Ohne die Ballkinder könnte ein großes Tennisturnier gar nicht stattfinden. Bei den Boss Open in Stuttgart.
New balls, please", sagt der Stuhlschiedsrichter bei der Begegnung zwischen Jan-Lennard Struff und Hubert Hurkacz auf dem Center Court des TC Weissenhof am Stuttgarter Killesberg während eines Halbfinalspiels der Boss Open im vergangenen Juni. Die Ballkinder, die um den ganzen Platz herum verteilt stehen, rollen daraufhin die alten Bälle in Richtung Netz, wo sie eingesammelt und weggebracht werden. Die neuen Bälle werden ausgepackt. Der deutsche Spieler Struff, der den nächsten Aufschlag ausführen wird, bekommt drei neue Bälle zugeworfen, von denen er sich zwei aussucht und den dritten wieder zum Ballkind, das an seiner Seite steht, zurückgibt. Mit dem Aufschlag kehrt auf den Tribünen und unter den Ballkindern wieder Ruhe ein.
Verantwortlich für den reibungslosen Arbeitsablauf der Ballkinder ist ihre Ausbilderin Emily Nolte. "Im normalen Leben machen wir Ausbilder etwas ganz anderes", sagt Nolte auf der Tribüne des Center Courts mit Blick auf das laufende Spiel. Die 23-jährige Studentin der Wirtschaftswissenschaften hat die Schulungen in den vergangenen zwei Jahren als Coach übernommen, nachdem der vorherige Ausbilder, ein Rechtsanwalt, aufgehört hatte.
Nolte, die seit ihrem fünften Lebensjahr Tennis im Weissenhof in Stuttgart spielt, war selbst Ballkind. Deren Ausbildung ist ein längerer Prozess. 52 Kinder zwischen 13 und 18 Jahren wurden 2023 für das Stuttgarter ATP-Turnier ausgebildet, die meisten kommen aus dem Raum Stuttgart. Einige seien jedes Jahr dabei, aber auch auf neue Gesichter treffe sie jährlich, sagt Nolte. Bei drei Schulungsterminen werden zunächst die grundlegenden Fähigkeiten wie das richtige Bällewerfen und -rollen erworben, bevor am vierten Termin in einem normalen Match trainiert wird. Jeweils sechs Ballkinder üben sich in den Abläufen, den Tiebreak üben sie erst später ein. Vor dem Turnier, das alljährlich im Juni stattfindet, werden dann Teams von acht bis neun Kindern gebildet, wobei jedes Team einen Kapitän oder eine Kapitänin hat. "Am tatsächlichen Turniertag lernen die meisten aber mehr als auf dem leeren Platz", sagt Nolte.
Am sogenannten Kolosseum, einem Nebenplatz, steht gerade ein solches Team von acht Ballkindern und bespricht sich vor dem Einsatz. Um sie herum warten Kinder aufgeregt auf Spitzenspieler, die vom anliegenden Trainingsplatz kommen, um ein Autogramm zu ergattern oder mit ihnen ein Selfie zu machen. Andere Besucher gehen an dem Team vorbei, bleiben am Nebenplatz stehen und schauen kurz zu, bevor sie sich zum nächsten Spiel aufmachen. Im Kolosseum selbst sitzen Zuschauer locker auf der Steintribüne und verfolgen das Spiel - die Stimmung ist gut. Im Trubel steht das Team der Ballkinder weiter im Kreis zusammen vor dem Eingang ins Kolosseum. Ihre Aufregung steigt spürbar. Sie tätigen letzte Absprachen und machen sich dann auf, das Ballkinderteam auf dem Nebenplatz abzulösen.
