Nicole Kumpis ist die einzige Präsidentin im deutschen Profifußball. Im Januar wurde sie wiedergewählt. Am liebsten steht sie in der Südkurve.
Manchmal zwicke ich mich und denke: Wow, wer hätte gedacht, dass ich aus der Südkurve heraus hier irgendwann mal stehe und Präsidentin der Eintracht bin?" Nicole Kumpis sitzt lächelnd auf einem schwarzen Stuhl mit Eintracht-Wappen im Besprechungsraum der Vereinsgeschäftsstelle. Sie trägt eine schwarze Brille und einen farblich passenden Blazer. Seit März 2022 ist sie Präsidentin des Braunschweiger Turn- und Sportvereins (BTSV), dessen Männer in der Zweiten Fußball-Bundesliga spielen. Der Weg zum Fußball war für die 50-Jährige früh vorgezeichnet. Fast ihre ganze Familie spielte beim SV in Stöckheim, einem Stadtteil im Süden Braunschweigs. Kumpis wuchs sozusagen auf dem Fußballplatz auf. Durch ihren Vater war die Verbindung zur Eintracht da. "Ich konnte mir das quasi nicht aussuchen, mein Vater hat mich in der Kinderkarre mitgenommen, und seit ich stehen konnte, gingen wir in die Südkurve."
In der Südkurve finden mehr als 9000 Fans Platz. Sie gilt als Herz des Stadions, hier pulsiert die Stimmung. Der dort mittig liegende Block 7 sei einer ihrer absoluten Lieblingsorte. Früher verfolgte Kumpis von dort aus mit Freunden und Verwandten jedes Spiel, immer am selben Wellenbrecher stehend. Faszinierend sei, dass man am weitesten vom Spielgeschehen entfernt ist und es so ganz anders beobachtet als andere Stadiongänger.
Während ihrer Schulzeit hat Kumpis eine klare Vorstellung: "Wer mich damals gefragt hat, wie ich mir meine Zukunft vorstelle, der hat zur Antwort bekommen, dass ich unbedingt im sozialen Bereich Verantwortung übernehmen möchte." Darum schreibt sie sich an der Fachhochschule Braunschweig-Wolfenbüttel für einen Doppelstudiengang ein, den sie als Diplom-Sozialpädagogin und Diplom-Sozialarbeiterin abschließt. Es folgen Tätigkeiten beim Jugendamt Braunschweig, der Oskar Kämmer Schule und dem Refugium-Flüchtlingshilfe e.V.
Im Frühjahr 2018 ändert sich dann Kumpis' Perspektive auf die Eintracht. Miriam Herzberg, damalige geschäftsführende Vorständin der Eintracht Braunschweig-Stiftung, schlägt Kumpis als ihre Nachfolgerin vor. Die Stiftung wurde 2015 gegründet, um alle sozialen Projekte des Vereins zu bündeln. Kumpis lag diese Tätigkeit am Herzen, weil "alles, was wir hier als Eintracht erfahren, als gesellschaftliche Verantwortung durch die Stiftung zurückgegeben wird". Drei Jahre lang dauert ihre Amtszeit, bis sich im Frühjahr 2021 eine neue Tür öffnet. Seitdem ist Kumpis Vorständin des Kreisverbandes des Deutschen Roten Kreuzes Braunschweig-Salzgitter. Dort leitet sie "alles, was es da gibt: von den Rettungswachen über die Krippen bis hin zum Seniorenheim und Beratungsstellen". Sie steht für knapp 600 hauptamtliche und fast noch mal so viele ehrenamtliche Mitarbeiter gerade.
Von der Eintracht hat sie aber noch nicht genug. Nur wenige Monate nach ihrem Weggang wird ihr angeboten, als stellvertretende Präsidentin zu kandidieren. Doch bei der Wahl im November 2021 erhält der amtierende Präsident keine Mehrheit, sodass auch Kumpis gemeinsam mit den restlichen Kandidaten bei dieser Mitgliederversammlung nicht antritt. Trotzdem bleibt die Mutter eines erwachsenen Sohns am Ball. "Ich habe sehr kurz nach der Versammlung im November schon signalisiert, dass ich mir auch vorstellen könnte, als Präsidentin anzutreten." Im März 2022 erhält sie die Chance, in dieses Ehrenamt gewählt zu werden. Es kommt zu einer historischen Präsidentenwahl in der Geschichte des BTSV. Nicht nur, weil zum ersten Mal eine Frau gewählt wird, sondern auch, weil erstmals zwei Personen kandidieren. "Wir waren alle sehr nervös vor der Wahl, betrieben Wahlkampf, kamen mit den verschiedenen Abteilungen und Mitgliedern ins Gespräch und durchlebten eine sehr intensive Zeit. Und dann spitzte sich alles auf diesen einen Abend zu." Kumpis berichtet, dass keiner damals sicher behaupten konnte, "ja, ich werde heute gewählt". Am Ende entscheiden sich die Mitglieder des Vereins knapp für sie. Sie erhält 472 von 890 Stimmen und wird Deutschlands einzige Präsidentin im Profifußball.
