Man muss die Dinge beim Namen nennen

Die Verdingung von Kindern ist ein dunkles Kapitel der Schweiz. Gertrud Schianchi war eines davon.

 

Wer hätte sich denn darum kümmern sollen, um so ein Verdingkind?", fragt Gertrud Schianchi, eine liebevolle und zarte alte Frau. Sie strahlt Sanftheit und innere Stärke aus. Gertrud Schianchi war so ein Verdingkind. Sie lebt heute in Winterthur. Im Jahr 1935 beginnt ihre Geschichte. Ihre Kindheit würde man niemandem wünschen, eine Kindheit, die sie mit zwei klaren Worten beschreibt: "umegschubst und kei fixes Dihai". Dihai bedeutet Zuhause. Ihre Mutter war nicht in der Lage, die Kinder zu erziehen. "Sie het eifach gebore." Der Vater wollte kein Sorgerecht übernehmen und verschwand in das Nachbarland Österreich. Das war der Grund, weshalb sie und all ihre Geschwister zu Verdingkindern wurden. Insgesamt waren es sechs, von denen jedes seinen eigenen, mehr oder weniger schweren Rucksack mit sich trug. Gertrud Schianchi verbrachte ihr erstes Lebensjahr bei ihrer Oma. Es klafft eine große Lücke in ihrer Erinnerung. Sie konnte auch niemanden fragen, da keine Person mehr weiß, wo Gertrud wann genau war.

 

Die nächste klare Erinnerung führt sie zu einem Kinderheim in Romanshorn im Kanton Thurgau, wo sie einige Zeit verbrachte, bevor sie im Alter von zwölf Jahren auf einen Bauernhof zum Arbeiten kam und ihre Verdinggeschichte begann. Ein Mindestalter gab es nicht. Die Gemeinde entschied darüber, wann die Kinder reif genug waren, verdingt zu werden.

 

Die Verdingung von Kindern ist ein dunkles Kapitel der Schweiz. Von 1800 bis in die 1960er-Jahre wurden dort Kinder verdingt. Die Behörden entzogen sie ihren Eltern - etwa dann, wenn diese zu arm waren, sie selbst durchzubringen. Nicht nur Armut war ein Problem, auch uneheliche Kinder und Scheidungskinder waren betroffen. Die Kinder wurden an Bauernfamilien übergeben, manche sogar versteigert. Sie fungierten dort als Arbeitskräfte, vergleichbar mit Knechten. Die Kinder wurden zum Teil geschlagen, misshandelt, mussten im Stall schlafen, hatten Hunger. Den schrecklichen Arbeitsbedingungen oder den Übergriffen wurde nur selten nachgegangen, nicht zuletzt weil die Pflegefamilien von den Behörden kaum kontrolliert wurden. Das verdrängte und verschwiegene Thema wurde erst spät und langsam aufgearbeitet. Allmählich begannen die Opfer, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen. An einem Gedenkanlass für ehemalige Verdingkinder am 11. April 2013 in Bern bat die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga öffentlich im Namen des Bundesrates bei den Betroffenen um Entschuldigung für das Leid, das ihnen angetan wurde. Später gewährte die Schweizer Regierung den Betroffenen einen "Solidaritätsbeitrag" in Höhe von 25.000 Schweizer Franken als Entschädigung. Etwa 9000 Betroffene meldeten sich, doch die Zahl der noch lebenden Verdingkinder dürfte weit höher liegen. Viele von ihnen scheuen den Kontakt zu den Behörden. "Erholung hatte ich nie", bemerkt die heute bald 90-jährige Gertrud Schianchi. Ihr Weg führte sie von einem Bauernhof zum nächsten. Nicht jeder Hof war eine Qual. "Wenn du Glück hattest, hattest du Glück", sagt sie, und man konnte auf einem Bauernhof arbeiten, wo man wie ein Mensch und nicht wie ein Gegenstand behandelt wurde.

