Musicaldarstellerin Shedea Dona Walser über ihr Leben und ihren natürlichen Afro
In jeder Vorstellung saß meine Großmutter in der vordersten Reihe, auf ihrem T-Shirt prangte mein Gesicht", erinnert sich die Aargauerin Shedea Dona Walser an ihre Zeit als Hauptdarstellerin im Musical "Sister Act" in Basel im Herbst 2023. Ein Wunsch sei in Erfüllung gegangen. "Seit ich sechs Jahre alt bin, ist es mein Ziel, Musicaldarstellerin zu werden." Im Keller-Studio in Zürich ist das Licht gedämpft. "In der Musik kann ich ganz ich selbst sein, beim Schauspielen hingegen schlüpfe ich in eine Rolle." Beides liebe sie. "Ich könnte mich nicht für eines entscheiden." Die Fünfundzwanzigjährige trägt eine weiße Schlaghose und ein buntes Hemd. "Die Nala im Disney-Musical 'König der Löwen' spielen zu dürfen wäre unglaublich." Sie streicht durch ihren natürlichen Afro. Shedea träumt von einer internationalen Karriere. "Die Schweiz ist wunderschön, aber ich muss hinaus in die Welt, denn es gibt kein Schweizer Filmmusical."
Ihre Entschlossenheit habe sie von ihrem Vater. "Er besaß einen starken Kampfgeist, der es ihm ermöglichte, den Schritt aus seiner Heimat Surinam zu wagen und eine Karriere als Musiker in den Niederlanden zu beginnen." Vor sieben Jahren verlor Shedea ihn an Krebs. Auf der Bühne singt sie manchmal für ihn. "Wenn mein Vater noch eine Stimme hätte, würde er weiterhin seine schönen Botschaften verbreiten wollen." Sie wuchs ohne ihn auf. "Er besuchte mich bis zu meinem dritten Lebensjahr, danach brach er den Kontakt ab." Ihre Eltern lernten sich auf einer Hochzeit in der Schweiz kennen, zu der ihr Vater für einen Auftritt angereist war, und wurden später ein Paar. Da ihr Vater jedoch in den Niederlanden lebte, wo er sich seiner Musikkarriere und seinen Kindern aus anderen Beziehungen widmete, lebten ihre Eltern nie zusammen. Trotz der fehlenden Nähe ist Shedea ihm dankbar. "Er gab meinen vier Halbgeschwistern und mir die Leidenschaft für die Musik mit und hat uns so verbunden. Er war ein Grund, warum ich mit dem Singen angefangen habe." Erst im Alter von 17 Jahren, als ihr Vater im Sterben lag, lernte Shedea ihre älteren Halbgeschwister kennen. "Bei unserem ersten Treffen sangen wir gemeinsam 'Stand by Me', begleitet von der Gitarre meines Halbbruders", erzählt sie bewegt. Sie baute eine enge Beziehung zu ihren beiden Schwestern auf. Aufgezogen wurde sie in der Schweiz, von ihrer Mutter, einer gebürtigen Schweizerin, und ihrer Großmutter mütterlicherseits. "Meine Großmutter war ein Vaterersatz für mich. Sie nahm mich oft in ihre Malkurse mit."
Shedea reist häufig quer durch Europa. "Für eine Beziehung bleibt mir keine Zeit", erklärt sie lachend. Kürzlich war sie für ein Musical-Casting mehrfach in Hamburg. Der Zug sei zu ihrem zweiten Zuhause geworden. Auch ist sie mit ihrer Rolle in einem Schweizer Spielfilm beschäftigt. Aktuell liege ihr Schwerpunkt auf der Musik. "Ich möchte mit meinen Songs der Welt zeigen, wer ich bin. Es geht um meine Reise zu mir selbst." Stilistisch bewegt sie sich im Soul und R&B. "Obwohl sich mein Beruf nie wirklich wie Arbeit anfühlt, habe ich kaum Ferien oder Pausen. Es fällt mir schwer, abzuschalten. Wenn ich in mein Himmelbett krieche, mich in meine flauschige Bettdecke kuschele und an meine mit Sternen beklebte Wand schaue, rattert es in meinem Kopf weiter. - At home I live a princess life."
Manchmal muss sie schwierige Entscheidungen treffen: "Soll ich zum 50. Geburtstag meiner Schwester gehen oder die Eröffnungsnummer einer riesigen Show sein?" Sie entschied sich für den Auftritt. "Das tut mir dann innerlich weh, weil Familie und Freunde und Freundinnen für mich eigentlich an erster Stelle stehen." Sie ist dankbar für ihr verständnisvolles Umfeld. "Den Stolz meiner Familie und meiner Freunde zu spüren, wenn ich auf der Bühne stehe, bedeutet mir sehr viel. Sie glauben an mich und unterstützen mich bedingungslos." Sie wünscht sich, ihrer Familie später auch finanziell etwas zurückgeben zu können.
Sie hat lernen müssen, mit Stress umzugehen. "Im Vergleich zum Anfang teile ich meine Energie jetzt besser ein. Früher wollte ich alles alleine machen. Heute weiß ich, dass die Qualität meiner Arbeit zunimmt, wenn eine Kamerafrau, ein Editor, ein Maskenbildner, eine Regisseurin und eine Produzentin mitdenken." Persönliches spielt für sie eine große Rolle. Auf einem Festival performte sie einen eigenen Song, der von ihrem Afro handelt. Sie will andere ermutigen, ihn offen zu tragen. "Nach dem Auftritt bin ich zu den Kindern in der ersten Reihe gegangen, die während des Konzertes auf ihren Afro zeigten. Sie erzählten mir, dass ich ihr Vorbild sei und sie wegen mir ihre Haare natürlich tragen", sagt sie gerührt. "Das war einer meiner schönsten Tage. Denn das habe ich mir als Kind auch gewünscht: ein Vorbild."