen Tür sind es in erster Linie tolle Shows, die aber ein tieferes Interesse wecken sollen.
Da bleibt die alte Faszination groß, auch während die deutsche Wildwestkultur seit einigen Jahren verstärkt hinterfragt wird. So warf die mittlerweile unterbrochene Herausgabe einer neuen "Winnetou"-Kinderadaption eine alte Frage neu auf: Darf man sich aus europäischer Perspektive anmaßen, aus der Eroberung Nordamerikas eigene Mythen zu kreieren? In der Wildwest-Historie enthalten war stets auch die Diskriminierung von Frauen und ethnischen Minderheiten wie den Indigenen - womit sogleich das nächste Problem auftaucht. Der Begriff "Indianer" wird als eine von Europäern erdachte Fremdbezeichnung für die verschiedensten Gruppen immer häufiger vermieden. Diese Pauschalisierung sei durchaus irreführend, reflektiert Funke. Jedoch werde die Bezeichnung von den Einheimischen selbst benutzt, auch um die gemeinsame Leidensgeschichte zu betonen. "Überhaupt wollen wir nichts vertuschen oder beschönigen, sondern gescheit mit dem Thema umgehen." Wildwest sei für die Mitglieder kein Dogma, sondern ein Hobby, in dem man über Stereotype aufkläre und sich mit der tatsächlichen Quellenlage befasse, um sie lebhaft in die Gegenwart umzusetzen. "Oft kommt man da auch an natürliche Grenzen", gibt Funke zu, viele Aspekte kann oder will man nicht reproduzieren. Zupfinstrumente wie das Banjo mussten früher aus Tierinnereien gemacht werden, die Beleuchtung erfolgte durch mittlerweile verbotene Gaslampen, heute alles leicht ersetzbar. "Das sind Anachronismen", stellt er fest, doch für das zeitgemäße Handeln und Auftreten wichtig. Auch die Atmosphäre des rauen und, nun ja, wilden Westens ließ der Club in seiner Historie schon bald hinter sich: Ein den Männern vorbehaltener Freizeitclub wandelte sich zu einem offenen Verein zum Erhalt und zur Weitergabe der gemeinsamen Leidenschaft.
Wie es weitergeht in diesem Projekt, das amerikanischen Entdeckergeist, deutschen Fleiß und bayerische Geselligkeit unter einem Tipi zu vereinen sucht? Man will präsent sein, sich und der Vergangenheit treu bleiben und nach interessiertem Nachwuchs Ausschau halten. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 50 Jahren.