Das Hügelland Haloze in Slowenien lädt zu einem kulturellen Zwischenhalt bei der Durchfahrt ein.
Millionen Touristen reisen in den Süden. Wer aus Mittel- und Nordeuropa an die kroatische Adria fährt, nutzt vielleicht die Strecke über Graz, Maribor und Zagreb. Die meisten durchqueren dabei Slowenien in kurzer Zeit. Nur wenige machen auf den 67 Kilometern Rast oder übernachten und machen gar einen Ausflug. Dabei liegen direkt neben der Autobahn oft kleine Paradiese.
Dazu gehört für Brane Kolednik auch die "wunderschöne Gemeinde Videm pri Ptuju, mit ihren Flüssen, einem See und ihrer Hügellandschaft des Haloze". Der 50-jährige Geschäftsführer einer IT-Firma ist Bürgermeister einer Großgemeinde mit 5600 Einwohnern in acht kleineren Gemeinden und 31 Siedlungen. Sie liegt acht Kilometer südöstlich von Ptuj, gut zehn Kilometer von der slowenisch-kroatischen Grenze entfernt. "Die einzigartige Lage hat den Menschen hier viel geschenkt, ein reiches kulturelles Erbe, hervorragenden Wein, ein auskömmliches Leben", meint Kolednik. Er weiß auch, dass dieses Geschenk Pflege braucht.
Marija Kolednik Crnila setzt sich ebenfalls dafür ein. Die 1956 in Ptuj geborene Rentnerin ist in Kulturvereinen, Chören und im örtlichen Bauernverband aktiv. Sie schreibt Märchen, die in der Region spielen, und sammelt Rezepte traditioneller regionaler Gerichte. In Kindergärten und Grundschulen, aber auch für Erwachsene liest sie aus ihren Büchern vor, auch aus "Preloz na nasem Dvoriscu" (sinngemäß: "Gespräche über unseren Gartenzaun"), das Geschichten aus dem Dorfleben und den regionalen Dialekt dokumentiert. Wörter wie "Herc", "Cigl", "Cajt", "Kurcslus", "Kseft", "Lojtra", "Pauza" und "fertik", erinnern noch heute daran, dass im Ort früher Deutsch gesprochen wurde. Ein Dokument dafür ist die gemeißelte Inschrift auf der Gründungstafel in der Grund- und Hauptschule Videm pri Ptuju: "Erbaut von den Insassen der Ortschaft St. Veit 1882."
Marija Kolednik Crnila liest aus ihren Büchern auch im Heimatmuseum in Trzec, einer Ortschaft mit 450 Einwohnern, die zur Großgemeinde gehört. "Wir sind besonders stolz auf das Museum", erklärt Bürgermeister Kolednik, "aber es ist auch viel Arbeit damit verbunden." Zum Anwesen gehört das traditionelle Bauernhaus in hellgelber Farbe mit kleinen Fenstern in braunen Rahmen. Es gibt Stallungen, Schuppen, Maisspeicher, ein Weinkellerhaus, einen Nutzgarten, einen Ziehbrunnen, eine Laube unter Weinranken und Linden-, Nuss- und Maulbeerbäume auf der Wiese. Alles auf 3000 Quadratmetern umgrenzt von einem traditionellen grauen Lattenzaun. Das Gehöft liegt am Ufer des Flüsschens Dravinja, das acht Kilometer entfernt in die Drau fließt.
Silvo Pintaric ist der gute Geist des Museums. Der 67-jährige Rentner machte früher Wartungsarbeiten in einer Aluminiumfabrik und kümmert sich nun ehrenamtlich als Hausmeister, Gärtner und Touristenführer um das Gehöft. Mit seiner Familie wohnt er in der Nähe, baut selbst Wein, Obst und Gemüse an und hält Schweine, Kaninchen und Hühner. Pintaric, Schnauzbart und hellblaue Augen, trägt meistens Arbeitskleidung und Hut. Er berichtet: "Unsere Siedlung mit dem Museum liegt am Ende einer schmalen Straße, selbst viele Leute aus Ptuj wissen nicht, dass es uns gibt. Das hat unsere Ruhe bewahrt und auch Fauna und Flora geschützt." Man sei besonders im Frühjahr und Sommer ständig von Vogelgezwitscher umgeben. "Auch Kuckuck, Nachtigall und Eulen hört man, kann Enten, Schwäne, Störche, Grau- und Silberreiher beobachten, Rehe und Marder. Auch ein Goldschakal wurde hier schon fotografiert. Fledermäuse sind im Sommer aktiv, nachts auch Biber, ihre Fraßspuren findet man an Bäumen und Sträuchern. Und auch Ringelnatter, Würfelnatter und die bis zu 1,80 Meter lange Äskulapnatter sind nicht selten. Die sind weder giftig noch gefährlich, sie sind ja das Symbol der Medizin." Sogar Fischotter habe er schon beobachtet. Die fischreiche Dravinja zieht ebenfalls Trophäenjäger an. Aus Österreich komme regelmäßig ein Angler, "der in einem kleinen Zelt am Ufer übernachtet und schon Karpfen, Hechte und Welse gefangen hat, die 20 Kilogramm und mehr gewogen haben. Nachdem er sie fotografiert hatte, setzte er sie wieder im Fluss aus". Beliebt sind auch die einstündigen Fahrten auf der Dravinja. 30 Personen finden dazu auf Sitzbänken und an Tischen Platz auf einem überdachten Floß, das "Vodomec" heißt, "nach dem Eisvogel, der in der Region sein größtes Verbreitungsgebiet in Slowenien hat", erzählt Pintaric.
