Mit dem Ball gibt man ihnen ein Ventil

Buntkicktgut heißt eine Initiative zur Integration. Durch den Fußball kommen Kinder und Jugendliche in Kontakt. Und sie bekommen eine Perspektive.

Sie liegen im Rückstand - 1:2. Jetzt nur nicht ablenken lassen. Attika und Abdul vorn im Sturm, Riwan und Mussah in der Verteidigung, das muss doch funktionieren! An jedem anderen Tag wären sie Somalis aus einer Münchner Flüchtlingsunterkunft, heute sind sie die Ohio Boys im Saisonauftakt, ein eingefleischtes Team auf dem Weg in die Champions League. Attikas Blick wandert auf die elektrische Uhr, die nur noch eine halbe Minute anzeigt. Sein Blick wandert auf die Banden, auf denen "buntkicktgut" steht, daneben das Logo - ein zum Schuss ausholendes Männchen. Er wandert auf den Ball, der ihm, ein Fehlpass des Gegners, direkt vor die Füße fällt. Attika stürmt los.


Der Grund, warum die Ohio Boys heute hier, in einer Turnhalle im Münchner Norden mit Ziegelfassade und Quietschböden, sein können, hat einen Namen: Abasin Niazi. Aufmerksam steht er am Spielfeldrand, lässig rückt er sich seine Sportcap zurecht. "Vor zwei Jahren bin ich in ihre Flüchtlingsunterkunft gegangen und habe einfach gefragt, ob ich mit den Kindern Fußball spielen kann", erinnert sich der Einundzwanzigjährige, der den Turniertag als "Street Football Worker" begleitet. Schnell waren eine Mannschaft und ein Name gefunden - "Ohio" fiel einem der Jüngeren einfach ein, und alle hätten lachend zugestimmt. Seitdem trainieren sie jede Woche, um sich den ersten Platz der U-15-Liga zu ergattern. Jetzt müssen sie sich beweisen.


Attika reagiert schnell, bahnt sich seinen Weg durch die Mitte, zieht ab und . . . trifft! Der Ausgleich. Nach jedem Tor dröhnt ein neuer Torjingle durch die Halle, mal ist es ein Popsong, mal einer der typischen Fanchöre, dieses Mal Jacques Offenbachs Cancan. Die Spieler wissen: Das ist der finale Ausgleich gegen die Harras Bulls, das Kultteam aus Sendling, das es seit Projektbeginn, seit 1996, gibt.


Der Gründer von Buntkicktgut, Rüdiger Heid, wacht, mit Jogginghose und eigenem Buntkicktgut-Hoodie ausgerüstet, über den Turnierablauf. Gelegentlich kommentiert er das Spiel: "Da hat er sich aber verdribbelt!" oder "Oh, schade!" oder ein zufriedenes "Traumtor!" Bis zu 2000 Spiele, je nach Turnierphase mit sechs bis zehn Minuten Länge, finden während einer Saison statt. Dass dieses Projekt, sein "Baby", so weit kommen würde, hätte er sich anfangs kaum vorstellen können.


Als Flüchtlingshelfer hat der damals Vierzigjährige hautnah miterlebt, wie die Jugoslawienkriege Tausende junge Familien nach München getrieben haben - oft mit Ängsten, Traumata und alten Konflikten im Gepäck. Eine langwierige Arbeit sei es gewesen, bis ihm und einigen Kollegen der Satz klar wurde, auf dem die Organisation fußen sollte: "Mit dem Fußball kriegt man die ganze Rasselbande!" Sie gründeten die Harras Bulls, das erste interkulturelle Fußballteam, doch dieses langweilte sich bald: Die bis heute bestehende Liga entstand mit Straßenfußballteams aus ganz München. Aus diesem Sommerprojekt wurde etwas Größeres: Buntkicktgut gewann Preise, traf den Bundespräsidenten, fasste Fuß in ganz Deutschland und eröffnete Projekte in der Schweiz, in Serbien und Togo. In München arbeitet es eng mit dem Sozialreferat und den Stadtteilen zusammen. "Ich sehe mich noch immer als Geograph, als Stadtplaner", erklärt Heid, lange sein Brotberuf. Die Schritte zur beidseitigen Integration beginnen im Kleinen.

