Morgens Hitler, nachmittags Goethe

Wie besucht man Buchenwald? Als Schülerin in der Gedenkstätte.


Der Ort spricht für sich, sagt eine pädagogische Mitarbeiterin.

 

Die Straße zum Lager führt durch den Buchenwald. Die Pflastersteine wurden über Jahre hinweg von Häftlingen in Knochenarbeit handverlegt. Auch wenn man durch das Lager geht, ist man immer noch von friedlichster Natur umgeben. Und wenn man schließlich bei den Verbrennungsöfen ankommt, erwartet einen die schönste Sicht über eine weite Landschaft mit dichten Wäldern. Aus diesem Grund zieht es im Sommer immer Jogger, Fahrradfahrer und Spaziergänger mit ihren Hunden hierher. Man sieht dem Ort seine Vergangenheit nicht sofort an, denn es handelt sich hier um ein ehemaliges Konzentrationslager, das 1937 wenige Kilometer von Weimar entfernt errichtet wurde. Hierhin wurde mehr als eine Viertelmillion Menschen deportiert, die aus über 50 Ländern kamen. 56.000 überlebten das Konzentrationslager nicht. Später wurde es von 1945 bis 1950 zum "sowjetischen Speziallager Nr. 2", in dem vor allem NSDAP-Mitglieder, aber auch Personen, die man aus Sicht der Besatzungsmacht als Gefährdung für die militärische Sicherheit betrachtete, interniert waren. Von diesen etwa 28.000 Inhaftierten verstarb dort ein Viertel.

 

Über die ungebetenen Gäste, die den Ort des Schreckens als Wohlfühloase missbrauchen, schüttelt vor allem eine Person den Kopf: Pamela Castillo-Feuchtmann, eine lebhafte Frau mit viel Temperament und einem spanischen Akzent. Ihre Augen funkeln, wenn sie von ihrem Beruf als pädagogische Mitarbeiterin der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora erzählt. Auch sie fand zuerst, dass die Gedenkstätte eine schöne Szenerie hat. Trotzdem ist sie nach ihrem ersten Besuch auf einer 400 Kilometer langen Rückfahrt weinend nach Bonn gefahren. Sie führt seit 25 Jahren Besucher durch die Gedenkstätte und muss die Herkulesaufgabe angehen, oft in nur drei Stunden, jungen Leuten das Ausmaß des Holocausts zu vermitteln. Ihre Führungen hält sie in Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch, und sie empfängt jedes Jahr mehrere Tausend Schüler aus allen Teilen Europas.

 

Diese sind manchmal monatelang vorbereitet worden, teils sind sie in Geschichte noch bei den Azteken, einige sind auch auf Visitedurchmarsch, während wieder andere dort übernachten. Viele Jugendliche kommen mit völligem Desinteresse, denn sie sind der Ansicht: "Ich habe mit dieser Geschichte überhaupt nichts zu tun. Ich habe nicht einmal gelebt." Andere wiederum kommen mit riesigen Erwartungen, vielleicht auch nicht immer den richtigen. Bei denen fragt sich Castillo-Feuchtmann: "Was interessiert dich? Sind es die Foltermethoden, oder interessiert dich die Auseinandersetzung, wie so etwas entstanden ist?" Die Gedenkstätte ist größtenteils erhalten geblieben. "Der Ort spricht für sich", betont Castillo-Feuchtmann. Das tut er in der Tat. Denn was sagt bitteschön ein zoologischer Garten aus, der dem Freizeitvergnügen der SS diente und als Kinderattraktion direkt bis an den Lagerzaun reichte? Der Grundsatz der Pädagogin lautet: "Wir üben keinen Zwang aus, wir indoktrinieren nicht, wir missionieren nicht. Wir geben Fakten." Und das ohne Ausschmückungen. Denn die Fakten sind schon für sich hart genug, vor allem für pubertierende Jugendliche, die konstant am Rande der Krise leben. Und auch wenn Castillo-Feuchtmann keineswegs auf die Trauer ihrer Zuhörer abzielt, so packt sie trotzdem jeden Morgen eine Packung Taschentücher ein.

 

Unter den Schülergruppen kommen tatsächlich viele mit großem Interesse, doch das mache es ihr keineswegs leichter, sagt Castillo-Feuchtmann. Denn es gehe manchen Schülern nicht um die Tatsache, dass und wieso Menschen so tragisch ums Leben gekommen sind, sondern wie. Und wenn man Horrorgeschichten nicht erzählt oder wenn man verschweigt, mit welchem Kaliber die Inhaftierten getötet wurden, dann herrscht allgemeine Enttäuschung, die einen als Außenstehenden schockieren mag.

 

Einige Lehrer nähmen einen Erlebnischarakter auf, vor allem wenn die Führungen ausgebucht sind. So werden manche sehr kreativ und peppen die Geschichte durch Spekulationen oder kleine Dichtungen auf. Andere kämen sogar ins Inszenieren und würden ihre Klassen in T-Shirts auf dem Appellplatz im Winter strammstehen lassen. Die sitzen aber spätestens eine Stunde später wieder im warmen Bus und können abends in ihrer Jugendherberge feiern, was die Häftlinge vielleicht auch gerne gemacht hätten. Dank dieser "empathischen" fünf Minuten haben sie maximal eine Erkältung von ihrem Besuch mitgenommen, kommentiert Castillo-Feuchtmann. Auch die Durchmarschierer, die mit viel Programm anreisen und morgens Hitler in Buchenwald und nachmittags Goethe in Weimar behandeln, seien ein Problem, denn solange die Jugendlichen keine Zeit haben, innezuhalten und nachzudenken, können sie den Besuch überhaupt nicht verdauen. Ganz hoffnungslose Fälle seien die Nazis, die "sich vor dem Lagertor mit dem Hitlergruß fotografieren". Nur noch unterboten von einigen antisemitischen Schülern, die auf die Erläuterung der Euthanasie erwidern: "Mit den Juden hätte ich das genauso gemacht."

 

Allerdings gebe es auch die Besucher, die immer am längsten blieben, nämlich die Schüler aus Katalonien. Da hat Pamela Castillo-Feuchtmann die Zeit, einen sanften Einstieg in die Geschichte zu vermitteln und auch auf die Geschichte Buchenwalds zum Beispiel als sowjetisches Speziallager einzugehen. Die jungen Spanier seien meistens am involviertesten.

 

Sie wohnen mit ihr in der ehemaligen SS-Kaserne und teilen ihre Ängste vor dem KZ-Besuch und die Erschütterung danach mit ihrer Begleiterin. Die ehemaligen Schüler besuchen sie auch zehn Jahre später immer wieder und "invadieren ihre Wohnung", wie sie erzählt. Gerade ist die aktuelle Schülergruppe zurückgeflogen, und die ersten schockierten Mails von den Eltern flattern der Pädagogin ins Haus. Diese fragen: "Was hast Du mit meinem Sohn gemacht?", erzählt sie lachend. "Er isst jetzt alles, ohne zu meckern, hilft zu Hause, knuddelt seine kleinen Geschwister. Ich habe ein ganz anderes Kind." Darauf antwortet sie: "Nein, das ist nur temporär, es dauert noch ein bisschen, bis er wieder normal wird." Das, was die Jugendlichen immer am meisten bewege, sei es, zu erfahren, dass viele Kinder, womöglich in ihrem Alter, als Waisen aus dem Konzentrationslager entkamen. Das wecke den Wunsch, nach Hause zu kommen und Mama und Papa fest zu umarmen.


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2024, Nr. 54, S. 26 - JULIE HAUSE, Droste-Hülshoff-Gymnasium, Berlin

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