Oben ohne geht gar nicht

Das Handwerk einer jungen Modistin ist nationales Kulturerbe

Royal Ascot, das berühmte Pferderennen in England, hat eine strenge Kleiderordnung. Die Herren tragen Zylinder, die Damen Hut oder Fascinator, heute oft mit ausgefallenen Kreationen, bunt, schrill, extravagant. Das ist fast unverändert seit 1768 so. Doch im Kontrast zu all dem Luxus könnte Hutmode in Ascot zukünftig auch aus einem bescheidenen, drei mal drei Meter kleinen Zimmer im slowenischen Celje kommen. Darin ein kleines Fenster zum Hof, ein Tisch, ein Stuhl, eine Ablagefläche, Nähmaschine, Kochplatte mit Topf, Dampfbügeleisen, Tischlampe, Stifte, Scheren, Schnittmuster, bunte Bänder und Bücher. In einem Regal findet man Filz, Samt und Seide sowie Rohlinge aus Lindenholz zum Formen von Hüten. An den Wänden Fotos, Skizzen, Hüte. Und in einem Bilderrahmen der Spruch: "Your hat is your statement." Das ist das Motto der 32 Jahre alten Modistin Spela Strasek. Sich selbst kleidet die etwa 1,65 Meter große Frau eher unauffällig, trägt aber im Herbst und Winter gerne Hut. "Am liebsten einen beigen Fedora-Hut zu meinem blonden Haar, um meinen Look ein wenig aufzupeppen." Schon als Kind sei sie kreativ gewesen und habe kleine Sachen genäht. Später habe sie in Bibliotheken viel gelesen, vor allem über Kultur, Geschichte und Mode. Nach dem Abitur studierte sie

Soziologie in Ljubljana. Als sie für eine Veranstaltung einen Turban tragen wollte, fand sie keinen, der ihr gefiel. "Deshalb habe ich mir dann selbst einen gefertigt. Meine Freunde waren begeistert, und so habe ich mich intensiver mit dem Hutmacherhandwerk beschäftigt." Frauen, die für ihre Hutmode bekannt sind, faszinieren sie. Jackie Kennedy zum Beispiel mit ihrer Vorliebe für klassisches Hutdesign oder surrealistische Exemplare wie der Schuh-Hut von Elsa Schiaparelli. Heute begeistern sie die Hüte der Princess of Wales. Das wäre ihre Traumkundin.


In Slowenien war zu der Zeit, als Strasek anfing, sich mit Mode zu beschäftigen, das Hutmacherhandwerk fast ausgestorben. Sie machte vor allem Haarbänder und -schleifen. Fotos davon posteten sie und ihre Freunde in sozialen Netzwerken. Als sie 2018 nach dem Studium nach Celje zurückkehrte, wurde sie zufällig Nachbarin von Zeljko Tomazin, einem der damals noch zwei aktiven Hutmacher im Land. "Das war meine große Chance. Tomazin war sehr überrascht, warum ich mich überhaupt mit dem Handwerk beschäftigte. Aber dann half er mir, unterrichtete und ermutigte mich, lieh mir Material und Werkzeug aus." Sie fand ihr berufliches Ziel: "Tomazin ist schon um die 80 Jahre alt und heute nicht mehr berufstätig. Ich wollte das Handwerk wiederbeleben und hatte den Wunsch, die Tradition des Handwerks mit der Moderne zu verbinden." 2018 gründete sie ihr Unternehmen Boho Headwear.


Straseks Arbeitstag beginnt früh. Sie spricht mit Kunden, kauft Materialien, Werkzeuge und arbeitet oft bis zum späten Abend. Die Produktion eines Hutes erfordert viele Schritte, die Strasek gerne Gästen demonstriert: vom Abmessen des Kopfes über die Auswahl und das Einweichen des Filzes in heißem Wasser, der danach über einen passenden Rohling zum Trocknen gezogen wird, bis zum Anpressen, Glattbügeln, Schneiden, erneuten Einweichen und vielem mehr. Etwa vier bis fünf Tage braucht sie für einen klassischen Filzhut, für spezielle Exemplare zwei Wochen und für ausgefallene Kreationen auch schon einmal einen Monat und mehr. Straseks Kunden sind überwiegend Frauen zwischen 30 und 70 Jahren. Ältere Damen würden vor allem Hüte und Turbane bestellen, jüngere Bänder und Haarreifen. Die meisten hätten eigene Vorstellungen, viele ließen sich von der Designerin inspirieren. So fertigt sie um die 100 Hüte und Fascinators pro Jahr, oft für Hochzeiten, zum Preis von durchschnittlich 100 Euro. Die teuersten kosten 300 Euro. "Das ist in Slowenien viel Geld", sagt Strasek.


Sie habe zwar kein regelmäßiges Einkommen, aber die Entscheidung für das Hutmachen nie bereut. "Ich bin Perfektionistin. Wenn etwas misslingt, bin ich zwei Tage frustriert, aber dann treibt mich das richtig an. Zu meinen Vorbildern gehören zwei der größten Hutmacher der Welt. Philip Treacy aus Irland, der für Chanel, Versace und Valentino arbeitete und heute für das britische Königshaus. Und Stephen Jones aus London, der extravagante Kreationen auch für John Galliano und Vivienne Westwood geschaffen hat." Eine der auffälligsten Kreationen von Strasek ist ihr "Moon Hat", ein Einzelstück aus zwei unterschiedlich großen Kreisen aus Spezialdraht, die sich hinter dem Kopf der Trägerin an einer Stelle im Nacken berühren. Sterne in unterschiedlicher Größe und Helligkeit sind auf

diesen "Sternenbahnen" befestigt. Dazwischen befindet sich ein großer, funkelnder Halbmond, dessen unterer Teil auf dem Kopf der Trägerin sitzt. Auf dem Kopf gehalten wird diese Kreation durch schwarze Haarbänder. "Dieser Hut symbolisiert eine Reise in den Weltraum. Tourismus und Leben in der Zukunft im All. Dies war auch das Thema der 'London Hat Week' 2020, für die ich mich erfolgreich beworben hatte und bei der ich den Moon Hat getragen habe." Dieser habe einen Wow-Effekt erzielt. "Der Hut ist unverkäuflich und ein Blickfang in meinem Archiv. Aber am stolzesten bin ich auf die Hüte, die ich für Valentina Prevolnik Rupel gefertigt habe, die heute slowenische Gesundheitsministerin ist und die sie 2018 und 2019 beim Royal Ascot und der Garden Party im Buckingham Palace im Beisein von Königin Elisabeth II getragen hat, als sie als Ehefrau des slowenischen Botschafters in London lebte. Das sind die wichtigsten Laufstege für Hutdesign weltweit. Es ist ein Traum, dort präsent zu sein."


Mit Sebastjan Weber, dem Kurator des Museums für zeitgenössische Geschichte in Celje, hat sie eine Dokumentation zur Geschichte des Hutmacherhandwerks in Slowenien erarbeitet. Seither sind die Tradition des Hutmacherhandwerks, auch der speziellen Fertigung von Trachtenhüten, und die Berufsbezeichnung Hutmacherin - mit Spela Strasek als erster Trägerin - offiziell als 121. Glied des immateriellen Kulturerbes in die Liste des slowenischen Kulturministeriums eingetragen. "Weltweit ist, glaube ich, nur das Flechten des Panamahutes in unserem Handwerk immaterielles Weltkulturerbe."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.10.2024, S. 26 - Larisa Spur, Loti Lajevec Discimus Lab, Videm pri Ptuju

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