In seiner Laufbahn gab es einige Hürden

Der Schweizer Leichtathlet Manuel Gerber war bei der U-20-EM in Jerusalem erfolgreich

Eigentlich ist er ein ganz gewöhnlicher junger Mann. Doch wenn er seine Sportschuhe anzieht, geht's los. Der 19-jährige Gymnasiast Manuel Gerber lebt in Andwil, einer kleinen Gemeinde im Kanton St. Gallen. Er hat braunblaue Augen, markante Wangengrübchen, kurze braune Haare und ist Leichtathlet. Sein Spezialgebiet: sprinten.


Aufgrund der sieben bis acht Trainings bleibt ihm unter der Woche wenig Freizeit. "I bi mega dankbar, dass mini Familie mi uf mim Wäg unterstützt, au wenn sie nöd aktiv i de Liechtathletik tätig sind."


Aktuell besucht er die Kantonsschule in Trogen und die Sportschule Appenzellerland. So muss er hin- und herpendeln. Um fünf Uhr steht er auf, um den Zug nach Trogen zu erwischen. Die eineinhalb Stunden Schulweg nimmt er gerne in Kauf, "will d Sportschuel in grossem Umkreis di einzig Schuel isch, wo Schuel und Spitzensport so kombiniert". Je nach Trainingsplan muss er während des Schultags in die sieben Kilometer entfernte Gemeinde Teufen fahren und kehrt später zum normalen Unterricht in Trogen zurück. Das macht es für ihn etwas schwierig, mindestens drei Mahlzeiten am Tag zu sich zu nehmen. Die Fachmittelschule hat er abgeschlossen, nun ist er auf dem Weg zur Matura. Wie die meisten seiner Mitschüler in der Sportschule weiß auch er: "Sport isch immer über em Lerne." Keiner verlangt Bestnoten von ihm. Solange die Sportler im Durchschnitt liegen, die Notenvorgaben erfüllen, können sie sich auf den Sport konzentrieren. Sollte das nicht der Fall sein, werden zuerst die Trainings verringert. Das ist Manuel aber noch nie passiert. Was er nach der Matura im Juni 2025 machen werde, sei noch offen. "Min Plan isch es, mi für d' Aufnahmeprüfung fürs Medizinstudium im Summer 2025 azmelden und natürli auch zbestoh." Momentan liegt der Fokus auf einem guten Schulabschluss und der Sportkarriere. "Ä Kombinationslösig wär en Traum, wenn's so guet witerlauft wie jetze." In seiner Laufbahn gab es auch Hürden.


Nach einem gebrochenen Fuß im Dezember 2022 nahm er sich bis Mai 2023 eine Auszeit. Die Chance, sich für die U-20-EM 2023 im August zu qualifizieren, gestaltete sich deshalb schwierig, weil er nur an einem Rennen teilnehmen konnte, um sich dort als einer der drei Besten zu beweisen. Doch er schaffte es. Und er schaffte es auch wieder in das Staffelteam.


Bei der Vorbereitung aufs erste Rennen in Jerusalem, den Vorlauf 200 Meter, war nicht nur Manuel aufgeregt. Zehn Minuten vor dem Start waren die Schuhe seines rumänischen Konkurrenten noch nicht mit Spikes versehen. Schnell half Manuel ihm, alle Nägel einzuschrauben, und das nur fünf Minuten vor dem Startschuss. Und dann schaffte er es, sich mit der persönlichen Bestzeit von 21,19 Sekunden fürs Halbfinale zu qualifizieren. Dort erreichte er dann mit 20,94 Sekunden sogar die zweitschnellste je gelaufene Zeit eines Schweizers in seiner Altersgruppe. So kam er als einziger Schweizer ins Finale. Kurz vor der Zielgeraden rutschte ihm sein Armsleeve runter, was ihn abgelenkt hat. Trotz des Malheurs sprintete er mit 21,17 Sekunden auf den fünften Platz. Das Schweizer Team rückte mit 39,63 Sekunden ins Finale des 4×100-Meter-Staffellaufs. Da Manuels Team im Vorlauf ohne ihn eine Schweizer Bestzeit aufgestellt hatte und am schnellsten war, wurde er auf die Ersatzbank geschickt. Am Finaltag lief dann aber alles anders. Einige Minuten vor dem Start zerrte sich sein Teamkollege Alexis Hirsiger beim Einlaufen den hinteren Oberschenkelmuskel. Nur 15 Minuten vor dem Start wurde Manuel mitgeteilt, dass er doch laufen würde. Das Team holte in 39,87 Sekunden die Goldmedaille.


Manuel absolviert sechs bis sieben Trainingseinheiten pro Woche auf der orangen Laufbahn, für die St. Gallen bekannt ist. Diese finden in der beheizten Sporthalle im Athletikzentrum statt. Die Fenster sind milchig weiß, damit die Sportler nicht abgelenkt werden. Pro Woche gibt es bis zu 15 Trainingsstunden, die vor allem Kraft- und Sprint-, aber auch Regenerationstraining beinhalten. Manuel trainiert in Blöcken, die jeweils drei Stunden dauern. Am Montagabend hat er Krafttraining, am Donnerstag Sprinttraining. Am liebsten trainiert er die Startphase aus dem Startblock, was bei den meisten Sprintern sehr beliebt sei. Das ist das Beschleunigungstraining, erklärt Manuel. Dabei nähern sie sich ihrer Bestform.


Als Kind besuchte Manuel die Jugi, einen Turnverein in Andwil. Mit zehn Jahren nahm ihn seine Leiterin zum Migros-Sprint-Wettbewerb mit, einem Kantonalwettkampf, bei dem er es unter die Top drei schaffte. Danach qualifizierte er sich für das Schweizer Finale der Swiss Athletics Sprint. "So bin ich echli i die Szene inegrutscht." Früher hatte er eine große Liebe fürs Fußballspielen. Mit zwölf Jahren entschied er sich für die Leichtathletik. Da er seine Beine nicht verletzen darf, muss er aufs Kicken verzichten. Zum Glück wird ihm nicht vorgeschrieben, was er essen darf und was nicht. Er ist aber kein großer Fan von Süßigkeiten. Einen Schwarztee mit Milch und die zwei bis drei Mahlzeiten am Tag reichen ihm aus. Doch bei einem kann er sich nicht zurückhalten: "Crêpe isch e Schwächi." An Stadtfesten oder an Fasching genehmigt er sich eine Crêpe. "Crêpes erinneret mich ah die schöni Zit, wo ich in England bi minere tolle Gastfamilie verbrocht han", schwärmt er.


"Zu einem vo mine gröschte Ziel ghört d Teilnahm a de Olympische Spiele." Nach seiner Verletzung ist sein nächstes Ziel aber, richtig gesund zu werden. "I ha durch mini Verletzig glernt, dass mo mit de Ziel flexibel blibe mue und de Blick stets füre richte söll, au wenns eim mengisch nöd immer eifoch fallt, de Fokus zbhalte." Sein aktuelles Ziel hält er sich vor Augen: Er will sich für die U-23-EM 2025 im norwegischen Bergen vorbereiten und gewinnen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.11.2024, S. 26 - Marylyn Mai Thy Nguyen, Felix Hagel, Sara Fiore, Kantonsschule Trogen Illustrationen Jörg Mühle

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