Natürlich kümmert er sich nicht allein um das Projekt. Nachdem die letzten Bewohner des Anwesens ausgezogen waren, ging das 1937 erbaute Gehöft in den Besitz der Gemeinde. Seit 2004 ist ein ethnographischer Verein für das Heimatmuseum zuständig, das den offiziellen Namen "Djocanova Kmetija" trägt. "Wir kümmern uns um Erhalt und Pflege, organisieren Arbeitseinsätze, Workshops, Feste", erzählt Andrej Gaspar. Der 48-jährige Inspektor der Regionalpolizei in Maribor ist seit 2013 Vorsitzender des Vereins. "Wir haben etwa 110 Mitglieder. Viele davon wohnen gar nicht in Trzec. Sie sind wegen der wunderschönen Umgebung und der authentischen, familiären Atmosphäre dabei." Zum Museumskomplex gehören 354 historische Objekte, die gesamte Einrichtung des Hauses mit Kachel- und Backofen, mit Bildern, Geschirr und Besteck, sowie Werkzeuge für die Land- und Viehwirtschaft. Alles stammt aus Spenden. Die zehn bis fünfzehn Vereinsmitglieder, die regelmäßig zu Arbeitseinsätzen kommen, sind ehrenamtlich aktiv. Trotzdem entstehen Kosten, "diese werden jeweils zur Hälfte von der Gemeinde und unserem Verein getragen", berichtet Gaspar. "Für uns alle ist der größte Lohn die Begeisterung unserer Gäste. Die meisten sind überrascht und sprachlos, so nahe der Autobahn eine so paradiesische Umgebung mit einem so liebevoll gepflegten Anwesen zu finden."
Bürgermeister Kolednik ist "sehr stolz auf die Arbeit des Vereins. Das Heimatmuseum Trzec verbindet sichtbar Vergangenheit und Gegenwart und zeigt, wie die Menschen früher lebten und sich ihre Aktivitäten gegenseitig ergänzten." Dazu werden Workshops angeboten, zum Beispiel zum Flechten von Körben und Fischreusen, zum Schmieden, zum Sensenklopfen und Mähen, zum Töpfern, zum traditionellen Backen und Kochen. Aber auch Oldtimertreffen mit Motorrädern und Autos finden statt." Wenn die Trauben reifen, wird feierlich die "Klopotec" aufgestellt, die typische große Holzklapper der Region, die die Vögel fernhalten soll.
"Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche mit den Traditionen ihrer Region leben", sagt Kolednik. Auch Sabina Soster liegt das am Herzen. Die 46-jährige Slowenin ist in Österreich geboren und aufgewachsen, wo ihre Eltern Arbeit gefunden hatten. 2009 ist sie aber nach Trzec gezogen. "Denn schöner als hier kann es kaum sein. Viele Menschen wissen nicht mehr, was eine Akazie, Linde oder Holunder ist, und dass man die Blüten für Tee nutzen oder frittieren und essen kann, so wie Bärlauch, Brennnesseln, Löwenzahn, Gänseblümchen und Veilchen im Salat." Deshalb ist sie froh, dass ihr 11-jähriger Sohn hier aufwächst und er sich mit seinem Vater im Museum engagiert. "Wenn Kinder mit dem Natur- und Kulturerbe groß werden, ist es die beste Voraussetzung dafür, dass sie dies schätzen und weitergeben." Daher wächst Sosters Sohn auch zweisprachig auf, slowenisch und deutsch. Auch für Bürgermeister Kolednik hat die sprachliche Bildung große Bedeutung. "Die meisten jungen Leute sprechen heute Englisch, aber Deutsch war und ist wichtig. Denn die meisten Touristen, die unsere Region besuchen, sind zwar aus Slowenien, aber auch Österreicher, Deutsche, Belgier und Ungarn kommen vorbei."