In der Stadt wächst nicht nur der älteste Weinstock der Welt, sondern Europas Jugend zusammen
Zala Kacjan kann es noch immer nicht fassen. "Mein Maribor war nicht mehr wiederzuerkennen", sagt die 18-jährige Schülerin. "Überall Menschen, ständig passierte etwas. So viel positive Energie. Sogar ein Airbus A350 ist auf unserem Flughafen gelandet." Maribor, die zweitgrößte Stadt Sloweniens, liegt am Fuß des Pohorje-Gebirges. Sie hat 100.000 Einwohner. Hier finden Ski- und Mountainbike-Weltcuprennen statt. Und die Stadt organisiert jedes Jahr bedeutende Kulturfestivals. 2012 war Maribor europäische Kulturhauptstadt. Das Stadtzetrum prägen Bauten aus der Renaissancezeit. Am Ufer der Drau wächst der älteste Weinstock der Welt, sein Alter wird auf über 400 Jahre geschätzt.
Im vergangenen Jahr war die Stadt im Juli Gastgeber der Europäischen Olympischen Jugendspiele (EYOF). An dem Sportfest, das alle zwei Jahre stattfindet, nahmen 3600 Jugendliche aus 48 Ländern teil: im Kunstturnen, Leichtathletik, Radsport, Handball, Judo, Schwimmen, Tennis, Volleyball, Skateboarding und 3×3-Basketball. Alle feierten die drei zentralen olympischen Werte Exzellenz, Respekt und Freundschaft. Überall auf Straßen und Plätzen gab es sportliche Highlights, Spiele für Kinder, Konzerte und Tanzveranstaltungen. Rok Gregoric, ein 17-jähriger slowenischer Jugendhandballer, erzählt nach dem gegen Deutschland verlorenen Finale: "Es war fantastisch, hier zu spielen, denn bei der EYOF ist das Niveau viel höher als in der slowenischen Jugendliga. Im Eröffnungsspiel haben wir gegen die Deutschen noch gewonnen, aber heute waren sie einfach besser. Und schließlich haben unsere Volleyballmädchen im Endspiel Deutschland besiegt. So gleicht sich sportlich alles wieder aus."
Außer den Sportlern nahmen auch 800 junge Freiwillige aus ganz Europa zur Unterstützung des Festivals teil. Sie erhielten freie Unterkunft und Verpflegung sowie einen Rucksack mit einer Art Uniform. Zala Kacjan erzählt: "Ich habe zum ersten Mal Judo und Skating gesehen, beides hat mich total begeistert. Ich konnte mein Englisch nutzen und verbessern, denn wir haben viele internationale Sportler und Freiwillige kennengelernt." Mark Sagadin, ein 16-jähriger Freiwilliger aus Maribor, erzählt, dass er bei der Akkreditierung im Einsatz war und nicht wirklich viel zu tun hatte. "Deshalb habe ich meistens die unterschiedlichen Sportveranstaltungen im Livestream verfolgt. Ich glaube, das Festival war besonders gut, um Freundschaften über Altersgrenzen hinweg zu schließen. Ich habe sogar einen Fotografen kennengelernt, der 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles aktiv gewesen ist." Andere Freiwillige erzählten ihm, dass sie bei den Siegerehrungen den VIPs die Medaillen und Maskottchen anreichten. "Die haben dann auch die slowenische Staatspräsidentin Natasa Pirc Musar und Spyros Capralos, den Präsidenten des Europäischen Olympischen Komitees, begleitet und sich mit ihnen unterhalten dürfen." Den Athleten habe auch das leckere Essen und die Betreuung gefallen, sagt Sagadin. "Für das Team der 100 Norweger wurden von unseren Freiwilligen 90 Minuten lang Waffeln gebacken, weil das eine Tradition der Norweger bei diesen Jugendfestivals ist."
