Man fällt mit der Tür ins Haus

Das Leben in einem Tiny House ist befreiend, aber nicht einfach. Ein Paar aus Brandenburg erzählt.


Laut dem Umweltbundesamt betrug die durchschnittliche Größe einer Wohnfläche pro Wohnung im Jahr 2021 in Deutschland 92,2 Quadratmeter. Doch man braucht eigentlich nicht so viel Platz zum Leben und Glücklichsein. Das zumindest sehen Anja und Oliver Milner, die anders heißen, so, ein 50 Jahre altes Paar, das seit drei Jahren ein "Tiny House" in Brandenburg besitzt. Dieses Haus samt Grundstück ist allerdings nur ihr zweiter Wohnsitz. Denn trotz der Wohnungsnot in den Städten, ist es bis heute fast unmöglich, in Deutschland mit erstem Wohnsitz offiziell ganzjährig in einem Tiny House zu wohnen.


Übersetzt heißt der Begriff "Tiny House" so viel wie "winziges Haus". Dabei variieren die Größen der Häuser stark. Zwischen 16 und 30 Quadratmeter groß sind Tiny Houses durchschnittlich in Deutschland, allerdings gibt es auch größere Modelle, die dann bis zu 50 Quadratmeter Grundfläche haben können. "Unser Tiny House ist 25 Quadratmeter groß mit zwei zusätzlichen kleinen Lofts à sechs Quadratmeter unter dem Dach, die wir als Schlaf- und Arbeitszimmer benutzen", erzählt Anja Milner, während sie frisch gebackene Zimtschnecken aus dem Ofen holt. "Wir haben hier alles, was wir brauchen", ergänzt ihr Mann. Sogar eine kleine Badewanne und eine ausziehbare Leinwand für gemütliche Filmabende gibt es.


Doch der Weg bis zum kleinen Eigenheim war nicht so leicht wie erwartet, erzählen die beiden. Die Idee, ein Tiny House zu bauen, kam zu Weihnachten 2019. "Unsere Tochter schenkte uns zu Weihnachten ein Buch über Tiny-Häuser", berichtet die Pädagogin.

Nachdem sie das Buch innerhalb weniger Tage verschlungen hatte, war sie umgehend angetan von der Vorstellung, ebenfalls ein Tiny House zu bauen. Auch ihren Mann habe sie schnell von der Idee überzeugt. "Nur sieben Tage nachdem wir das Buch geschenkt bekommen hatten, haben wir bereits das erste Tiny House besichtigt", erzählt sie. Auf die genauere Frage, wieso die Entscheidung so schnell fiel, antwortet sie, dass sie schon mehrmals ihre Wohnung wegen Eigenbedarf des Vermieters hätten abgeben müssen. "Wir wollten neben unserem WG-Zimmer in der Stadt endlich etwas Eigenes haben. Etwas, was uns niemand mehr wegnehmen kann." Das Buch zu Weihnachten hat den beiden dann neue Möglichkeiten gezeigt, ein Eigenheim zu bauen, das zusätzlich noch preiswerter ist als ein herkömmliches Haus.


Anschließend folgte die Grundstückssuche. Insgesamt war diese Suche laut den beiden "die schwerste Hürde". Denn das Grundstück, auf dem das Haus stehen würde, sollte zwar ländlich, jedoch nicht zu weit weg von der Hauptstadt, gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und vor allen Dingen bezahlbar sein. Das Grundstück, das es im Endeffekt geworden ist, hat das Paar überraschend im Internet gefunden. "Mein erster Gedanke war: Das ist es. Das nehmen wir", erinnert sich Anja Milner an den Augenblick der

Besichtigung. "Es hat einfach alles gepasst."


Nicht nur das Grundstück, sondern auch ein Unternehmen wurde gefunden, das sich dazu bereit erklärte, aus zwei kleinen Tiny-Häusern ein zusammengesetztes Haus nach den Vorstellungen der beiden zu bauen. "Uns war es wichtig, dass wir im Tiny House weiterhin kom-fortabel leben können und nicht wie auf einem Campingplatz."


