Künstler brauchen Kohle

Werner Casty zeichnet Landschaften, die von einer Schwarz-Weiß-Fotografie kaum zu unterscheiden sind.

Obwohl es regnet, ist die Hofstrasse 99 in Wetzikon im Zürcher Oberland belebt. Es ist ein Industriegebiet. Zwischen zwei Gebäuden, in denen sich Garagen befinden, sieht man einen Eingang und nebenan einen gläsernen Aufzugsschacht. Neben der Tür hat es einen kleinen Kleber: Atelier Werner Casty. Das Atelier befindet sich am Ende eines langen Flurs. Dort schlägt einem ein angenehmer Geruch entgegen: eine Mischung aus Bleistiftspitzabfällen, Holz und Wärme. In dem kleinen Zimmer steht ein großer Tisch, der wie ein verkehrtes, eckiges S aussieht. Dort liegen Stifte jeglicher Art, ein Laptop, Notizbücher, Bohrmaschinen. An den Wänden hängen Kohle- und Pastellkreidezeichnungen.


Casty zeichnet, seit er klein ist. Seine Leidenschaft entwickelte er mit gerade einmal vier Jahren, als er begann, die Märchen der Gebrüder Grimm abzuzeichnen. "Am Anfang hatte ich keine Ahnung, was Kunst ist oder wie man sich der Kunst annähert", meint Casty. Erst mit 20 Jahren begann er richtig Landschaften zu zeichnen und seine Werke auch auszustellen und zu verkaufen. Häufig in der Nähe von Zürich, aber manchmal auch in den USA, etwa im New York Center for Art and Media Studies (Nycams). Aufgewachsen ist er im Bündnerland. Das merkt man an seinem Dialekt. Casty hat in Chur ein Lehrerseminar absolviert, aber er blieb nicht lange Lehrer. "Nach gerade einmal fünf Wochen als Aushilfslehrer war ich nicht mehr so motiviert. Ich konzentrierte mich lieber auf meine Leidenschaft und mein Talent: die Kunst. Als ich 25 Jahre alt war, richtete ich mein erstes Atelier in der Kulturfabrik in Wetzikon ein." Sein Geschäft lief mal besser, mal weniger gut.

Ab und zu arbeitete er auf einer Baustelle, um genug Geld zu haben. "In diesen 15 Jahren, in denen ich allein war, brauchte ich auch nicht viel", sagt er schulterzuckend. Seit 2014 stellt er seine Zeichnungen alle zwei Jahre in einer Einzelausstellung in Zürich aus.

Der 69-Jährige ist ein sehr lebendiger Mensch. Seine dicken, eckigen Brillengläser und seine Ohrenpiercings lassen ihn sympathisch aussehen. Mit seiner Frau lebt er in Wetzikon, seine 31-jährige Tochter ist längst ausgezogen. Casty wandert gerne in den Bergen umher und hat Skizzenheft und Kamera dabei, um einzelne Momente oder Landschaften festzuhalten. Häufig fotografiert er analog, sodass er die Szenen, die er fotografieren will, zuerst genau betrachtet und so sicherer ist, ob er das Foto gebrauchen kann. "Wenn ich von allem, was ich sehe, unüberlegt Fotos mache, habe ich am Ende viel zu viele." Casty fotografiert, was ihm ins Auge sticht.


Seine Motive zeichnet er lieber, als dass er sie malt. "Beim Zeichnen ist alles möglich, das ist irrsinnig." Er habe einmal das Malen ausprobiert, aber schnell gemerkt, dass ihm das nicht liege. Eine Zeit lang hat er große Holzskulpturen angefertigt. Das Zeichnen gefällt ihm aber am besten. "Egal, ob man einen Bleistift, einen Kugelschreiber oder einen Filzstift hat, zeichnen kann man immer." Casty zeichnet oft karge Steingerölllandschaften, Schneewiesen oder die schäumende Gischt des Meeres. "Die Motive, die man zwar sieht, aber bei denen man sich nichts weiter überlegt, faszinieren mich." In seinen Büchern gibt es unzählige Zeichnungen von Berglandschaften und Geröllfeldern mit Schiefergesteinen. Die Landschaften zeichnet er mit solcher Präzision und solchem Geschick, dass sie aus einem Meter Entfernung von einer Schwarz-Weiß-Fotographie nicht zu unterscheiden sind. Casty mag das Detail und zeichnet sehr realistisch, obwohl er gewisse Elemente in seinen Werken frei erfindet oder weglässt, wenn sie ihm nicht gefallen. Die Größe der Zeichnungen variiert von kleinen etwa zehn mal zehn Zentimeter bis zu zwei mal zwei Meter großen Bildflächen.


Die meisten seiner Bilder sind Schwarz-Weiß-Zeichnungen. "Lange hat mir dies genügt, man kann sich dann die Farben selbst vorstellen." Erst seit einem Jahr experimentiert er mit Farben. Er probiert gerne neue Techniken aus. Dazu zählt der Kupferdruck. Nun experimentiert er mit Pastellkreide und Kohle. Sein Lieblingswerkzeug ist aber Graphit. "Zeichnen mit Graphit macht ein bisschen süchtig, weil man so viele Nuancen zur Verfügung hat, und er glänzt sogar ein bisschen."


Auf die Frage, ob er gerne zurück ins Bündnerland gehen würde, antwortet er mit einem klaren Ja. Er hat in den Bergen einen kleinen Stall geerbt, der ausreicht, um dort Ferien zu verbringen. In Wetzikon gefällt es ihm auch. Dort hat er die meisten Freunde und seine Kunstschule. Diese hat er zusammen mit einer Bildhauerin, die er in Australien kennengelernt hatte, 1998 gegründet. 26 Jahre später arbeitet er nun nur noch selten an der Schule, er hat sie an einen Nachfolger weitergegeben.


Am häufigsten zeichnet er in seinem Atelier, auf Reisen oder während einer Bergtour. Dann skizziert er in seinem Heft. Bevor er den Stift ansetzt, überlegt er sich einen "Zeichnungsplan", woran er sich hält. Er bestimmt die Größe des Bildes, wählt den Ausschnitt der Fotos und bestimmt, wo was im Bild seinen Platz hat. Für ein Werk braucht

er etwa ein bis eineinhalb Monate. Er zeichnet gemütlich, meint er. "Drauflosskribbeln" ist für ihn wichtig, es sei immer spannend, was entstehe. Es müsse nicht immer gleich ein Meisterwerk sein. Vielleicht sehe es auf den ersten Blick nicht sehr gelungen aus, aber vielleicht bleibe auch etwas hängen. Viele Leute täten dies zu wenig oder schätzten nur die fertigen Produkte. "Ich mache gerne und darum mache ich es", meint er lachend. Sein Lieblingsbild ist oft dasjenige, das er als letztes fertiggestellt hat. Mit der Zeit gesellt sich das neue Bild dann wieder zu den "normalen" Bildern. Was er an seinen Bildern am meisten mag, kann er nicht genau sagen. "Dass sie irgendwann fertig sind", meint er schmunzelnd.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.10.2024, S. 26 - Dorian Lenggenhager, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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