Mit zwei PS zieht er zu Felde

Bei Bauer Altorfer im Zürcher Oberland kommen Pferde statt Maschinen zum Einsatz

Im gemütlichen Trott setzen sich die beiden Arbeitspferde in Bewegung. Sie sind vorne an einem Bergladewagen eingespannt und machen sich auf den Weg zum Feld. Urs Altorfer lenkt sie bestimmt durchs Dorfzentrum der Gemeinde Bertschikon, die mitten im Zürcher Oberland liegt. An deren Rand, inmitten grüner Wiesen und einiger Wohnhäuser, befindet sich der Hof Müselacher, ein Familienbetrieb, der in fünfter Generation geführt wird. Ein gemütliches Bauernhaus mit Scheune und gegenüber ein Kuh- und Pferdestall mit Heuboden. Seit 19 Jahren leitet Altorfer den Hof. Neben ihm, seiner Frau und ihren vier Kindern leben auch noch seine Eltern dort, die ihm den Hof vererbt haben. Ökologie und Nachhaltigkeit werden dort großgeschrieben. Einzig ein Zweiachsmäher mit 28 PS gehört zum Betrieb. Ansonsten wird nur mit Arbeitspferden gearbeitet. Heute übernehmen Golden und Eole die Arbeit, die auf einem gewöhnlichen Bauernhof ein Traktor machen würde. Sie sind zwei von vier Arbeitspferden inklusive einer Zuchtstute, die neben sieben Mutterkühen, einer Herde Wasserbüffel, Schweinen, Schafen, Hühnern und noch einigen anderen Tieren gefüttert und gepflegt werden.


Arbeitspferde waren bereits ein wichtiger Bestandteil des Betriebs, als Altorfer ihn von seinen Eltern übernahm. Die Kaltblüter seien besonders geeignet als Ziehpferde. Sie sind groß, schwer und stark und haben zudem von Natur aus einen ruhigen Charakter. Das ist ideal, wenn sie einen ganzen Wagen über eine Dorfstraße bugsieren müssen. Um ihre Hälse liegen Kummets, die das Ziehen bequemer machen, ein Geschirr dient zum Steuern der beiden Freiberger Pferde, die letzte ursprüngliche Schweizer Pferderasse. Sie gehorchen den Anweisungen ihres Halters, der vorne auf dem Wagen sitzt und zwei Zügel lässig in der behandschuhten Rechten hält. Groß gewachsen, hat er einen guten Überblick

über die Straße und den Verkehr. Da es nicht so schnell vorangeht wie mit einem Auto, wird der Umzug oft überholt. Solange die Pferde gut drauf sind, sei dies kein Problem. Meistens seien es ungeduldige Autofahrer, die gefährlich werden könnten. "Man muss immer darauf gefasst sein, dass die Pferde sich erschrecken und ausbüxen, schließlich sind sie Fluchttiere."


Mit den Zügeln zieht Altorfer die Pferde immer ein wenig zurück, damit sie wissen, dass sie nicht schneller werden dürfen. Wenn sie für eine lange Zeit nicht mehr gegangen sind, haben sie viel Energie und ziehen gerne mal stärker, als sie sollten. Für den Fall, dass sie mal keine Lust haben und nicht richtig laufen wollen, ist eine lange Gerte mit dabei, mit der ihnen dann ab und an ein leichter Zwick verpasst wird. Das Feld, auf dem heute das Heu eingeholt wird, ist ein paar Hundert Meter vom Hof entfernt und ein Teil der fast 16 Hektar Nutzfläche, die zum Hof gehören. Da der Blinker am Wagen nicht funktioniert, streckt Altorfer den linken Arm aus, um deutlich zu machen, wo er hinwill. Eine Frau winkt ihm aus ihrem Garten zu, und er grüßt höflich zurück. Bevor es mit dem Einsammeln losgehen kann, stoppt Altorfer die Pferde, befestigt die Zügel und springt vom Wagen. Dann macht er sich am Motor zu schaffen. Dieser ist auf dem Bergladewagen nötig, um das Heu vom Boden auf den Wagen zu befördern. Bei einem Traktor würde dies dessen Motor übernehmen.


