Ein Kremationstechniker führt durch seine Einrichtung im Kanton Zürich
Und das sind die beiden Kühlräume, in denen je 23 Leichen Platz finden." So beginnt die Führung des 58 Jahre alten Hans Knoll durch das Krematorium der Gemeinde Rüti im Kanton Zürich. Er ist bereits seit rund 50.000 Kremationen angestellter Kremationstechniker und hat sich über die Zeit viel Wissen und Erfahrung angeeignet. Man läuft durch einen schmalen Gang mit weißen Wänden, links und rechts jeweils eine Tür aus Stahl, hinter denen sich die gekühlten Särge befinden, und am Ende des Ganges ein Licht. "Das Licht am Ende des Tunnels, so nennen wir es", meint Knoll. Ein kurzer Blick in einen der Kühlräume reicht aus, um ein mulmiges Gefühl zu wecken, und die 3 bis 5 Grad Celsius, die im Innern herrschen, verstärken dieses Gefühl noch. Eine Etage über den Kühlräumen befindet sich die Aufbahrung, ein Raum, in dem man durch eine Öffnung in den unten eingeschobenen Sarg blicken kann. Hier können die Familien in Ruhe Abschied nehmen. "Das Mitgeben von persönlichen Gegenständen ist auch erlaubt", sagt Knoll. Er wirkt sehr ruhig während der Führung. Es ist schwierig zu sagen, ob er von seinem Job begeistert ist. Man hat mehr den Eindruck, er ist sich bewusst, dass sein Beruf etwas Besonderes ist.
Nach der Aufbahrung geht es außen rum. Das liegt daran, dass sie mittlerweile eine Alarmanlage installiert haben. "Tatsächlich wurde hier schon eingebrochen." Das wirkt im ersten Moment zwar merkwürdig, aber Knoll meint: "Es eignet sich gut, es herrscht Ruhe, und dass man zufällig jemandem begegnet, ist sehr unwahrscheinlich." Plötzlich stehen wir in einem Raum, der einer Mischung aus Büro und Rezeption gleicht; auffällig ist nur das große Fenster, das einem einen Einblick in einen weiteren Raum verschafft. "Darauf kommen wir später zu sprechen", sagt Knoll. An der Wand befindet sich ein Regal mit vielen verschiedenen Urnen. Hier können die Kunden entscheiden, was für eine Art von Urne sie wollen, aber nur wenn sie die Urne mit nach Hause nehmen. Im Gemeinschaftsgrab sind alle Urnen gleich. Es stellt sich aber nicht nur die Frage, was für eine Urne, sondern auch, ob es überhaupt eine Urne sein soll. Inzwischen gibt es die Option, die Asche der Geliebten in einen Diamanten zu verwandeln. Blättert man den Katalog durch, so wirkt das Ganze surreal. Einen Ein-Karat-Diamanten gibt es ab etwa 25.000 Franken. Immerhin wird dieser mindestens acht Monate lang unter starkem Druck gepresst. Dann geht es durch die Tür neben dem großen Glasfenster. Hier stehen zwei gewaltige Öfen. In ihnen werden bei normalem Betrieb jeden Tag etwa zwölf Kremationen durchgeführt. Das große Fenster in den anderen Raum dient den Nahestehenden dazu, den Prozess mitzuverfolgen. "Ich empfehle das aber nicht", meint Knoll. Denn die Temperaturen von circa 800 Grad lassen den Sarg innerhalb von Sekunden in Flammen aufgehen. Das kann schnell brutal wirken.
Um das zu demonstrieren, öffnet er einen der Öfen, im selben Augenblick füllt eine erdrückende Hitzewelle den Raum, und rotes Licht strömt vom Ofen aus. Nachdem er den Ofen wieder schließt, nennt er Fakten zum Kremationsprozess. Der wird in drei Phasen unterteilt: In der Hauptbrennkammer geschieht der wesentliche Teil der Kremation. Die zweite Phase findet in der Ausbrennkammer statt und dauert etwa 45 Minuten. Zuletzt wandert die Asche in die Abkühlungskammer; das dauert mindestens 30 Minuten. Zusammen macht das 3 bis 3,5 Stunden für eine vollständige Kremation. Der Aufbau eines Ofens ist wesentlich komplizierter, als man denkt. Das dient zur Aufrechterhaltung der Temperaturen und zur Filterung der Rückstände. Anschließend geht es in den Kontrollraum, der sich hinter den Öfen befindet. Auf den Monitoren blinken unzählige Lichter und ein Bauplan der Öfen, auf dem man Temperatur und weitere Werte ablesen kann. "Hier verbringe ich viel Zeit meines Tages", meint Knoll. Nun geht es eine Treppe runter. Direkt unter den Öfen befindet sich das Herz des Krematoriums. Die Asche der kremierten Leichen fällt dort in die dazugehörigen Behälter. "Hier etwas zu vertauschen wäre unverzeihlich."
Tatsächlich ist die "Asche" eigentlich noch keine richtige Asche, sondern mehr noch Knochensplitter, denn Knochen zerfallen nicht einfach zu Staub. Es wird zwar fast alles verbrannt, das Kalzium der Knochen behält jedoch noch seine Form bei. Nun ist es an der Zeit, die abgekühlte Asche von den Nägeln des Sarges zu befreien, die noch von der Kremation aufgrund eines höheren Schmelzpunktes übrig bleiben. Aber nicht nur Nägel fischt man aus der Asche, sondern auch Knie-, Schulter- und Hüftgelenke aus Titan überstehen die Hitze. Anschließend werden die Knochen zerkleinert und zur typischen Asche, wie man sie sich vorstellt. Im nächsten Raum befindet sich eine gigantische Filteranlage. Die vielen Rohre, Trichter und Filter dienen dem Zweck, möglichst wenige Schadstoffe in die Umwelt zu befördern. "Es ist eine intensive Wartung nötig, um hier alles instand zu halten." Das kann anstrengend sein, wenn man bedenkt, dass hier nur vier Mitarbeiter angestellt sind. Knoll legt jeden Tag etwa 17.000 Schritte zurück.
Am Ende der Führung sagt er: "Tatsächlich kam ich durch Zufall an diesen Job. Ich wurde von bereits ausgebildeten Arbeitern angelernt, denn eine richtige Lehre gibt es keine." Er kannte bereits Mitarbeiter. "Es ist schon anstrengend." Sowohl physisch als auch psychisch. "Wer es nicht schafft, nicht jeden Tod zu seinem eigenen zu machen, arbeitet hier nicht lange."