Karate ist Respekt einflößend

Training mit der jungen Sensei beim Karate-Dojo Kimura Shukokai


Langsam verschwindet die Sonne am Horizont. Eine Gruppe Menschen, von jung bis alt, steht am Eingang des Karate-Dojo Kimura Shukokai Wetzikon. Der Boden ist mit riesigen blauen Matten bedeckt, den Tatamis, die ein weiches, federndes Gefühl vermitteln.

Gummiartiger Geruch steigt in die Nase. Am anderen Ende des Raums steht eine junge, eher kleine Frau. Ihr Körper wirkt fit, sie hat dunkelblonde, schulterlange Haare und ein schmales Gesicht. Der Blick der Menge richtet sich auf sie. Plötzlich durchbricht eine Bewegung die Stille. Die Person vorne verbeugt sich, wie in einer Choreographie folgen die anderen und verneigen sich tief. Mit kraftvoller Stimme ertönt das "Osu", ein japanisches Grußwort, das vor allem in den Kampfsportarten verwendet wird. Synchron antworten alle mit lauter Stimme: "Osu". Die junge Frau heißt Ella Goede. Sie ist 20 Jahre alt und Karate- Sensei im Dojo. Seit mehr als 13 Jahren ist sie dort regelmäßig anzutreffen. "Karate bedeutet mir sehr viel. Es ist Familie für mich und eine wahre Leidenschaft." Der Karate-Stil, den sie ausübt, heißt Shukokai und lässt sich übersetzen mit "Weg für alle" oder "Vereinigung der gemeinsam Trainierenden". Shukokai wurde 1949 von Chojiro Tani gegründet und ist eine Weiterentwicklung des Shito-Ryu-Stils, der in Okinawa entstand,

dem Geburtsort des Karate. Weltweite Verbreitung fand Shukokai unter anderem durch Sensei Soke Shigeru Kimura. Das Ziel dieses Stils liegt darin, dass jeder Einzelne Respekt erfährt, alle wie eine Familie zusammenkommen und sich gegenseitig helfen.


Vor vier Jahren begann Ella, andere als Sensei zu unterrichten. Ein Sensei im Karate ist ein erfahrener Lehrer oder Meister. Neben dem Unterrichten von Techniken vermittelt er die ethischen Grundsätze: Respekt, Disziplin, Ehre. Der Sensei fördert die persönliche Entwicklung seiner Karate-Schüler. Es war ihr Meister, Sensei Loges, der Ella darum bat, selbst zu unterrichten. Zuerst gab sie gemeinsam mit ihm Stunden. Mit der Zeit begann sie eine Leidenschaft für diese Rolle zu entwickeln. "Am liebsten bin ich Coach bei Turnieren.

Es macht mir großen Spaß, die Kinder auf den Kampf oder den Schattenkampf, Kata, vorzubereiten und schließlich ihre Freude zu teilen, wenn sie gewinnen. Auch meine Schüler nach einer Niederlage aufzubauen gehört dazu. Oft lernen sie gerade dann am meisten", erklärt Sensei Ella stolz.


Vor Beginn eines Turniers erhält sie einen detaillierten Plan, der festlegt, welche Schüler sie coachen muss und wann sie an der Reihe sind. Ihre Rolle erfordert viel Organisation. Ella versammelt ihre Schüler am Turniertag, überprüft ihre Schutzausrüstung. Erst dann beginnt das Aufwärmen, und die Schüler zeigen ihr ihre Kata, die sie während des Turniers präsentieren werden. Wenn die Schüler beim Kumite, dem freien Kämpfen, antreten, gibt Ella ihnen Tipps, wie sie taktisch klug kämpfen können. Oft sind die Schüler vor Turnieren nervös und vergessen das Gelernte. Deshalb führt Ella Aufwärmübungen durch, bei denen sie auf die nervösen Schüler zugeht und diese versuchen müssen, sie zu treffen. Ella achtet darauf, dass ihre Schüler nur an ihren Kampf denken müssen. Sie sorgt auch dafür, dass sie pünktlich an ihrem Kampfort sind und die richtige Farbe, Blau oder Rot, tragen. "Es ist schon mehrmals vorgekommen, dass ein Kind den Zahnschutz vergessen hat. Wir sind dann schnell einen neuen kaufen gegangen und haben ihn in der Cafeteria mit einem Wasserkocher rasch angepasst", sagt Ella lachend. Sobald das Turnier beginnt, gibt sie Tipps und taktische Anweisungen. Der Kampf kann mental belastend sein. "Im Leben wird es für meine Schüler immer Hürden geben, aber genau dafür bin ich als Sensei da. Ich erkläre ihnen, wie sie die Hürden am besten überspringen können. Aber das Überwinden der Hürde ist eine Sache für den Schüler selbst. Ob er rüberkommt, das hängt schließlich von ihm ab." Nach jedem Kampf gibt sie Feedback.


Hinter vielen Handlungen stecken tiefere pädagogische Einsichten. Asiatische Kampfsportarten seien auch geprägt von Lebenshaltungen. Karate hat Ella Selbstsicherheit gegeben. Respekt spielt eine herausragende Rolle und manifestiert sich auch im Grüßen vor jedem Training oder Turnier. Die Sonne ist untergegangen, der Himmel rabenschwarz. Schweiß hüllt die Erschöpften ein, die Matten sind nass. Erschöpft formieren sich alle wie zu Beginn. Die Karatekas verlassen das Dojo in stiller Abfolge, die Blicke in den Innenraum gerichtet, als würden sie dessen Weisheit absorbieren, und sie verneigen sich davor.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2024, Nr. 150, S. 26 - Ekrem Evgin, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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