Lehrer haben eine blühende Phantasie

Unter dem Pseudonym Greg Walters veröffentlicht ein Braunschweiger Gymnasiallehrer Fantasy-Literatur

 

Die Kombination aus historischem Hintergrund und Fantasy ist mutig und macht das Werk zu etwas ganz Besonderem", lobt die Kindle Storyteller Award Jury im Jahr 2020. "Bei ihm trifft Fantasy auf Geschichte in einer ganz ausgezeichneten Erzählung", lautet das Urteil der Experten. "Es war schon verrückt, als ich den Anruf bekommen habe", sagt Greg Walters gedankenverloren. Alles begann vor zwölf Jahren. Acht Stunden Zwischenaufenthalt am Flughafen Moskau, gähnende Langeweile, kein Buch dabei. Kurzerhand zieht der Braunschweiger seinen Laptop aus der Tasche und fängt an zu schreiben. "Verschlafen und mit vor Kälte rot gefrorenem Gesicht hob Leik mehrere Pakete vom Rücken seines Pferdes Rewen." So beginnen die ersten Seiten des Fantasy-Romans "Die Geheimnisse der Âlaburg". Was lediglich zur Überbrückung der Wartezeit diente, fesselt inzwischen Zehntausende Leser auf der ganzen Welt. Ihr Autor, der 43-jährige Gregor Walter Wilhelm Timme ist mittlerweile ein international gelesener Autor. Er gewann den Storyteller Award. Unter seinem Pseudonym Greg Walters hat sich der Gymnasiallehrer für Politik und Geschichte am Anfang anonym gehalten. Außerdem "würden Deutsche lieber englischsprachige Autoren lesen", meint der Schriftsteller mit den kurzen braunen Haaren. Mittlerweile werden seine Bücher ins Englische übersetzt und in den USA verkauft. Mit einem Lächeln sagt er: "Für die Amerikaner bin ich dann auch ein englischsprachiger Autor." Seine Begeisterung für Fantasy habe sich bereits im Kindesalter gezeigt. Während des Studiums begann er hobbymäßig zu schreiben. Als leidenschaftlicher Leser von Fantasyliteratur habe er sich immer wieder geärgert, dass alles, was er las, so schnell vorbei war. "Harry Potter war vorbei, Eragon war vorbei - also alles war immer vorbei." Deshalb habe er beschlossen, selber Fantasy-Bücher zu schreiben. Es war schnell klar, dass aus der "Âlaburg" ein Fortsetzungsroman werden soll.

 

Walters kommt aus der idyllischen Hansestadt Gardelegen in Sachsen-Anhalt. Heute lebt er mit seiner Frau, seinen zwei Töchtern und der Labradorhündin Lenka in Braunschweig und ist dort Lehrer an einem Gymnasium. Derzeit hat er fürs Schreiben eine berufliche Auszeit genommen. "Als Autor zu arbeiten ist mit Ausdauer verbunden, denn ein Roman wird deutlich besser, wenn man ihn kontinuierlich durchschreibt."

 

Die Leser treffen in seinem ersten Roman aus der Farbseher Saga auf Orks, Elben und Zwerge aus Tolkiens "Der Herr der Ringe" und auf eine Zauberschule, die der aus "Harry Potter" ähnelt. Man könnte sagen, dass "Harry Potter" auf "Der Herr der Ringe" trifft, meint Walters grinsend. In der "Âlaburg" begleiten die Leser die Abenteuer des Waisenjungen Leik, der seine magischen Kräfte für das Gute einsetzt. Walters hat auch einige Schauplätze seiner Schule in die Geschichten mit einfließen lassen. Geschickt verbindet er Fiktion mit Realität. Sogar der Familienhund spielt hin und wieder eine Nebenrolle. Laut Walters schwört seine Frau, dass sie "die eine oder andere Bestie in Lenka wiedererkannt hat". Die Grundlage, Kondition und Prägnanz des Schreibens verdankt Walters seinem Geschichtsstudium. "Man ist einfach in der Lage, lange Texte zu verfassen und hat ein Auge fürs Detail." In seinem Buch "Der Lehrling des Feldschers" gibt es viele historische Parallelen, die der Autor mit Fantasie verfeinert, die besonders jugendliche Leser anspricht. Vor vier Jahren hat er damit den mit 30.000 Euro dotierten Preis gewonnen. "Selbstverständlich wurde mit der Familie direkt angestoßen, aber wegen der Corona-Pandemie konnte keine große Feier stattfinden."

 

Walters erinnert sich an den schwierigen Anfang seines Werdegangs. Zunächst hatte er versucht, einen Verlag für das Manuskript seines ersten Romans zu finden. Er bekam nur Absagen. Also musste ein anderer Weg gesucht werden, denn "entweder schreibt man 400 Seiten für sich und zehn Leute, oder man versucht es mit Selfpublishing." Nachdem Amazon den Kindle auf den Markt gebracht hatte, sah Walters darin seine Chance, seinen Debütroman zu veröffentlichen. "Es war alles noch ziemlich neu, es gab noch nicht viele E-Bücher auf dem Kindle. Ich wusste am Anfang gar nicht, wie man ein E-Book macht." Er habe damals mehrere Tausend Euro riskiert. "Es war auf jeden Fall ein wirtschaftliches Risiko dabei." Sein Debütroman wurde 2015, ein Jahr, nachdem er mit seiner Familie ein Haus in Braunschweig gekauft hatte, veröffentlicht. Inzwischen wurde das Erstlingswerk mehr als einhunderttausendmal verkauft und als Hörbuch vertont.

 

Walters schätzt tägliche Gepflogenheiten. "Wenn man vom Schreiben leben möchte, benötigt man eine berufliche Routine." In der Woche steht er früh auf und macht seine Kinder für den Kindergarten fertig. Danach geht er mit dem Hund in die Natur. "Mir fallen beim Spaziergang immer die besten Ideen für meine Bücher ein." Spätestens um neun Uhr sitzt Walters an seinem Schreibtisch, kümmert sich um das Marketing und um Social Media. Anschließend schreibt er bis Mittag und holt nachmittags die Kinder ab. Nicht selten findet man ihn dann auf Spielplätzen.

 

Inzwischen bildet Greg Walters mit Sam Feuerbach und Mira Valentin die Autorengruppe Weltenbauer 3. Kennengelernt hatten sich die Schriftsteller über Social Media, begegnet sind sie sich zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse 2017. Seitdem teilen sie ihre Ambitionen für Fantasie und unterstützen sich gegenseitig beim Schreiben und Marketing. Walters neuestes Werk "Die Gargoyles von Notre Dame" ist wieder ein Fortsetzungsroman. Aktuell entsteht der dritte Band der Reihe.

 


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2024, Nr. 110, S. 26 - Anni Chu. Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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