Der Streetworker Magnus Hassler geht auf die Menschen zu, die ihn brauchen.
Magnus Hassler beginnt seine Route neben dem Bahnhof von Schaan, einer Gemeinde im Fürstentum Liechtenstein. Der korpulente Mann trägt eine dunkelblaue Schirmmütze und eine rechteckige Lesebrille. Bei sich hat er einen kleinen Rucksack. Auf ihm steht in weißen Buchstaben: "Streetwork Liechtenstein". Auf den Sitzbänken neben dem Bahnhof hocken einige Leute. Ein Mann sitzt etwas abseits unter einem Baum. Vor ihm auf dem Boden liegen eine gebrauchte Kippe und ein Beutel. Seine Beine und Arme sind von langen Narben überzogen, seine Haare kurz. Hassler begrüßt ihn und erkundigt sich, wie es ihm geht und was er hier macht.
"Die Idee ist, dass wir auf die Leute zugehen, sie aktiv ansprechen und nicht darauf warten, bis sie zu uns kommen oder es dann schon zu spät ist", erklärt der 57-Jährige in Rheintaler Mundart. "Ich versuche mich nützlich zu machen und sehe nach, wo ich Hilfe anbieten kann." Zu seiner Stelle bei Streetwork Liechtenstein kam er durch einen Zufall. "Ich war auf Reisen und suchte einen Job. Dann hieß es, ich könne in Schaan bei der Jugendarbeit aushelfen. Es gefiel mir so gut, dass ich geblieben bin." Hassler kommt ins Erzählen. "Ursprünglich lernte ich aber Ofenbauer." In dem Bereich habe er einige Jahre gearbeitet, bis er Rückenprobleme bekam. "Ich machte auch Spitzensport im Judo und spielte sehr lange Fußball." Irgendwann habe er seinen Körper überbelastet, und nun sei der Sport kein zentrales Thema mehr. "Ein Jahr lang konnte ich nicht mehr zu Fuß gehen." Dies sei längst nicht alles, was er vor seiner Zeit bei der Sozialarbeit erlebt hat. "Ich reiste durch die USA, Mexiko und Teile Südamerikas. Auch in Asien war ich und auf den Philippinen, in Australien und natürlich in ganz Europa. Auf meinen Reisen kam ich oft in Kontakt mit ärmeren Leuten. Diese waren meist überaus gastfreundlich, gaben mir alles, was ich brauchte, und verlangten nichts zurück. Dies zeigte mir, dass Menschen, die weniger haben, bereit sind, mehr zu geben als solche, die alles haben." Von den Achtzigern bis in die Nullerjahre sei er eigentlich immer unterwegs gewesen. Woher diese Reiselust kam, wisse er nicht. "Dazu kommt, dass ich auch gar kein Sprachgenie bin. Ich kann mich zwar verständigen, wirklich sprechen, besonders im asiatischen Raum, aber eher nicht." Nebenbei half er mit bei Veranstaltungen, Lagern für Jugendliche und bei der Organisation von privaten Partys. "Da übernahm ich teilweise die Aufsicht für die Jugendlichen", wodurch er schließlich in diesen Tätigkeitsbereich gerutscht sei. Erst war er bloß eine Aushilfe, bis sich herausstellte, dass er eine Begabung im Umgang mit Menschen hat.
Wenn Hassler spürt, dass eine Person nicht mit ihm reden möchte, verabschiedet er sich freundlich und geht weiter. Allerdings scheinen sich die meisten, so wie auch jener Mann unter dem Baum, der plötzlich neugierige Gegenfragen stellt, über seine Anwesenheit zu freuen. Von einer Mitarbeiterin erfuhr Hassler zuvor, dass dieser Mann kürzlich eine Auseinandersetzung hatte. "Ich habe ihn spitalreif gehauen", sagt der Mann. Hassler hört zu. Der Mann öffnet sich und erzählt, was er alles durchgemacht hat. Über das Leben auf der Straße, weil er von zu Hause weglief, und über die Drogenszene, mit der er dort als 14-Jähriger konfrontiert wurde. Es folgen Erzählungen von seinen Aufenthalten in Spital und Kliniken aufgrund der Drogenszene, in die er schließlich doch reingerutscht war. Hassler bleibt während des Gesprächs aufrecht stehen und hört aufmerksam zu. Die Geschichten der Leute seien alle anders, und doch fänden sich immer wieder Muster, die sich ähneln. Hassler schreibt sich auf, wie die Leute heißen, damit er sich informieren und mit den anderen aus seinem Team austauschen kann. Das allerdings nur, wenn sie ihm auch ihren Namen sagen wollen. Ein wichtiger Aspekt seiner Arbeit sei die Schweigepflicht. Bei Fremd- oder Selbstgefährdung sei diese oft ein Thema, denn in manchen Situationen gehe es um Straftaten. Hassler versuche es den Personen aber immer mitzuteilen, falls die Schweigepflicht zu deren eigenem Schutz gebrochen werden müsse. Dies könne etwa bei einer stark abhängigen Person oder einem kranken Menschen der Fall sein, bei denen es nur noch bergab zu gehen scheint. Die Entscheidung zu fällen, wann dieser Zeitpunkt ist, könne sehr schwierig sein. "Es ist immer ein bisschen wie eine Gratwanderung." Im Team tauschen sie sich am Ende des Tages über die verschiedenen Fälle aus. "Die Sicht von außen kann auch einem selbst helfen, die Situation einer Person besser einzuordnen und damit klarzukommen." Auf die Frage, welche ungewöhnlichen Erfahrungen er selbst schon gemacht habe, sagt er: "Ich bin schon dreimal verhaftet und eingesperrt worden." Hassler lacht. "Einmal in Vietnam, da war ich mit dem Motorrad unterwegs und fuhr, ohne es zu wissen, in ein Sperrgebiet. Ich wurde entdeckt, mitgenommen, und unter Hausarrest musste ich warten, bis jemand kam, der mit mir Englisch reden konnte. Da erfuhr ich, dass sie mich als Spion verdächtigten. Das nächste Mal war in Mexiko. Dort ließ ich meinen Autoschlüssel stecken und musste die eigene Autoscheibe einschlagen. Als ich beobachtet wurde, legten sie mir Handschellen an." Das dritte Mal sei in Spanien gewesen. Dort habe er, ohne es zu merken, eine Petrollampe auf einer Baustelle entzündet. Eigentlich habe er nie gegen das Gesetz verstoßen, sondern es sei immer ein Missverständnis gewesen, das ihn für kurze Zeit hinter Gitter brachte. "Auf einmal sitzt du in einer Zelle, die Tür geht zu, und es hat keine Klinke, mit der du sie wieder öffnen könntest."
Als der Mann unter dem Baum unruhig wird und sagt, dass er jemanden erwarte, spürt Hassler, dass dieses Gespräch zu Ende ist. Er gibt ihm die Visitenkarte von Streetwork Liechtenstein, sie hat einen QR-Code, der zur Website führt. Der Mann scheint sich zu freuen und fragt, wann Hassler Zeit für ein längeres Gespräch habe. Hassler zieht weiter, die nächste Person ansteuernd, die bereits auf einer Bank in der Nähe sitzt.