Kochen und Genuss haben in Maribor ebenfalls Tradition. So fand dort 2023 ein weiteres europäisches Jugendtreffen statt. Vom 16. bis 21. April tagte das Europäische Jugendparlament (EYP) der Europäischen Vereinigung der Hotel- und Tourismusschulen (AEHT). Aus 15 EU-Ländern nahmen 50 Studierende und Auszubildende daran teil. Zan Mubi war zu dieser Zeit Präsident des Jugendparlaments. Er erklärt: "Alte Leute haben alte Ideen, junge Leute haben junge Ideen." Lachend ergänzt der 26-jährige Diplomand der Hochschule für Gastgewerbe im slowenischen Alpenort Bled: "Doch ältere Menschen bringen junge zusammen, um junge Ideen entwickeln zu können." Jerneja Lesnik gehörte zu diesen "älteren" Organisatoren. Die 40-jährige Slowenin hat einen Master in Ökonomie und promovierte im Gesundheitsmanagement. Seit 2022 ist sie an der Fachhochschule für Hotel- und Gaststättengewerbe in Maribor. Dort war sie im Projektmanagement für die Vorbereitung des Jugendparlaments zuständig. "Diese Veranstaltung gibt es schon mehr als 15 Jahre. Sie ist angelehnt an das allgemeine europäische Jugendparlament", erzählt sie, "aber mit dem Fokus auf Tourismus, Kommunikation, Hotellerie und Kulinarik. Schirmherrin ist die AEHT, das größte Netzwerk im Bereich des Tourismus in Europa." Die grundsätzliche Idee sei die parlamentarische Diskussion Jugendlicher im Bereich relevanter touristischer Themen. "Dazu gehören für uns die sogenannten Soft Skills Kreativität, Networking, Problemlösungsstrategien und vor allem auch Fremdsprachen und kommunikative Kompetenzen", ergänzt Lesnik in fließendem Deutsch. Remco Koerts leitet hauptberuflich die internationale Abteilung des ROC Mondriaan in den Niederlanden, eines Netzwerks von 28 Schulen mit mehr als 25.000 Auszubildenden. Der 49-Jährige war AEHT-Präsident und ist derzeit als Vizepräsident zuständig für internationale Wettbewerbe. Er erklärt: "In diesem Jahr waren unsere Themen: Nachhaltigkeit, Digitalisierung und der große Fachkräftemangel, der sich durch die Corona-Pandemie sogar noch vergrößert hat." Vor allem aber gehe es um ein internationales Angebot für die Studierenden. "Unser Parlament ist noch klein, aber es wächst. Wir möchten junge Leute aus ihrer Komfortzone holen, sie auch zum Fremdsprachenlernen anregen, weil so internationale Kontakte entstehen, gepflegt und erweitert werden."
Deshalb sind auch die jungen Studierenden der Mariborer Fachhochschule integriert, so wie die 22-jährige Nusa Prejac. "Mein Beitrag war die Unterstützung der Organisation von Transfers und der Verwaltung. Unser Programm hat sich auf kulturelle, gastronomische und unterhaltsame Angebote in Maribor und der Umgebung konzentriert." Bei den internationalen Gästen ist das gut angekommen. Vittoria Cazzola, eine 19-jährige Schülerin am Institut Vergani im italienischen Ferrara, erzählt: "Es war das erste Mal für mich in Slowenien. Maribor hat mir wunderbare Erinnerungen geschaffen. "
Das gesamte Programm ist mit hohen Kosten verbunden. Der 56-jährige Ronald Thill ist Leiter der Ausbildung für Patisserie an der Schule für Hotel und Gaststättengewerbe in Luxemburg und Generalsekretär der AEHT und "dankbar für die große Unterstützung durch die EU. Nur so können wir auch unsere Studierenden international fördern." Das zentrale Programm beim Jugendparlament sei immer das Debattieren. Dazu braucht man viel Hintergrundwissen und rhetorisches Geschick. Korina Novak ist die neue Präsidentin. Die 19-Jährige von der Schule für Tourismus und Gastgewerbe im kroatischen Bjelovar freut sich auf ihre Arbeit: "Alle hier im Jugendparlament waren so motiviert und fokussiert."