Das Rattern und Brummen der Maschine stört Golden und Eole nicht. Gelassen stehen sie da und versuchen, ein wenig vom frisch gemähten Gras zu stibitzen. Doch schon ist Altorfer wieder da, nimmt die Zügel in die braun gebrannten und von der Arbeit etwas schmutzigen Hände und treibt sie an. Der schlanke Neunundvierzigjährige steht jetzt bemerkenswert aufrecht auf dem holpernden Wagen. Nun muss er die beiden Frechdachse stärker im Griff haben. Sie sind jedoch so geübt, dass es für sie keine große Sache mehr ist. Brav ziehen sie ihre Last über das Feld, ohne der Katze, die etwas weiter vorne davonspringt, Aufmerksamkeit zu schenken.


Das Gespann besteht aus einer Deichsel mit einer vorne befestigten Brustkette, die wiederum vor den Pferden am jeweiligen Kummet befestigt ist. Beide Pferde haben am Zaumzeug auf beiden Seiten einen Lederriemen, von denen je der linke zum linken und der rechte zum rechten Zügel führt. So können sie beide mit nur zwei Händen gesteuert werden. Der Bergladewagen wurde extra für die Pferde angepasst. Er ist ein ständiger Bestandteil im Betrieb, der seit mehr als 55 Jahren größtenteils mit Pferden bewirtschaftet wird. "Die Arbeit ist anstrengender als mit Traktoren, es dauert alles viel länger und ist zum Teil auch komplizierter", erklärt Altorfer. Eine kaputte Maschine könne recht einfach geflickt oder das betroffene Teil ersetzt werden. Wenn sich jedoch ein Pferd verletze oder aus einem anderen Grund nicht in der Lage sei zu arbeiten, habe man nicht so schnell einen Ersatz. "Vor einigen Jahren hat sich ein alter Wallach verletzt, als er über einen Zaun gesprungen ist. Abgesehen von der Verletzung war die Sache nicht weiter tragisch. Für leichtere Arbeiten reichen zwei Pferde, und falls es wirklich nicht geht, leiht man einen Traktor, mit dem die Arbeit dann bestimmt erledigt werden kann. Schlussendlich steht das Wohl der Tiere immer noch zuoberst."

Altorfer steht jeden Tag vor der Stalltür und macht sich an die Arbeit. "Natürlich gibt es auch Tage, an denen man lieber liegen bleiben würde, so sind wir nun mal", meint er schmunzelnd. Die Pferde, die anderen Tiere, die Natur und das Wetter helfen ihm, jeden Morgen aufzustehen. Seine Freude an der Arbeit mit den Pferden ist einer der Hauptgründe, weshalb er die Sache durchzieht. In der ganzen Schweiz gibt es außer ihm noch etwa zehn andere Bauern, die auf ähnliche Art und Weise Arbeitspferde einsetzen. Manche nutzen die Tiere nur teilweise und haben noch Maschinen auf dem Hof. Das ökologische und nachhaltige Arbeiten ist für Altorfer ein weiterer wichtiger Grund. Außerdem gehörten die Pferde schon zum Hof, als er ihn übernommen hat.


Die Pferde werden nicht jeden Tag auf dem Feld gebraucht, manchmal werden sie auch zum Ausreiten genutzt. Je nach Jahreszeit und Wetter variiert die Arbeit. Wie jeder andere Bauer muss Altorfer flexibel sein. Eine große Hilfe ist die sechzehnjährige Salome, die Landwirtin im ersten Lehrjahr ist. Seit 13 Jahren haben die Altorfers alle drei Jahre einen Auszubildenden, der sie unterstützt. In den Ferien helfen auch gerne mal Ehemalige aus, die bereits abgeschlossen haben.


Die Zeit vergeht wie im Flug, und schon ist der Wagen voll. Der Rückweg ist für Golden und Eole um einiges anstrengender als der Hinweg, da die Last des noch etwas feuchten Heus dazukommt. Dennoch schaffen die beiden es ohne Probleme zurück durch das Tor des Hofes, direkt vorbei am kleinen Hofladen. Dabei handelt es sich um ein kleines Wägelchen unter einem großen Baum, in dem die Familie Freilandeier, Gemüse, Süßmost, Fleisch der eigenen Tiere, Käse, Brot, Honig und Früchte verkauft. Altorfer bietet auch Führungen für Schulen an, bei denen die Kinder sich seinen Hof ansehen und seine Arbeitsweise kennenlernen können.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.09.2024, S. 26 - Zoé Wettstein, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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