Nicht nur bei Kindern haben sie die Nase vorn

Klinikclowns wie Feodora und Pepe sind in Krankenhäusern gern gesehene Besucher


Feodora schlüpft in ihr blau kariertes Hemd, das von einem mit bunten Knöpfen verzierten Träger teilweise verdeckt wird. Eine rote Rose steckt an ihrer Brust. Ein grüner Hut, die beiden Zöpfe und die rote Nase verleihen ihr das freundliche Aussehen, mit dem sie Patienten und Ärzte in den Fluren des Städtischen Klinikums Braunschweig begrüßt. Ein leichtes Klopfen an der Tür, kurze Zeit später spähen zwei Gesichter mit roten Nasen neugierig hinter dieser hervor. Zwei Clowns betreten das stille Krankenzimmer auf der Station der Kinder- und Jugendonkologie. Auf dem Bett sitzt die 7-jährige Matilda. Sie lugt vorsichtig hinter dem Rücken ihrer Mutter hervor und betrachtet neugierig die Besucher.

Feodora geht behutsam auf das Mädchen zu, stellt ihren knallgrünen Koffer ab, holt einen blauen Flummi heraus und überreicht ihn Clown Pepe. "Das ist ein Weltmeister-Flummi!", erzählt er mit piepsiger Stimme. Er lässt den kleinen Ball auf und ab springen, wobei er die Aufschlaggeräusche imitiert. Der Flummi trifft immer wieder laut auf die Zimmerdecke.

Matilda wirkt zunächst nervös und schaut unsicher zu ihrer Mutter, doch nach einem aufmunternden Nicken wendet sie sich den Clowns zu. Mit der Zeit entweicht ihr ein Lachen.


Vor ihrer Arbeit im Krankenhaus schminkt sich Feodora im Gebäude des Vereins der WegGefährten gemeinsam mit Pepe, dem 57-jährigen Christoph Lietz, der hauptberuflich als Theaterpädagoge tätig ist und mit dem sie seit acht Jahren zusammenarbeitet. Der Braunschweiger Verein WegGefährten wurde 2002 von Eltern krebskranker Kinder gegründet und wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Er bietet Hilfe und Unterstützung für krebskranke Kinder und ihre Familien.


Hinter Feodora steckt die 62-jährige Schleswig-Holsteinerin Tania Klinger, deren Reise als Klinikclown vor 20 Jahren begann. Damals wurde das Pilotprojekt "Klinikclowns in der Kinderklinik Salzgitter-Lebenstedt" gestartet, dessen künstlerischen Leiter Tania und ihre ehemalige Clownpartnerin Ute von Koerber aus Clownworkshops kannten. Er bot den beiden in dem Projekt eine Stelle an. "Vor meiner Arbeit als Klinikclown habe ich Sozialpädagogik in Braunschweig studiert und war danach im freien Theater aktiv", erzählt die Frau mit den grünen Augen. Während ihres Studiums lag ihr Fokus auf künstlerischen Schwerpunkten. Anschließend absolvierte sie Ausbildungen in Akrobatik, Clownerie, Darstellung und Contact Improvisation und gründete 1989 mit Ute von Koerber ihr eigenes Theater in Braunschweig, das Theater "Feuer und Flamme", das sie seit acht Jahren allein führt und wo sie neben ihren regelmäßigen Besuchen in Kliniken in Wolfsburg, Braunschweig, Hildesheim und Hannover parallel arbeitet. "Das ist quasi das zweite Standbein", erklärt die selbständige Künstlerin.


"Das Bild vom Clown ist facettenreich. Kontaktclowns nennt man uns, da wir in die Klinik kommen und Kontakt mit Menschen haben. Wir sind nicht wie die Zirkusclowns", erklärt Tania. "Bei kleineren Kindern ist es naheliegend, mit Gegenständen statt mit Wörtern zu kommunizieren." Es sei wichtig, die Körpersprache der Kinder zu beobachten, um ihr Vertrauen zu gewinnen und um sie nicht zu überrumpeln. Tania Klinger übernimmt auch weitere Aufgaben im Rahmen ihrer Tätigkeit als Klinikclown. Das können organisatorische