 

Doch das Glück war nicht immer auf ihrer Seite. Gertrud Schianchi wurde auf einen Hof im Kanton Thurgau verdingt, wo sie nur eine Nummer war. Es war ihre erste Verdingung. Mit gerade mal zwölf Jahren musste sie den ganzen Tag schuften und "eine Drecksarbeit" nach der anderen erledigen. Tagein, tagaus. "Im Winter musste ich draußen leicht bekleidet am Brunnentrog, gefüllt mit eiskaltem Wasser, Kartoffeln waschen - stundenlang. Die Kartoffeln waren für die Schweine vorgesehen. Eines Tages verletzte ich mich bei der Arbeit draußen, ich blutete, doch niemand kümmerte sich um mich. Es war, als ob ich unsichtbar wäre", erzählt sie. Sowohl die Gasteltern als auch die Kinder der Bauernfamilie schikanierten sie bei jeder Gelegenheit. "Ich wurde in einen Dornbusch geworfen, alles entzündete sich, aber niemand griff ein. Keiner schien meine Schmerzen zu bemerken, und wenn ich endlich mal baden durfte, wurde ich von den Buben beobachtet. Ich hatte keine private Minute." Sonntags war Ruhetag, doch selbst der schönste Tag der Woche war für das Kind alles andere als schön: "Ich musste stundenlang still auf einem Stuhl sitzen, ohne einen Laut von mir zu geben. Es war, als ob ich nicht das Recht hatte, mich zu bewegen oder zu sprechen." Zwei Jahre lang war Gertrud Schianchi auf diesem Bauernhof. Zwei Jahre ihrer Kindheit, die nur aus Arbeit und Schule bestanden. Jede Minute Arbeit wurde aufgeschrieben, um sicherzustellen, dass das Kind die vereinbarte Pflicht erledigte. Nach der Schule ging es direkt an die Schufterei, ohne Pause. Wenn Gertrud sich verspätete, gab es heftige Beschimpfungen. Geschlagen wurde sie nie, doch sie betont, dass Worte beinahe denselben Schaden anrichten können - auf psychischer Ebene.

 

Gertrud Schianchi vermutet, dass die Nachbarn den Umgang mit ihr auf dem Bauernhof irgendwann der Gemeinde gemeldet haben, und so wurde sie auf einen neuen Bauernhof "ebenfalls im Kanton Thurgau verfrachtet". Versteigert wurde sie zum Glück nie. Auf diesem neuen Bauernhof war Gertrud ein Mensch. Sie war nicht ein Verdingmädchen oder eine Magd, sie wurde als ganz normaler Mensch angesehen. Auf diesem Hof hatte sie eine gute Zeit. Gertrud verbrachte knapp drei Jahre an diesem Ort, bis zu ihrem 17. Lebensjahr. Dort lernte sie auch Nelly Schöni kennen. Sie war damals 21 Jahre alt und Bäuerin. Als Mitarbeiterin auf dem Hof arbeitete Nelly eng mit Verdingkindern zusammen. Auf die Frage, ob sie Mitleid mit den Verdingkindern hatte, antwortet Nelly Schöni heute: "Na ja, nein, es war ganz normal, auf jedem Bauernhof arbeiteten Verdingkinder." Gertrud schätzte die Zeit bei Nelly sehr. Das Schönste war, dass sie eine gewisse Freizeit hatte und man am Sonntag, dem Ruhetag, zusammen plauderte und strickte.

 

Mehr als 70 Jahre später treffen sich Nelly Schöni und Gertrud Schianchi wieder. Beide gingen nach ihrer gemeinsamen Zeit vollkommen verschiedene Wege, und nun sitzen sie zusammen in Nellys Küche, einer gemütlichen Stube in einem alten, knarrenden Bauernhaus, sie genießen den Kuchen und plaudern über die Vergangenheit. Nelly Schöni arbeitete noch einige Jahre auf demselben Bauernhof, bis sie ihren Mann kennenlernte und heiratete. Zusammen gründeten sie eine Bauernfamilie mit drei Kindern und führten ein erfülltes Leben. Gertrud Schianchi hingegen kehrte nie wieder aufs Land zurück. In der Stadt Winterthur lernte sie ihren Mann kennen und gründete dort ihre Familie.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2024, Nr. 105, S. 26 - Timea Schöni, Kantonsschule Trogen

zurück