Kein Schwein kommt hier lebend raus

Die letzten Schritte von Kuh Sophie.

 

2500 Schweine, 500 Kühe, 450 Kälber und 450 Lämmer: Was sich liest wie das Inventar einer Großranch in Texas, ist in der Tat die durchschnittliche Schlachtmenge im Zentralschlachthof Hinwil, einer Gemeinde im Kanton Zürich in der Schweiz - pro Woche, notabene. An einem gewöhnlichen Dienstagmorgen steht Sepp Neff am imposanten Eingangstor zum Schlachthof. Der Betriebsleiter, ein kräftiger Mann Mitte Vierzig mit starkem Händedruck und zackiger Gehweise, grüßt mit den Worten: "Keine Bange, ich musste noch nie jemanden hinaustragen." Sein weißer Fleece-Overall bringt seine stechend blauen Augen zur Geltung. Ein Transporter nach dem anderen fuhrwerkt seine Ladung über das Areal bis vor die Stallanlage, von der ein intensiver Güllegeruch ausgeht. Das Geräusch der laut brummenden Maschinen dringt aus dem Beton-Gebäude. Einige der Vehikel sind beschriftet mit "Lebende Tiere". Das wirkt schon fast sarkastisch.

 

Ein Lastwagen öffnet seine Ladeklappe, und heraus tritt eine Schar Mutterkühe. Im Gänsemarsch trotten die Tiere in die Stallung. Der Anblick erinnert an einen Witz: Stehen zwei Kühe vor dem Schlachthof. Sagt die eine: "Was wohl aus uns wird, wenn wir da reingehen?". Sagt die andere: "Mir doch Wurst." Irgendwie ist der Witz gar nicht mehr so lustig. Der besonnene Stallverantwortliche im grünen Mantel, eine bewusste Farbwahl, die zur Beruhigung der Tiere dienen soll, treibt die Kühe ins Metallgehege. Sie sind mit Bewässerungsanlagen ausgestattet. Per Knopfdruck werden die Tiere mit Wasserdampf berieselt, was ebenfalls sedativ wirkt. Die Wasserschalen sind in drei verschiedenen Höhen montiert. Durstig stirbt hier niemand. Die Mutterkühe stehen Seite an Seite, recken ihre Hälse - und da sticht sie mir ins Auge: eine unscheinbare, gescheckte Kuh. Nennen wir sie Sophie.

 

Die meisten Tiere stammen aus freier Bucht und sind Stallgehege nicht gewohnt. Der Stallmeister schleust sie in einen Tunnelgang, aus dem es keinen Rückweg gibt. Diese Verengung ist unabdingbar, um die einzelnen Tiere voneinander zu trennen. "Es ist mit dem Sicherheitscheck am Flughafen zu vergleichen: Wir finden es unangenehm, doch es muss halt sein", erklärt Neff. Damit die Kühe nicht stur an Ort und Stelle rasten, verwenden die Mitarbeiter Elektroschocker. Auch bei Sophie muss der Strom nachhelfen und auf die Bitte, ein Foto von "ebendiesem Tunnelprozess machen zu dürfen, antwortet Neff ablehnend: "Bilder sind immer Momentaufnahmen, die schnell zu falschen Interpretationen verleiten."

 

Die Klappe schließt sich, und Sophie ist umgeben von vier Wänden. Ein dumpfer Schlag, eine Wand öffnet sich, und die Kuh sackt zur Seite. Ihre Muskeln zucken noch. Der Bolzenschuss gilt als beste Methode, um das Tier effektiv zu betäuben. "Aus einer humanen Betäubung resultiert eine gute Fleischqualität", betont Neff. Es folgt: das Schlachten. Der bis dahin wahrnehmbare Stallgeruch weicht einem beißenden Geruch, einem Gemisch aus Blut und totem Fleisch. Die gerade eben noch zuckende Sophie hängt nur einige Sekunden später kopfüber an ihren Füßen. Ein Schlachthofmitarbeiter führt den ersten Schnitt am Oberkörper aus - sie wird in hängendem Zustand ausgeschlachtet. Eine Kuh nach der anderen passiert den Vorgang, die Messer wetzen, das Blut plätschert. "Der Schlachthof ist für mich ein hoch durchgetakteter und unpersönlicher Betrieb", deklamiert ein Demeter-Bauer aus dem Zürcher Oberland, der seinen Namen nicht in diesem Artikel lesen möchte. Vom Bolzenschuss bis zum Entbluten-Stich dauert es keine 60 Sekunden.

 

Jedes Jahr überprüft der Tierschutz mit sogenannten Audits, ob die von ihm auferlegten Vorgabezeiten eingehalten werden. Ist dies schon bei nur einem von 160 Tieren nicht der Fall, erhält der Schlachthof in diesem Teilbereich des Prozesses die Bewertung "rot". "Es ist, als hättest du in der Schule an einer Prüfung 29 von 30 Punkten erzielt, und trotzdem fällst du durch", erläutert Sepp Neff resigniert. "Sie kennen die Theorie und wollen die Praxis nicht sehen." Der Betriebsleiter gibt zu verstehen, dass Tierschutz und Schlachthof nicht "matchen". Der Vorgang kontinuiert mit dem Abziehen der gescheckten Haut, dann folgt die Zweiteilung des Körpers und schlussendlich pappt ein Spezialist ein Zettelchen mit der Aufschrift "T" auf die geteilte Sophie. Es verrät ihre Fleischklasse und ihr Profil nach der "CH-TAX-Regel". Dabei steht C für sehr vollfleischig und sehr konvex, und X für sehr leerfleischig und sehr konkav. So wird die gewesene Sophie für einen Tag im Kühlraum ruhen.

 

Eisige Luft ersetzt den beißenden Geruch, ständige Befehlserteilungen lösen die Stille ab. Immer einen Tag nach der Schlachtung zerlegen die Mitarbeiter die getöteten Tiere. Das oberste Gesetz: Alles wird wiederverwendet! Füße und Schwänze werden nach China verschifft, da ebenda eine große Nachfrage herrscht, nicht Essbares findet in der Medizin seinen Platz. "Würden wir nicht alles wiederverwenden, wäre dies unmoralisch gegenüber dem Tier", sagt Neff. Die Zerlegung ist reine Fließbandarbeit, wobei über 90 Prozent aller Arbeiter aus dem Ausland stammen. Auf der gesamten Zerlegungsstelle arbeiten lediglich vier Schweizer. Seit jeher leidet auch der Zentralschlachthof Hinwil mit seinen 250 Mitarbeitern unter Fachkräftemangel. Es sind jeweils mehrere Leute in der Lage, einen Posten auszuführen, da am Montagmorgen oftmals unklar ist, wer zur Arbeit erscheint. Am Ende dieser ganzen Zerlegungsarbeit lagern die fertig abgepackten Fleischstücke, bereit für den Versand an die Großbetriebe. Morgen werden schon neue Fleischstücke dort liegen - dann könnte jedes von ihnen ein Stück Sophie sein.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2024, Nr. 72, S. 26 - LEONIE MÜLLER, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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