Belange sein oder Austauschtreffen. "Wir treffen uns mit den Kollegen aus Hannover regelmäßig zum Training", erzählt sie. Die Vielfalt dieser Aktivitäten halte sie in Bewegung. Feodora nimmt Pepe den Flummi aus der Hand: "Was denkt ihr, schaffe ich es, den Flummi fünfmal die Decke auf und ab springen zu lassen?" - "Niemals! Fünfmal wäre ja ein Weltrekord, das kannst du überhaupt nicht!", wendet Pepe ein. Feodora gibt sonderbare Laute von sich, schaut den Flummi hoffnungsvoll an, nimmt all ihre Kraft zusammen und schleudert ihn auf den Boden. Der landet dumpf und rollt ein paar Zentimeter, bevor er schließlich stehen bleibt. Matilda prustet los, und auch ihre Mutter bricht in Gelächter aus.

Die beiden Clowns stöhnen enttäuscht auf.


Eine Studie des British Medical Journal aus dem Jahr 2020 zeigt, dass Krankenhausclowns dazu beitragen können, "das psychische Wohlbefinden von stationär behandelten Kindern und Jugendlichen mit akuten und chronischen Erkrankungen zu verbessern".


Die braunhaarige Künstlerin sammelt seit drei Jahren auch Erfahrungen im "Haus Auguste", einer Einrichtung für Demenzkranke in Braunschweig. Zurzeit ist sie dort einmal im Monat. "Demenzkranke sind manchmal wie Kinder, da sie in ihrer eigenen Welt leben", erklärt sie. Anfangs zögerte sie, die Stelle anzunehmen, aufgrund ihres großen Respekts vor den Senioren und der Unsicherheit, ob sie dieser Aufgabe gewachsen sei. "Oft können Demenzkranke nicht mehr sprechen und liegen nur im Bett. Da kann man lediglich an den Augen ablesen, was passiert." Daher ist das Aufführen von Tricks oder das Spielen von Instrumenten ideal, denn die meisten sind davon fasziniert. Um sich ihrer jeweiligen Zielgruppe anzupassen, den Kindern oder den Senioren, wählt sie passende Kostüme: auffällig bunt bei den Jüngsten und in einem nostalgischen, altmodischen 50er-Jahre-Kleid, begleitet von einem Nähkästchen, bei den Ältesten.


"Feodora, was hast du mit dem Flummi gemacht?", fragt Pepe, während er ihn vorsichtig aufhebt. "Gib ihn mal her, ich verzaubere ihn jetzt", meint Feodora. "Eins, zwei, drei, Kartoffelbrei!" Sie reibt die Kugel an ihren Händen und tauscht sie unauffällig gegen eine andere aus. Nach weiteren merkwürdigen Geräuschen lässt sie den Flummi mit einem Schwung an der Zimmerdecke aufschlagen. Matilda springt auf, hebt den Flummi, der nun vor ihren Füßen liegt, auf und hüpft zu Feodora herüber, mit einem Blick, der unausgesprochen sagt: "Lass ihn noch mal springen!"


Durch den intensiven Kontakt mit Kranken kann die Arbeit emotional sehr belastend sein. Dann hat Tania Klinger die Möglichkeit, eine Supervision zu erhalten. "Das betrifft jedoch ausschließlich meine Arbeit für den Verein 'Clinic-Clowns Hannover'", erklärt sie, "ansonsten besprechen wir unsere Eindrücke mit den Clown-Kollegen direkt." Eine für sie belastende Situation ereignete sich vor neun Jahren im Wolfsburger Klinikum. Dort gab es einen krebskranken Jungen, den sie mit einem ihrer Clownpartner über einen längeren Zeitraum besuchte. "Er hatte immer wieder Rückfälle, wurde dann erneut stationär aufgenommen, manchmal war er nur ambulant hier", erzählt sie. "Er hat uns so sehr geliebt und Spaß gehabt. Leider hat er es nicht geschafft, aber wir werden uns immer an ihn erinnern, weil er

so stark war." In dem Krankenhaus hatten die beiden Clowns Buttons mit ihren Gesichtern verteilt. Nachdem der Junge verstorben war, berichtete die Sozialpädagogin des Klinikums den beiden, dass seine Eltern sich entschieden hatten, ihn mit Feodoras Button auf der Kleidung zu beerdigen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2024, Nr. 156, S. 26 - Batoul Alawad, Wilhelm-Gymnasium Braunschweig

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