In Timisoara gibt es ein Altenheim für die Banater Schwaben und einen Chor
Es ist Dienstagnachmittag. Im Kaffeesaal spielen vier Senioren Rommé. "Bitte nicht stören, wir nehmen das ernst!", ist zu hören, als die Tür aufgeht. Im Raum tönt ein lautes Gespräch in banatschwäbischer Mundart. Die Bewohner des deutschen Altenheims in Timisoara lächeln. Auf ihren heiteren Gesichtern sind Sorgen kaum zu erahnen. Helmut Weinschrott ist der Direktor der Sozialabteilung der Stiftung des Heims: "Die Leute sind allein, sie können sich nicht mehr selbst versorgen. Oft leben sie in Ortschaften, die verkehrstechnisch abgeschnitten sind und wo auch ihre deutsche Sprache nicht mehr gesprochen wird", sagt der grauhaarige Mann und rückt seine Brille zurecht. Das Adam-Müller-Guttenbrunn- Seniorenheim wurde 1994 mit Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland für die deutsche Minderheit in Timisoara, die Banater Schwaben, gegründet. Rund 80 Senioren werden hier betreut. Viele weitere ältere Menschen, aber auch bedürftige Kinder nehmen an der Essensversorgung teil. Es sei schwierig, ein solch komplexes Projekt wie ein Seniorenheim zu verwalten, erklärt Weinschrott. Immer gebe es Probleme mit der Absicherung finanzieller Mittel. Aber er verzweifelt nicht. "Die Verwaltung ist ja ein Job, und man muss das machen können und ganz besonders wollen. Und ich wollte es und habe es von Anfang an gemacht." Bei Problemen der Bewohner ist er zur Stelle. "Die Tür ist bei mir nie zu", sagt er und zeigt auf seine Bürotür.
Auf die Frage, warum das Heim gebaut wurde, antwortet er: "Also der Grund war doch klar. Die jungen Leute sind ausgewandert, und die alten sind hiergeblieben, da musste man etwas unternehmen. Von staatlicher Seite hat sich nichts getan, und deshalb wurde mit Unterstützung des Hilfswerks der Banater Schwaben in Deutschland dieses Gebäude errichtet, mit Mitteln der Bundesregierung Deutschland." Das Heim sei zwischen 1992 und 1994 "in Rekordzeit" gebaut worden. "Fast alle aus dem Heim haben kaum in Deutschland gelebt, aber alle gehören zur deutschen Minderheit in Rumänien."
Die Bewohner des Heims haben viel Geschichte erlebt. "Wir haben zu Hause nur Deutsch gesprochen. In der ersten Klasse habe ich Rumänisch lernen müssen", erzählt die zweiundachtzigjährige Heidrun Henresz. "Meine Mutter konnte Ungarisch, sie war auf der ungarischen Schule. Ungarisch und Deutsch hat sie gut können. Aber Rumänisch nicht. Wir haben immer gelacht, wenn sie mit den rumänischen Nachbarsleuten gesprochen hat." Erklärend fügt sie hinzu: "Weil es hier so zugeht im Banat, es ist mehrsprachig und multinational." Henresz erinnert sich: "Vater war im Krieg und Mutter mit fünf kleinen Kindern zu Hause, ganz allein." Später besuchte sie das deutsche Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Timisoara. "Damals waren ganz andere, kommunistische Zeiten. Deutsche Schulen gab es in jedem Viertel, aber mit kommunistischer Ausrichtung, also dass die Deutschen auch den Sozialismus lernen können. Schon in der ersten Klasse haben wir direkt Rumänisch lernen müssen." Ihr fiel das nicht schwer. "In Temeswar spielen die Kinder auf der Straße auch mit ungarischen und rumänischen Kindern, und sie lernen es einfach so, ohne Lehrer." Allerdings: "Wir Mädchen haben nicht so viel Ungarisch gelernt, denn wir waren mehr im Haus. Aber die Jungen, die haben gut Ungarisch gekonnt."
