Antonino Panté war ein erfolgreicher Hairstylist, dann hatte er einen Unfall und wurde Fotograf
Ein Balkon in Zürich-Oerlikon, Neubauhochhäuser, die kleine Parks umgeben, 9. Etage, hervorragende Aussicht. Ein leichter Wind weht. Die letzten Ausläufer Zürichs verblauen ebenso wie die Alpen im Hintergrund. Der 52-jährige Antonino Panté genießt eine Zigarette und gießt seine Pflanzen. Sein Bart ist kurz, seine Haare sind lang und zusammengebunden. Beides ist fein grau durchzogen. Der ehemalige Friseur spricht ruhig und selbstsicher. Antonino Panté war ein erfolgreicher Session-Stylist, der Models für den Laufsteg vorbereitete. Er ist 31 Jahre alt, als er seine Familie am Bodensee besucht und der Bitte einer Freundin nachkommt, ihr Fahrrad zu reparieren. "Ich fuhr früher oft Fahrrad und habe mich gefreut, eine Runde zu drehen. An einem Bahnübergang musste ich warten, bin aber nicht abgestiegen, sondern habe auf dem Rad balanciert. Ich habe das früher oft gemacht. Irgendwie bin ich aber hängen geblieben und umgefallen", schüttelt Panté den Kopf. "Mein Arm tat so weh, ich wusste sofort, dass er gebrochen ist. Im Krankenhaus sagten mir die Ärzte dann, mein Ellbogen sei vollkommen zersplittert. Sie hatten so etwas noch nie gesehen." Im Nachhinein spricht der Verunfallte ziemlich locker über dieses Thema. "Verschiedene Ärzte haben drauflosoperiert und ausprobiert." Aber nach zwei Jahren Behandlung ist eines klar: Der Ellbogen kann nicht vollständig geheilt werden. Irgendwie findet er sich damit ab. Schmerzen hat er nicht, kann aber seinen Arm nur noch in einem bestimmten Radius bewegen. Haare stylen geht nicht mehr.
Mit 16 Jahren entschied sich Panté für die Friseurlehre. Er ist in einer Friseurfamilie aufgewachsen. Er merkt schnell, dass ihn der Beruf nicht erfüllt. "Mir haben Haare als Medium gefallen, aber mir hat der kreative Aspekt gefehlt." Er zieht nach St. Gallen, macht dort erste Frisurenshows. Auch das bietet zu wenig Chancen. "Es war wie eine Welle, die abgeflacht ist." Mit 22 zieht er kurzerhand, ohne persönliche Kontakte und mit wenig Englischkenntnissen, nach London. Als er zum ersten Mal durch die Victoria Station spaziert, weiß er, dass die Entscheidung für ihn genau richtig ist: "Die Energie der großen Stadt und der Menschenmassen hat mir sofort gefallen." Er fühlt sich wohl unter Leuten. Der Freund eines Freundes nimmt ihn zu seiner ersten Modeschau mit. Dort fällt überraschend ein Session-Stylist aus, und er darf direkt einspringen. So erlernt er Schritt für Schritt das Handwerk des Session-Stylisten. Dessen Aufgabe ist es, die Models so zu frisieren und einzukleiden, dass möglichst viele Modekäufer die Artikel der jeweiligen Modeschöpfer kaufen. Er spürt genau, dass das jene Berufung ist, die er sich seit seiner Kindheit gewünscht hatte. Anfangs arbeitet er unentgeltlich, möchte seine Leidenschaft ausleben, möglichst viel lernen und sich zum besten Hairstylisten entwickeln. Schließlich tut er sich mit einem Agenten zusammen und lebt und arbeitet im Dreieck London, New York, Mailand. "Während meiner Zeit an den angesagten Modeschauen arbeitete ich mit Stars wie Ricky Martin, den Spice Girls, Ashley Judd, und ich leitete während vieler Saisons als Head Hairstylist Modeshows für Giorgio Armani und Valentino Garavani."
Nach dem Fahrradunfall löst sich das alte, lebendige Leben immer mehr auf und mit ihm auch sein gesellschaftlicher Status. Die Wohnung in Williamsburg, New York City, für die er noch immer Miete bezahlt, muss er auflösen. Er muss neu anfangen. Mit 33 Jahren zieht er nach Basel, entscheidet sich, zu studieren. "Ich wollte neue Dinge lernen, ich blätterte durch die Angebote und kreuzte verschiedenste Vorlesungen an. Philosophie, Genderstudies, ich versuchte, das alles als neue Chance zu sehen." Nach einem halben Jahr merkt er, dass er nicht an die Uni gehört. Er malt, zeichnet, textet, fotografiert, muss sich ausdrücken. "Ich bewarb mich mit meinen Arbeiten an der Kunsthochschule Basel. Ich war endlich wieder voller Zuversicht. Ich bekam allerdings eine Absage. Ich war deprimiert, fühlte mich leer." Was jetzt? Er verreist und irrt fünf Tage lang planlos durch Rom. "Ich konnte mich in meinem Leben immer auf eine Art Rettungsring verlassen. Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, ihn verloren zu haben."
Zurück in der Schweiz bewirbt er sich erneut an einer Kunstschule, diesmal in Zürich. Dort erhält er die Zusage für einen Studienplatz im Fachbereich Fotografie. Nach drei Jahren Studium hat er seinen Abschluss. Endlich findet er ein neues kreatives Umfeld, teilt sich ein Atelier mit anderen Fotografen, erlebt eine fruchtbare, inspirierende Zeit. Er entwickelt Interesse an der Dokumentarfotografie und der konzeptionellen Kunst, wird schnell erfolgreich, erhält Aufträge von Verlagen und Magazinen. "Oftmals entstehen die Ideen für meine Bilder spontan aus dem Moment und der Interaktion mit dem Subjekt heraus, ich gerate in einen Flow und nutze alles, was mir in die Finger kommt, um schließlich etwas Interessantes zu schaffen. Als Künstler muss man seine Arbeit nicht immer unmittelbar verstehen. Oft erschließt sich einem diese erst in der Retrospektive." Ein großer Auftrag war die Dokumentation der Sanierung des Belchentunnels. Dieser verbindet die Autobahn zwischen Basel und Solothurn. Panté fotografierte die Bauarbeiten über sieben Jahre hinweg. "Die Tunnel in der Schweiz sehen aus wie designt für ein Playstation-Spiel", sagt er fasziniert, "Ingenieurskunst vom Feinsten."
Vor fünf Jahren brachte seine Partnerin eine Tochter zur Welt. Seither versucht er, vermehrt Aufträge anzunehmen, die einem Familienleben nicht völlig entgegenstehen, arbeitet von zu Hause aus. "Ich fühle mich wohl, ich vermisse das Leben in der Modebranche nicht", sagt Panté. Er hat sich nach dessen abruptem Ende durchaus gefragt, ob dieses erste Berufsleben irgendeine Art von Sinnstiftung mit sich gebracht hatte. "Ich bin jetzt glücklich, jeden Morgen, wenn ich aufstehe, bin ich glücklich und freue mich auf den Tag."