Kinder machen einen Heidenkrach

In Mammern gibt es einen heidnischen Brauch zum Jahreswechsel: das Silvesterläuten

Während anderswo in der Schweiz in der Nacht vor Silvester randalierende Jugendbanden durch die Dörfer ziehen, Briefkästen sprengen und Gartenmobiliar entwenden, kann sich in Mammern niemand an ähnliche Vorkommnisse erinnern. In der kleinen, idyllisch gelegenen Gemeinde im Kanton Thurgau sammeln Schüler frühmorgens Geld und Süßigkeiten. Kauft man sich hier den Frieden? 

 

"Wir haben richtig viel Geld verdient." Linus klopft auf den Tisch. "40 Franken pro Person, und Süßigkeiten haben wir dieses Jahr auch sehr viele bekommen", sagt der Neunjährige mit den roten Wuschelhaaren. "Um vier Uhr müssen wir jeweils unten stehen", erklärt sein großer Bruder Lars. "Ja, beim Latschariplatz versammeln wir uns", meint Linus.

 

Wie in vielen anderen Gemeinden auch ist es in Mammern Tradition, dass Kinder und Jugendliche in der Nacht vor Silvester in aller Herrgottsfrühe durch die Straßen ziehen. "Wir gehen von Haus zu Haus und machen möglichst viel Lärm, damit die Bewohner den letzten Tag des Jahres nicht verschlafen." Linus grinst. "Wenn wir sie wecken können, geben sie uns Geld oder Süßigkeiten, damit wir weiterziehen." Die Silvesterläuter sind mit Instrumenten ausgerüstet. "Dieses Jahr habe ich ein Nebelhorn und eine Schlagzeugglocke dabeigehabt, ich war einer der Lautesten", brüstet sich Linus. "Die Nebelhörner haben wir von den Jägern." Wer nicht so schwer schleppen wolle, entscheide sich für eine Rätsche oder Pfannendeckel. 

 

Erstmals erwähnt wird der Brauch des Schulsilvesters 1775 in einem kirchlichen Jahrbuch aus Zürich: "In der Nacht auf das neue Jahr [...] wird auf den Dorfschaften zum Beschluss des alten und Anfang des neuen Jahrs, allerhand Kurzweil getrieben mit Läutung der Glogken, Schiessen, Herumschwärmen auf den Strassen, und anderen sündlichen Handlungen, welche nach dem Heidenthum riechen, und daher billich sollten abgeschaffet werden." Der geistliche Widerstand war vergeblich, der Brauch ist bis heute in vielen Kantonen populär. Landauf, landab wird Radau gemacht. In Mammern blickt der ehemalige Gemeindeammann Hansjörg Lang auf seine Schulzeit zurück. "Es war genau wie heute", sagt der Fünfundsiebzigjährige mit dem auffälligen Schnauzer. "Wenn wir damals mit 15 Franken heimkamen, war das so viel wert wie heute eine 50er-Note." Sein Vater Heinrich war es, der das Silvesterläuten in den Vierzigerjahren in Mammern eingeführt hatte. "Er war Lehrer und hat von dem Brauch gehört", sagt Langs Frau Ruth. "Speziell war, dass bei uns nie Erwachsene dabei sein durften und die Kinder alles organisierten." Das hob Mammern von den umliegenden Gemeinden ab, bei denen Aufsichtspersonen mitliefen. Er erinnert sich an eine Anekdote, als ein ehemaliger Mitschüler mitmachen wollte, der bereits eine Ausbildungsstelle hatte und somit zu alt war, um mitmachen zu dürfen. "Wir haben ihm gesagt, er solle verschwinden, daraufhin wollte er sich mit uns prügeln." Ansonsten ging es in Mammern am Silvesterläuten immer friedlich zu. "In vielen Schweizer Dörfern wird in der Nacht auf Silvester Unfug getrieben", erklärt die 72 Jahre alte Ruth Lang mit der Bobfrisur und einem schicken blauen Wollpullover. "Es werden Gartentore ausgehängt oder Schmierereien an die Wände gemalt. In Mammern war das nie Thema."

 

Mehr als 800 Franken kommen jedes Jahr zusammen. Dabei zählt Mammern nur knapp 700 Einwohner, und längst nicht an jedem Haus wird geklingelt. "Von manchen bekommen wir gar nichts, die kommen gar nicht raus, und von manchen bekommen wir ganz viel", sagt Linus. "Es gibt auch welche, die Geldcouverts oder Süßigkeiten vor die Tür stellen, damit wir gar nicht erst Krach machen." Längst ist den Kindern bekannt, wo sich das Läuten lohnt. "Gerade bei den älteren Einwohnern muss man ein bisschen länger läuten." Jedes Jahr laufen die Kinder die gleiche Strecke ab. Zuerst werden die Häuser unten am See wachgeläutet, danach marschieren sie in die höher gelegenen Quartiere. Um sechs Uhr morgens erreichen sie das alte Bauernhaus von Susi Screta. Es ist dunkel. "Mir ist es wichtig, dass die Kinder die Illusion behalten, mich zu wecken", lacht die Fünfundsiebzigjährige mit den kurzen weißen Haaren. Erst wenn sie kräftig Lärm gemacht haben, öffnet sie die Tür. "Die Kinder kommen immer ganz erschöpft und hungrig bei mir an." Die gelernte Kindergärtnerin serviert ihnen jedes Jahr Würstchen mit Brot und Tee. Auf die Idee kam sie 1996, als es einen sehr kalten Winter gab. "Ich habe mir gedacht, es ist so kalt, die armen Kinder brauchen etwas Warmes." Weil die Zwischenmahlzeit auf großen Anklang stieß, kochte sie von da an jedes Jahr. Wie viele Kinder genau mitlaufen, sei nie sicher. Meist kocht sie 20 bis 25 Würstchen. Diesmal kamen nur 18 Kinder. "Wenn sie vor meiner Tür lärmen, weil sie wissen, dass ich nur dann rauskomme, und sie anschließend nudelfertig auf den bereitgestellten Bänken Platz nehmen und nur noch auf Würstchen und Tee warten, ist das zum Jauchzen." Susi Screta klatscht lachend in die Hände. "Negative Erfahrungen hatte ich noch nie." Das liege vermutlich daran, dass die älteren Kinder immer die Führung übernehmen und die Jüngeren ihnen folgen.

 

Lars gehörte dieses Jahr zu den Ältesten. Er besucht die 9. Klasse an der Sekundarschule im Nachbarort Steckborn und ist zum letzten Mal dabei. "Ein großer Vorteil als Ältester ist es, dass man über die Gruppe entscheiden darf", findet der Fünfzehnjährige. "Man muss die Kleineren durchs Dorf lotsen und am Schluss das Geld zusammenzählen." Das sei nicht immer leicht. "Man muss darauf vertrauen, dass alle mitmachen." Dieses Jahr sei einer der Jüngsten abgeknickt und nach Hause gegangen, ohne dass Lars es mitbekam. "Das war blöd, aber eigentlich passiert so etwas nur selten." Das Geld wird zum Schluss bei Sonnenaufgang in der Primarschule Mammern gezählt und verteilt. "Wenn die Rechnung nicht schön aufgeht, wird der übrig bleibende Betrag unter uns Gruppenführern verteilt", lacht Lars. "Dieses Jahr waren es aber nur 15 Rappen pro Anführer", stellt er klar.  

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. Dezember 2024, Nr. 303, S. 26 - Adriana Fluri, Kantonsschule Kreuzlingen

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