Vivienne Netzeband verkleidet sich und macht im Schlosspark Oranienburg Geschichte lebendig
Es war einmal Prinzessin Louise Henriette von Oranien-Nassau aus den Niederlanden, die mit 19 Jahren nach Brandenburg zog, um Kurfürst Friedrich Wilhelm zu heiraten. Die von Wasserlandschaften geprägte Region erinnerte sie an ihre Heimat, und sie erfüllte sich den Traum eines eigenen Parks, neben dem Schloss, in dem sie nun wohnte.
"Das ist ein Wasserschloss auf Stelzen, das man nur mit einer Zugbrücke erreichen konnte, also wie im Märchen", schwärmt Vivienne Netzeband. Die Anfang-50-Jährige machte ihre persönlichen Interessen zum Beruf, indem sie Geschichte zum Anfassen bietet. "Geschichte, insbesondere die preußische, und Botanik gefielen mir schon als Kind", sagt die Mitarbeiterin der Tourismus und Kultur Oranienburg gGmbH. Die erste Landesgartenschau in Oranienburg stand 2009 unter dem Motto "Traumlandschaften einer Kurfürstin", und Louise Henriettes Unterteilung des Parks in Themengärten, sogenannte Gartenzimmer, stand im Mittelpunkt. "Sie hatte Gartenzimmer, in denen nur Schach oder Flöte gespielt wurde, Zimmer mit kleinen Ponys und Zimmer mit Obstbäumen, von denen sie naschte", erzählt Netzeband fasziniert. Sie zeigt an einem lebensgroßen Schachbrett vorbei auf einen kleinen Kräutergarten. "Dieses zum Beispiel ist meins, das nutze ich für meine öffentlichen Kräuterführungen." Auf den Hochbeeten schauen verschiedene Kräuterpflanzen zwischen bunten Blättern hervor. Inmitten von Grünpflanzen und Wiesen des Oranienburger Schlossparks werkeln allerlei Mitarbeiter, Paare spazieren über die Sandwege, und aus der Ferne ist das Lachen von Kindern zu hören.
Sobald Netzeband den Park betritt, wird sie herzlich begrüßt. Jeder kennt sie hier, denn im rosaroten Kleid der Kurfürstin Louise Henriette führt sie ihre Besucher durch Geschichte und Botanik. Neben Kräuterführungen leitet sie auch Führungen in Verbindung mit einer Bootsfahrt über die Havel und Busfahrten. Ihre Behinderten- und Blindenführungen liegen ihr besonders am Herzen, da sie benachteiligten Menschen gerne hilft und hierbei häufig eine bedeutende Wertschätzung ihrer Arbeit erfährt. "Natürlich arbeite ich am liebsten im Kostüm, weil das eine schöne und historische Rolle ist, die ich dann einnehme", sagt sie. Vor allem zur Sommerzeit tauscht Netzeband ihre schlichte und moderne Alltagskleidung durch das lange Barock-Kleid. Ihre dunklen, langen Haare türmt sie zu einer Hochsteckfrisur. Anstelle eines Schals schmücken Perlenketten und die Rüschen des historischen Kleides ihren Hals. Sie folgt ganz dem Spruch "Kleider machen Leute" und resümiert: "Ich verändere mich, sobald ich Louise Henriettes Kostüm trage, und rede sogar anders mit den Leuten, manchmal spreche ich dann sogar von mir selbst in der dritten
Person." Netzeband wünscht sich "Geschichte zum Anfassen, denn es gibt nur wenige Geschichtslehrer, die das anschaulich machen".
Die gebürtige Brandenburgerin erlernte ihre Menschenkenntnis im Restaurantfach. Viel Zeit verbrachte Netzeband als Kellnerin im Saarland, doch sie erklärt, dass sie alle Jahre mal eine Veränderung braucht: "Ich hoffe, bei mir kommt das jetzt nicht mehr, weil ich wirklich liebe, was ich mache, aber da war so der Moment, wo ich wusste, ich kann nicht ewig Tellertaxi sein." Damals stieß sie auf die Ausschreibung für die Landesgartenschau. "Oranienburg war ganz stolz, dass die Landesgartenschau hierherkommt", erinnert sie sich. Sie nahm an einer Ausbildung für Führungen durch den Schlosspark teil. "Ich bin am nächsten Tag zu meiner damaligen Restaurantchefin gegangen und habe ihr gesagt, dass sie jetzt aufgrund der Landesgartenschau erstmal 171 Tage auf mich verzichten muss. Ich wollte damit noch gar nicht direkt mein Leben verändern, aber dadurch hatte ich wahrscheinlich den Fuß zur richtigen Zeit in der richtigen Tür."
Netzeband lebt nun spürbar für ihren neuen Beruf. "Wenn ich als Louise Henriette auf einer Bootstour am Schloss vorbeifahre, stehe ich sofort auf und winke, das ist wie ein Automatismus", demonstriert sie mit winkender Handbewegung und leidenschaftlichem Lachen: "Ich rede dann weiter, aber winke." Oft wird sie nach ihren Führungen gefragt, ob sie beruflich schauspielert. Ihre Antwort lautet: "Nein, das macht mir einfach Spaß", und das spüren die Leute wahrscheinlich.
Gelegentlich spaziert sie auch privat mit ihren erwachsenen Kindern und mittlerweile sogar mit einem neugeborenen Enkelkind durch den Schlosspark. "Im Sommer ist der Park überfüllt mit Familien auf Picknickdecken und Kindern, die auf Hüpfkissen springen, aber auch mit Jugendlichen, die hier bis spät abends im Park zusammensitzen." Aber am nächsten Tag schlüpft sie wieder in ihr langes Kleid. Auch wenn Louise Henriette vor mehr als 350 Jahren gestorben ist, lebt sie dank Vivienne Netzeband weiter.