Eine ganze Turnierwoche, bestehend aus neun Turniertagen von Samstag bis Sonntag, sind die Ballkinder im Einsatz. Jeder Turniertag beginnt um 10 Uhr mit einem Meeting, bei dem der Einsatzplan besprochen wird. Vor dem Finaltag gibt es einen "Cut", 20 bis 25 werden aussortiert - nur die besten dürfen im Finale mitwirken. Bewertet werden sie von Emily Nolte. Sie ist die ganze Turnierwoche präsent, koordiniert und beobachtet die Kinder. Außerdem sorgt sie an der Sammelstelle für Ordnung. Gibt es Probleme, klären die Ballkinder das zunächst in ihrem Team. Wenn nötig, holen sie Nolte zur Hilfe. Aber auch der Oberschiedsrichter überblickt alle Ballkinder und meldet Probleme an die Koordinatorin. "Ballkinder sind enorm wichtig für den Spielfluss, da ohne sie kein reibungsloses Spiel stattfinden könnte", sagt der ATP-geprüfte Oberschiedsrichter und Supervisor Norbert Peick, der bei den Boss Open im Einsatz ist. Auch für Michael Berrer, früherer Profitennisspieler und einst in den Top 50 der Welt, sind die Ballkinder essenziell. Er war in seiner Jugend für ein Spiel selbst Ballkind. "Danach habe ich gedacht: 'Ich mach keinen Balljungen mehr, ich will selber Bälle zugeworfen bekommen'", erzählt Berrer. Die Ballkinder seien für ihn ein Zeichen dafür, im Profitennis angekommen zu sein. Er nimmt die Spieler in die Pflicht, gut und respektvoll mit den Kindern umzugehen. Es sei wichtig, sich zu bedanken, wenn man von einem Ballkind etwas bekomme, oder ihm den Ball zurückzuwerfen und ihn nicht zu rollen, damit es sich nicht bücken muss. Doch nicht alle Spieler pflegen diesen respektvollen Umgang. "Auch verbale Attacken kommen hin und wieder vor, schließlich stehen die Spieler unter hohem Leistungsdruck", erklärt Berrer im Spielertunnel. "Aber dieser Druck, den Anschluss an die Besten im Profitennis halten zu müssen, rechtfertigt keine Entgleisungen gegenüber den Ballkindern." Vor jedem Spiel laufen Spieler und Ballkinder durch diesen langen Tunnel. Vorbei an dem Aufwärmraum, den Hallenplätzen, dem Presseraum, in dem die Spieler nach dem Match Interviews geben, und an den Massageräumen. An den Wänden hängen unzählige Bilder von ehemaligen und aktuellen Profis, die das Turnier gewinnen konnten. Zum Betrachten bleibt allerdings wenig Zeit, denn die Anspannung steigt, je mehr man sich dem Licht am Ende des Tunnels, dem Eingang zum Center Court, nähert. Vor dem Einlaufen auf den Platz stehen Ballkinder und Spieler in einem kleinen Wartebereich dann dicht an dicht zusammen. In den kühlen Raum dringt von draußen die Hitze herein, die auf dem Center Court herrscht und die Ballkinder durchaus an ihre körperlichen Grenzen bringen kann. Dass die Hitze vor allem beim Stehen eine Belastung sein kann, bestätigt Sophia. Sie ist 16 Jahre alt und seit sechs Jahren Ballkind auf dem Weissenhof. Als Kapitänin leitet sie ein eigenes Team. Sowohl bei Damen- als auch bei Herrenturnieren war sie schon im Einsatz: "Der Aufschlag ist bei den Männern deutlich härter. Wenn man so einen Ball abbekommt, tut das schon mal weh." Während eines Herrenturniers wurde sie einmal am Arm getroffen. Auf der anderen Seite gebe es die vielen schönen Erfahrungen. Man erlebe sehr freundliche Spieler, wie den kanadischen Tennisspieler Denis Shapovalov, der sich während des Matches häufig bedanke. Manchmal dürfen sich die Ballkinder über nette Worte oder sogar über ein T-Shirt eines Profispielers freuen. Auch die Siegerehrungen seien besonders. Die Ballkinder Valentin und Michel bestätigen das: "Es ist eine einzigartige Erfahrung, so nah an den Spielern zu sein, und vor allem selbst auf dem Platz zu stehen und nicht nur im Fernsehen den Stars zuzuschauen."