Braucht man einen lebenden Beweis für diese Vision, muss man nur Abasin fragen. "Eigentlich ist der Straßenfußball zu mir gekommen", erzählt der Deutschholländer mit afghanischen Wurzeln. Mit neun Jahren habe er im Stadtpark gekickt und sei auf Anregen eines Nachbarn gleich dem Team beigetreten, den Arnulf Lions, wo er erstes Buntkicktgut-Blut lecken konnte. Im Jahr darauf wurde er zum Schiedsrichter ausgebildet, nahm an den monatlichen Ligaräten teil, übernahm das Training der Jüngeren . Den Partizipationsgedanken der Organisation trägt er voll mit, auch wenn er das selbst nicht so formulieren würde: "Ich war kein guter Schüler", lacht er. Nach dem bei Rudi absolvierten Bundesfreiwilligendienst zwang er sich, mehr schlecht als recht, durch eine Ausbildung zum Justizfachwirt, doch die bürokratische Last, die negative Atmosphäre vor Gericht waren nicht seine Welt. Er wirkt erleichtert, jetzt offiziell für Buntkicktgut zu arbeiten, mit den Kindern zu trainieren, ihnen das beizubringen, was ihm selbst am wichtigsten ist: "Respekt!"


"Eigentlich geht es gar nicht um Fußball", lässt sich Heid gar entlocken, vielmehr gehe es um das Mitmachen, das Voneinander-Lernen, er spricht von "Beziehungswelten der interkulturellen Art". Das Ethnologiestudium merkt man dem gebürtigen Schwaben an, genau wie die Leidenschaft, mit der der langjährige Sozialgeograph seine Projekte skizziert. Er ist ein Theoretiker und Praktiker, spricht die Sprache der Politik und auch die der Jugend. Die Spieler nennt er auch seine Kinder. Und für sie ist er ihr "Papa Rudi".

Wer sie alle sind? Da gibt es Noel von den FC Aramäern, dem Team aus Irakern. Ambitionierte blaue Augen, sein Fußballvorbild: Neymar. Warum er sich die Stürmerrolle ausgesucht habe? "Weil die anderen nicht schießen konnten." Der freundschaftliche Aufschrei seiner Mitspieler folgt prompt. Da gibt es Moussai und Abdi, zwei etwa zehnjährige somalische Flüchtlinge, die den älteren Ohio Boys zuschauen wollen. "Normal" sei es in der Unterkunft, sie gehen gerne mit zum Training, viel mehr sagen die schüchternen Jungs nicht, bevor sie sich wieder auf den Ball stürzen. Und da gibt es Samy, Lionel, Eduard und Yusuf von den New Samborella Juniors aus Ramersdorf, die sich im Halbfinale gegen die Harras Bulls durchsetzen und mir daraufhin selbstbewusst zuraunen, ich solle doch einen großen Absatz über sie alle schreiben, wenn sie im Finale gewinnen. "Ja, falls ihr gewinnt", antworte ich, schließlich hat ihr finaler Gegner es in sich: die Ohio Boys.


Im Finale an diesem Spieltag zeigen diese alles, erinnern sich an die Taktik, die Abasin ihnen eingebläut hat: "Immer Druck machen, selbst wenn ihr führt!" Sie kicken sich zum 2:0, das mit Jubel und Medaillen geehrt wird und sie an die Spitze der Tabelle bringt. "Die acht besten Mannschaften des Qualifikationsturniers können aufrücken", erklärt Heid, "das nennen wir dann die Champions League." Er weiß, dass selbst die besten Spieler nur selten den Traum der Profikarriere verwirklichen können - doch gehe es um die positiven Erfahrungen, die Perspektiven, die Wertschätzung. "Daher gibt es zusätzlich Preise für Fair Play, Diversität und Turnierorganisation" - niemand soll leer ausgehen. Es dämmert. Papa Rudis Rasselbande ist schon lange gegangen, da trudeln die Erwachsenenteams ein. Jetzt zieht sich auch Abasin sein grünes Leibchen über und joggt aufs Feld - nur diesmal als Spieler. Der Ball, der seit seiner Kindheit rollt, wartet dort auf ihn. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Januar 2025, Nr. 10, S. 26 - Magnus Metzler. Asam-Gymnasium, München

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