Man geht aufs, nicht ins Klo

Es ist Montag Morgen, fünf Minuten vor Schulbeginn. Alle drängen sich an der Pforte der Deutschen Schule zu Porto. Der Porteiro Senhor Belmiro nimmt sich trotzdem Zeit, jeden mit einem High Five zu begrüßen. Anschließend begeben sich die Schüler ins Innere des dreistöckigen Gebäudes mit der Kuppel, die früher als Observatorium gedient hat.


"Die Deutsche Schule zu Porto gibt es seit 123 Jahren. Und seit 92 Jahren unterrichten wir in diesem Gebäude", erklärt Schulleiter Reiner Ries. "Deutsche Auslandsschulen, von denen es derzeit 135 gibt, werden immer aus einer privaten Elterninitiative gegründet. Die Beteiligten bilden einen Schulverein und bauen die Schule auf. Meistens findet eine deutsche Schule im Ausland ihren Anfang in einem Wohngebäude, wie hier in Porto."


Im Schulhof spielen jüngere Kinder an den beiden Tischtennisplatten Rundlauf. Dabei rufen sie sich den Punktestand zu. Man hört fast nur Portugiesisch auf dem Pausenhof. "Es gibt zwei Arten von Deutschen Schulen im Ausland", erläutert Ries, der als Leitender Regierungsschuldirektor seit fünf Jahren an der DSP tätig ist: "Einmal Experten-Schulen, die hauptsächlich von deutschen Kindern besucht werden, deren Eltern als Expats im Ausland arbeiten. Und zum anderen Begegnungsschulen. Die Deutsche Schule zu Porto ist eine solche Begegnungsschule. Das bedeutet, dass die Mehrheit der Schülerschaft aus Portugal stammt." In einer Schulklasse finden sich oft nur drei deutsche Muttersprachler, manchmal sogar gar keine. Auch Catarina Azevedo, Schülerin der 10. Klasse, stammt aus einer portugiesischen Familie. "Meine Eltern haben eigentlich gar keinen Bezug zu Deutschland", erzählt das zierliche Mädchen. "Aber meine Mutter wollte mich auf eine zweisprachige Schule schicken." Da die meisten Schüler keine Deutsch-Muttersprachler sind, wird in deutschsprachigen Fächern auf sprachliche Schwierigkeiten eingegangen. "Wir versuchen die Schüler so gut wie möglich zu fördern, indem wir sie schon im Kindergarten mit deutschen Erziehern und Erzieherinnen an die Sprache heranführen. Später achten wir vor allem in der Grundschule auf kleinere Klassen, spezielle Deutschfördergruppen sowie deutschsprachige Nachmittagsaktivitäten", erklärt Ries, der an Auslandsschulen in Mailand, Singapur und Barcelona arbeitete. Im Schulgebäude finden sich überall Plakate, die verbreitete Übertragungsfehler aus dem Portugiesischen korrigieren. Etwa an der Toilettentür: "Ich gehe auf die Toilette und nicht in die Toilette."


"Manchmal ist es wirklich frustrierend", meint Catarina. "Wenn ich eine Frage zu einer Aufgabe habe, gibt es zu Hause niemanden, den ich fragen kann. Das ist der Grund, warum über die Hälfte der portugiesischsprachigen Schüler Nachhilfe hat. Meine Familie und ich überlegen auch, ob ich an einer portugiesischen Schule nicht bessere Noten haben könnte."


Im Leitbild der DSP wird betont, beiden Sprachen gleiche Bedeutung zukommen lassen zu wollen. Die Schüler werden in Portugiesisch und Deutsch unterrichtet, damit sie jederzeit an eine öffentliche Schule in Deutschland oder Portugal wechseln können. Der Abschluss ist

