Man beginnt zu staunen

Dorothe Gerber studiert Philosophie. Sie ist 77 Jahre alt


Mit einer Partnerschaft hätte ich keine Zeit für das, was ich jetzt mache. Ich sage manchmal, Philosophie ist eine Freundin für mich geworden", meint Dorothe Gerber. Die

77-Jährige studiert Philosophie im Master an der Universität in Luzern. Den Bachelor hat sie vor sieben Jahren gemacht. Sie sitzt in einem belebten Café mitten in Zürich. Mit ihren kürzeren grauen Haaren, einer runden Brille und rotem Lippenstift schätzt man sie jünger ein, als sie ist.


Die Studentin wuchs in Buchs im Kanton St. Gallen auf und begann eine kaufmännische Ausbildung. Mit der nachgeholten Matura studierte sie Biologie und Chemie und arbeitete an Forschungen im Bereich Zellbiologie am Institut für Pflanzen- und Mikrobiologie an der Universität Zürich. Später begann sie ihre Dissertation. "Als ich aber schwanger wurde, konnte ich meine bisherige Arbeit im Labor nicht mehr mit einem kleinen Kind vereinbaren und brach die Dissertation und somit die Arbeit im Labor schweren Herzens ab", sagt sie nachdenklich.


Die damals 39-Jährige hat daraufhin an der ETH Zürich in der Architekturabteilung für zwei Jahre Bildnerisches Gestalten studiert. Zu dieser Zeit konnte sie das Studium besser mit ihrem zweijährigen Sohn vereinbaren. "So ganz lösen von der Biologie konnte ich mich aber nicht. Daher entschloss ich mich für das Nachdiplomstudium in Umweltwissenschaften." 1992 spezialisierte sie sich auf das Thema Nachhaltigkeit in der Architektur und arbeitete an der Hochschule Luzern - Technik & Architektur. "Ich war da die erste Frau im Dozententeam und die erste Frau mit einem Hochschulabschluss überhaupt an der Schule, wie eine Pionierin", lacht sie.


Gerber arbeitete, bis sie mit 70 Jahren Großmutter wurde. Dann erst ließ sie sich pensionieren. Ihre Lust, Neues zu entdecken und zu lernen, war jedoch nicht verschwunden. "Was sollte ich sonst machen? Überall hinzureisen ist aus ökologischen Gründen nicht vertretbar, und ich finde, in meinem Alter darf man schon noch etwas denken."


Gerber studiert nun als Älteste an der Universität Luzern Philosophie im Master. Es sei eine banale Entscheidung gewesen. "Ich hatte einfach Lust, eine andere Denkweise kennenzulernen. In der Philosophie denkt man ganz anders als in den Naturwissenschaften

- nicht mit Messen, Zählen und Wägen, sondern viel mehr mit Hinterfragen, Argumentieren

und Lösungsansätzen." Ihren Master wird sie 2025 abschließen. "Meine Abschlussarbeit schreibe ich, oh Wunder, über das gute Alter." Gerber steht am Anfang ihrer Arbeit. "Es zeigt sich, dass junge und alte Menschen sich ergänzen. Eine Zusammenarbeit der Generationen kann die Vorzüge beider nutzen und die Mängel ausgleichen", schreibt sie darin. Über wirtschaftliche Aspekte: "Insbesondere im Hinblick auf den Fachkräftemangel würde sich die gegenseitige Akzeptanz mit einer Zusammenarbeit der Generationen verbessern."


Ihr Umfeld reagierte unterschiedlich. Sie stieß auf großes Verständnis, aber auch auf große Fragen, etwa ob sie sich noch etwas beweisen müsse. "Ich muss mir sicher nichts beweisen, ich habe einfach Lust. Warum sollte ich es nicht machen?" Sie ist glücklich über ihre Entscheidung und spricht von einer großen Bereicherung. Beim Lesen der vielen Texte im Studium versucht sie immer, einen Zusammenhang zu Erlebtem herzustellen. "Ich sehe meine Lebenserfahrung als einen riesigen Vorteil." Sie fände es für sich eher schwierig, Philosophie in jungen Jahren zu studieren, weil alles theoretisch und unverbindlich ist. Mit dem Altersunterschied hätte sie keine Probleme. "Ich halte mich im Studium immer sehr zurück und sage nur etwas, wenn die anderen am Schweigen sind. Ich möchte nicht die Alte sein, die ständig stundenlang etwas erzählt, das niemanden interessiert." Auch ihre Kommilitonen störe das nicht. "Ich glaube, sie finden die Perspektive von mir als ältere Person eigentlich ziemlich spannend."


Ihr Dozent Emmanuel Baierlé schätzt die Diversität mit ihr in seinem Unterricht. "Die älteren Studierenden haben sicherlich einen größeren Rucksack, den sie mit in den Unterricht nehmen", sagt der 41-Jährige. "Auf jeden Fall bemerkt man ihre Lebenserfahrung, es wäre erstaunlich, wenn sie sie nicht verändert hat in der Art und Weise, wie sie die Welt sieht."


Gerber hat 1974 ihr erstes Studium absolviert. "Meine erste Diplomarbeit habe ich noch mit der Schreibmaschine geschrieben, heute ist alles elektronisch, sogar die Bücher." Zudem sei das Verhältnis zwischen Dozenten und Studenten viel kollegialer, das "per Sie" sei sowieso keine Frage mehr. "Wir waren damals nur fünf Frauen von ungefähr dreißig Studenten."


Gerber arbeitet bei einer Non-Profit-Organisation, bei der pensionierte Fachleute gemeinnützige Organisationen beraten. "Mir ist es wichtig, geistig noch so lange wie möglich beweglich zu bleiben." Ihr Umgang mit Menschen habe sich allgemein verändert. "Ich wurde viel großzügiger, seitdem ich Philosophie studiere."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.08.2024, S. 26 - Rebekka Geyer, Kantonsschule Trogen

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