Eine Sache hat das Haus aber mit einem Campingwagen gemeinsam: Die Rollen, auf denen es steht, wurden angebracht, damit das Tiny House trotzdem beweglich bleibt, falls es einmal zu einem Wechsel des Grundstücks kommen sollte. Damit das Haus trotzdem stabil bleibt, wurden mehrere stabilisierende Stäbe auf Betonfeldern von den beiden mithilfe von Freunden und Familie installiert.


Neben der potentiellen Beweglichkeit war dem Paar der Aspekt der Nachhaltigkeit wichtig. Die beiden Tiny-Häuser, die zu einem zusammengebaut wurden, bestehen aus einem ökologischen Baumaterial, und der verwendete Strom ist mittlerweile hauptsächlich selbst produzierter Ökostrom von den eigenen Solarzellen. Zusätzlich befindet sich im Tiny House noch ein Strom- und Wasseranschluss. Nicht nur in dieser Hinsicht leben die Milners nachhaltig. Auch ihre Eier bekommen sie von ihren eigenen Hühnern und frisches Obst und Gemüse aus dem kleinen Gemüsegarten des Grundstücks. Mittlerweile fühlen sich die beiden in ihrem Haus pudelwohl.


Doch der Umstieg auf ein Leben reduziert auf 37 Quadratmeter Wohnfläche war vor allem aus der emotionalen Perspektive schwerer, als sie gedacht hätten. Durch die starke Minimierung der Wohnfläche musste sich das Paar vor dem Umzug von ungefähr 70 Prozent seines Hab und Guts trennen. "Das Loslassen war teilweise sehr schwer, da man viele Gegenstände mit glücklichen Erinnerungen verbindet." Aber das Loslassen tat auch gut. Das meiste haben Freunde und Bekannte geschenkt bekommen. "Es war schön, zu sehen, wie sich die neuen Besitzer über unsere Sachen gefreut haben", sagt Anja Milner. Auch sie habe gemerkt, dass sie keine 17 Paar Schuhe brauche. "Vieles hätte gar nicht hier reingepasst", ergänzt ihr Mann. Von einigen Sachen hätten sich die beiden allerdings nicht trennen können, zum Beispiel von ihrer vollständigen Asterix Sammlung, allen Loriot- Büchern sowie von Anjas Bibeln, berichten sie. "Insgesamt hat sich unser Lebensstil hier definitiv verändert" erzählt Oliver Milner. "Wir versuchen, nachhaltiger zu leben und so weit wie möglich auf Materielles zu verzichten." Dadurch können die beiden laut eigener Aussage "das Leben bewusster leben" und haben gelernt, "dass weniger oft mehr ist".


Für das Paar war die Entscheidung, ein Tiny House zu bauen, "ideal". Einige Bekannte hätten allerdings Zweifel geäußert, ob das Wohnen später einmal altersgerecht sein werde. Anja und Oliver Milner hingegen sehen das gelassen. "Aktuell ist die Situation für uns perfekt. Was in zehn oder 20 Jahren sein wird, wissen wir noch nicht." Im Idealfall steht das Tiny House dann noch, und ihre Kinder übernehmen es dann vielleicht eines Tages. Doch jetzt für den Moment brauchen die beiden nur ihre 37 Quadratmeter, ihren Garten mit den

Hühnern und einander, um wunschlos glücklich zu sein. Für die Zukunft wünschen sich die beiden, dass sich die Bestimmungen zum ganzjährigen Wohnen im Tiny House in Deutschland ändern. Dadurch würde sich aus ihrer Sicht nachhaltiges Wohnen auf kleinem Raum für viele Menschen vereinfachen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.08.2024, S. 26 - Ada Zimmerer, Droste-Hülshoff-Gymnasium, Berlin

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