das Deutsche Internationale Abitur. "Es steht einem Abitur in Deutschland gleichwertig gegenüber", betont Ries. Trotzdem erhalte man von Schulen in Deutschland kritische Rückfragen, wenn die Schüler zurückkehren wollen. "Viele Schulleitungen in Deutschland kennen den Aufbau und die Struktur der Auslandsschulen nicht und denken etwa, dass die fremdsprachigen Schüler entweder überhaupt kein Deutsch könnten oder dass die Schule nur von Deutschen besucht würde." Obwohl die DSP, so wie alle deutschen Auslandsschulen, eine Privatschule ist, wird sie von der Bundesrepublik Deutschland gefördert. Zwölf Lehrkräfte, die sich im innerdeutschen Schuldienst überdurchschnittlich bewährt haben, werden aus Deutschland vermittelt und bezahlt. Daneben erhält die Schule finanzielle Unterstützung. Insgesamt betrage das Fördervolumen pro Jahr etwa 1,8 Millionen Euro, schätzt Ries. Aufgrund der Haushaltslage sei zu befürchten, dass das Förderniveau zukünftig nicht in gleichem Maße aufrechterhalten werden könne. Das von den Eltern aufzubringende jährliche Schuldgeld für das Gymnasium, momentan 4942 Euro, müsste dann erhöht werden. Dabei nähmen die Schulen eine wichtige Rolle in der Darstellung eines modernen Deutschlandbildes im Ausland ein. Den Schülern werde neben der Sprache auch die Kultur, Geschichte und Traditionen nähergebracht. Es gibt viele Veranstaltungen wie den Martinsumzug, das Oktoberfest oder den Weihnachtsbasar. Für viele fremdsprachige Schüler sei Deutschland eine Zukunftsalternative. Eine große Zahl studiert und arbeitet dort später, betont Ries. Die rund 300 Millionen Euro, die der deutsche Staat jedes Jahr in die 135 Auslandsschulen steckt, lohnten sich also. Von den Abiturienten 2021 habe mehr als die Hälfte ein Studium in Deutschland angefangen, viele in München. Der Abi-Schnitt der etwa 30 Abiturienten liege meist zwischen 1,8 und 2,1.


Neben den zwölf Auslandsdienstlehrkräften arbeiten hier 58 weitere Lehrer, sogenannte Ortslehrkräfte. Einige waren selbst Schüler der DSP. Dies ist Teil der familiären Atmosphäre. Manche Familien schicken ihre Kinder seit Generationen dorthin. Auch Sara Montenegro, die Mutter von Inês, hat hier Abi gemacht: "Die Deutsche Schule zu Porto ist eine bikulturelle und mehrsprachige Schule und vor allem ein zweites Zuhause, eine zweite Familie. Und eine Erinnerung und Erfahrung, die ein Leben lang halten werden." So kommen viele Eltern gerne zu Veranstaltungen, auch um ihre alten Klassenkameraden wiederzusehen. Durch die geringe Fluktuation der Schülerschaft einer Stufe wächst diese durch 15 gemeinsame Jahre vom Kindergarten bis zum Abitur eng zusammen.


An der DSP sind derzeit 686 Schüler. Die Lehrpläne müssen vom Bund-Länder-Ausschuss für schulische Arbeit im Ausland genehmigt werden. So können Schüler problemlos aus und nach Deutschland wechseln. "Wir haben den Auftrag, deutsche Kinder, die für eine begrenzte Zeit im Ausland leben, aufzunehmen und zu beschulen", erklärt Ries. Meistens seien dies Kinder, deren Eltern für Bosch oder Continental, ortsansässige Firmen, nach Portugal ziehen müssen. Diese Verpflichtung besteht nicht für Kinder deutscher oder portugiesischer Auswanderer oder anderer Nationalitäten. "Wir haben in bestimmten Jahrgangsstufen wesentlich mehr Nachfragen als Plätze, die wir anbieten können. Bereits für den Kindergarten gibt es eine Warteliste. Es mangelt an räumlichen Kapazitäten." An diesem Tag wird der Welttag der Poesie gefeiert. Alle haben sich im Festsaal versammelt.

Jede Klasse trägt Gedichte, Theaterstücke oder Lieder auf Deutsch, Portugiesisch, Englisch und Französisch vor. Eine 6. Klasse stellt Erich Kästners Ballade "Die Sache mit den Klößen" als Theaterstück dar. Zum krönenden Abschluss werden die Preise des diesjährigen "Portalmão"-Übersetzungswettbewerb verliehen, in dem die Schüler innerhalb von anderthalb Stunden das Gedicht "Jardim Perdido" von Sophia de Mello Breyner Andresen ins Deutsche und Robert Gernhardts "Er blickt auf Cavriglia" ins Portugiesische übersetzt hatten. Um 16.05 Uhr steht Senhor Belmiro an der Pforte bereit, um die Schüler zu verabschieden.


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 09.09.2024, S. 26 - Nora Scharmann, Deutsche Schule zu Porto

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