Stolz macht sie das nicht. Im Gegenteil, sie findet es "eher traurig, weil es eigentlich kein Thema mehr sein sollte. Wir haben jetzt das Jahr 2024 und reden immer noch darüber, dass ich die einzige Präsidentin bin." Sie sagt, dass sie sich zwar freue, mittlerweile auch Frauen in den Aufsichtsräten der Profiklubs zu sehen und sie sich regelmäßig innerhalb eines Netzwerks austauschen. Mit Blick auf die zukünftige Rolle der Frauen im Profifußball denkt sie allerdings, "dass noch ein relativ langer Weg zu gehen ist, auch weil man sich fragen muss, warum Frauen nicht so gern in die erste Reihe gehen und sich eher in Reihe zwei wohlfühlen". Dafür verantwortlich macht sie gesellschaftliche und strukturelle Problematiken, die immer noch dazu führen würden, dass vielen Frauen Reihe zwei reicht. Auch unsachliche Kritik kommt einer Frau in "Reihe eins" dieser Branche immer wieder zu Ohren. "Es kommt vor, dass Menschen mich ansprechen und dem ganzen Thema nicht immer wohlgesonnen sind." Sie müsse sich immer wieder anhören, "ihr fehlten Kompetenzen" oder "dass sie nur für die Frauenquote Präsidentin sei". "Aber die große Mehrheit findet es gut, was ich mache und dass ich Präsidentin bin." Kumpis bleibt entspannt und meint, dass man auf unsachliche Kritik nicht immer hören müsse. Für all das nimmt sie eine hohe Belastung in Kauf. Sie sagt, dass sie rund um die Uhr erreichbar sei und eigentlich zwei Vollzeitjobs habe. "Ich habe mein Privatleben schon ziemlich runtergefahren." Wenn sie nicht bei der einen Tätigkeit sei, beschäftige sie sich mit der anderen. Als Ausgleich dazu meditiert sie morgens und macht Yoga. "Das weiß auch jeder, dass es dann doch eine Stunde gibt, in der ich nicht erreichbar bin", sagt sie lächelnd. Ihre Wochenenden nimmt häufig das Ehrenamt ein. Dann stehen die Spieltage der Profis an. Da hält sie sich viel im Business-Bereich der Haupttribüne auf und begrüßt dort Sponsoren oder Delegationen der Gästemannschaft. Sie kommt aber auch mit normalen Fans ins Gespräch. Ihr sei es wichtig, während des Spiels zwischen ihnen zu sitzen, sowohl den Frust nach einem verlorenen als auch die Freude nach einem gewonnenen Spiel mitzubekommen. Zudem versucht sie, die meisten Auswärtsspiele zu besuchen, kann dies jedoch nicht immer mit ihrem Hauptjob, der Tätigkeit beim DRK, vereinbaren.
Seit nunmehr zwei Jahren ist Kumpis Präsidentin des BTSV und wird es nach ihrer Wiederwahl im Januar noch bis mindestens 2026 bleiben. Wichtig für eine stabile Zukunft des Vereins ist ihr vor allem eines: den Ruf einer "Fahrstuhlmannschaft" loszuwerden und die Eintracht im Zusammenspiel von Verein, Stiftung und Profimannschaft nachhaltig zu stabilisieren. Auch die Frauenmannschaften des Vereins spielen für sie eine wichtige Rolle. "Wir haben ganz oft im Frauenleistungssport noch Strukturen, die es den Frauen nicht ermöglichen, ihrem Sport voll nachgehen zu können, oder sie nicht dabei unterstützen." Als Beispiele nennt sie schlechtere Vertragssituationen als bei den Herren oder fehlende Infrastruktur. Sie will "eine Verbesserung der Infrastruktur für alle, die beim BTSV Leistungssport betreiben", das sind vor allem Frauenteams. Denkt sie an einen bewegenden Moment in ihrer Karriere, fällt ihr folgende Situation ein: Ein Mitarbeiter beim DRK kam mit seinen zwei kleinen Söhnen in ihr Büro. Sie hatten den Mannschaftsbus gemalt. "Die beiden standen dann nervös vor mir und übergaben mir mit zittriger Stimme das Bild, weil sie so stolz waren, die Präsidentin von Eintracht Braunschweig zu treffen. Das hat mich sehr bewegt und ist für mich ein Moment, in dem ich denke: Ja, genau diese Begegnungen sind der Antrieb, den du brauchst, um das jeden Tag aufs Neue zu machen."