Nach dem Abitur begann Henresz ein Germanistik-Studium. "Während des Studiums habe
ich dann geheiratet und vier Söhne bekommen, und ich habe das Studium nicht mehr abgeschlossen. Mit den Kindern muss man sich die erste Zeit sehr viel beschäftigen, und da kann man nicht auf zwei Stühlen sitzen." Sie arbeitete einige Jahre im Lektorat der "Banater Zeitung", einer Beilage der "Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien". "Es war von Anfang an eine deutsche Zeitung, seit 1949. Sie richtete sich an die deutsche Minderheit, damit sie über alles informiert ist." Der Zeitung blieb sie lange treu. "Später war ich Redaktionsmitglied, sechs Jahre lang, als nicht gelernte Journalistin. Damals gab es ja keine Schule für Journalismus, erst recht nicht in deutscher Sprache." 1999 ging sie in Rente. Zuerst war sie zu Hause, dann entschied sie sich mit ihrem Mann zusammen für das Seniorenheim. Mit ihrem Mann spricht sie ausschließlich Deutsch. Die Einrichtung ist für die beiden ein zweites Zuhause.
"Wir können uns über gar nichts beklagen. Zu Hause geht es einfach nicht mehr. Die Füße, der Rücken." Und ein Heimplatz ist bezahlbar: "Wir bezahlen von unserer Rente 80 Prozent als Gebühr, und 20 Prozent kriegen wir für uns als Taschengeld. Das können wir ausgeben für Kleider und so." Am Anfang hat Henresz sogar noch Artikel für die Zeitung geschrieben. "Aber jetzt fehlen mir die Informationen von draußen. Ich bin ja mit Rollator unterwegs. Die Mobilität ist das Problem. Außerdem wird man immer älter. Aber Korrekturen mache ich noch. Die letzte war eine Doktorarbeit, 480 Seiten." Das Heimleben selbst ist alles andere als träge. Neben Spaziergängen im angrenzenden botanischen Garten gibt es viele Möglichkeiten. "Ein volles Programm hält jung", betont Weinschrott. "Um 8 Uhr gibt es Frühstück, um Punkt 12 Mittagessen. Das war schon bei den schwäbischen Familien Brauch." Von Montag bis Freitag gibt es Angebote: einmal ist Turnstunde, ein anderes Mal Kaffeestunde. In diesem Moment betritt die Turnlehrerin den Raum und zieht mit ihrer Fröhlichkeit alle in ihren Bann. Turnen sei zwar anstrengend, aber die Lehrerin verbreitet Energie. Sie nennt alle Teilnehmer "Sportler" und lässt nacheinander die Übungsserien mitzählen. Die Bewohner zählen in mehreren Sprachen, jeder, wie er mag. Es gibt auch einen Chor. "Seit zwei Jahren leiten wir den Chor allein. Wir haben eine Lehrerin gehabt.
Aber die ist mittlerweile auch alt und krank und kann nicht mehr", berichtet Henresz. Doch die Chormitglieder haben nicht aufgegeben: "Raymund leitet den Chor, obwohl er seit 25 Jahren blind ist. Der Raymund gibt den Ton an, er beherrscht das musikalisch, ich passe mit dem Text auf. Die Melodie behält man ja, aber der Text, das ist schwierig."
Jeden Sonntag singen sie im Gottesdienst: "Es sind Lieder, die zur Glaubenszeit passen. Bei einem Lied sind es vier Strophen. Die erste Strophe geht ja gut bei allen. Aber dann. Wir können wenigstens noch im Gebetbuch lesen, der Raymund muss den Text auswendig lernen." Alle lieben den Chor, nur werden sie immer weniger: "Das älteste Mitglied ist 93." Entspannend sind die Kaffeenachmittage, dienstags und donnerstags. Und auf die Bowlingtage freuen sich alle am meisten. Es wird um einen Preis gespielt, ein Ständchen von Raymund. Er und sein Chor sind auch das Herzstück der Geburtstage. Geburtstage sind umso wertvoller, da einige Bewohner bereits über 100 Jahre alt sind. Jeden Monat feiern alle zusammen mit Tanz, Kuchen, Kaffee und Torte die Geburtstage der in diesem Monat Geborenen.
Alle scheinen hier so viel Hoffnung zu haben, es gibt keinerlei Klagen, keine Bitterkeit, obwohl jeder seine Gebrechen hat. Fast alle haben Leid und Verlust erlebt. Trotzdem ist die Stimmung gut. Erst nach mehreren Stunden, die man zusammen verbringt, kann man die Frage stellen, woher diese Hoffnung, diese Lebensfreude kommt. Heidrun Henresz fasst die Antwort in eine Lebensweisheit: "Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu andrer Glück, denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück."