Schmerzliche Dinge kommen ans Licht

Der Verein Green Lamp unterstützt Hebammen in Äthiopien, unter anderem mit einem Solarkoffer

 

Wir können nicht vom Westen kommen und ihnen sagen, dass sie es so und so machen müssen. Wir müssen auf ihre Bedürfnisse und Kultur achtgeben. Kommunikation vor Ort ist sehr wichtig." Elf Jahre ist es her, seit Christina Blecher zusammen mit drei anderen Frauen beschloss, etwas in der Welt zu verändern. Sie lebt heute mit ihrer Familie in Hurden am Zürichsee. Mehrmals jährlich geht sie noch nach Äthiopien. "Wir müssen sehen, wo das Geld hinfließt", erklärt die Schwedin, die 1991 in die Schweiz migriert ist. Die Idee stammt aus einem Buch, das Blecher gelesen hatte: "Half the Sky: How to change the World" des Ehepaars Nicholas Kristof und Sheryl WuDunn. "Es geht um verschiedene Schicksale von Frauen auf der ganzen Welt. Von da an habe ich mich schlecht gefühlt, dass wir es hier so gut haben und andere eben nicht." Von Anfang an war klar, dass sich das Projekt für Frauen einsetzen soll. "Ich habe mich schon als Jugendliche für Frauenrechte interessiert." Nach dem Gymnasium hat sie ein "Gap Year" in Peru verbracht. Sie studierte Wirtschaft an der "Stockholm School of Economics". Nachdem ihre vier Kinder selbständig geworden waren, fand sie die Zeit und den Mut, etwas zu tun.

 

Das Buch nahm sie zum Anlass, in ihrer Frauengruppe darüber zu sprechen. Sie besteht aus zwölf Schwedinnen, die alle in der Schweiz leben. "Jeden Monat haben wir ein Meeting. Die Gruppe besteht schon seit 1994", erklärt Blecher stolz. "Und drei Frauen waren schließlich einverstanden, mit mir etwas zu machen." Zuerst mussten sie sich für eine Thematik entscheiden. "Viele Geschichten waren über Gewalt. Das war uns zu kompliziert und vor allem auch zu gefährlich. Wir hatten damals alle kleine Kinder." Im Buch war ein Kapitel über die Geburtsfistel in Äthiopien. Diese passiert häufig bei jüngeren Frauen, deren Becken noch nicht ganz ausgewachsen und demzufolge zu schmal ist. Auch Mangelernährung begünstigt die Krankheit. "Viele Frauen werden heutzutage noch wegen dieser Krankheit verstoßen, aufgrund des Gestanks, den sie verursacht", sagt Blecher bestürzt. "Da haben wir uns gedacht, dass wir helfen können, denn bei uns gab es das ja auch noch häufig bis Anfang des 20. Jahrhunderts." Das Ziel war also klar: die Prävention der Geburtsfistel in Äthiopien. Sie entsteht während einer überlangen Geburt und zählt zu den schlimmsten Geburtsverletzungen. Es entsteht ein Loch zwischen Blase und Scheide, wodurch meistens eine chronische Inkontinenz der Frau die Folge ist.

 

"Wir haben zuerst keinen passenden Namen gefunden. Eine Frau hat dann aus dem Nichts gesagt: Red Sofa. Das fanden wir alle lustig, wollten dann aber doch etwas, mit dem wir uns identifizieren können. So haben wir und für Green Lamp entschieden. Grün steht für Energie, Wachstum und Hoffnung." Green Lamp hat inzwischen zwei Sitze: einen in der Schweiz und einen in Schweden. Im Februar 2013 ist Christina Blecher das erste Mal nach Äthiopien gereist, zusammen mit ihrer Tochter. "Sie war damals 17 Jahre alt. Seither war sie mehrmals dort und ist immer noch engagiert." Sie trafen dort die Gynäkologin Catherine Hamlin. Das ist eine Persönlichkeit in Äthiopien. Sie wird dort auch "Mamma" genannt. "Sie hat in Äthiopien Spitäler eröffnet und operiert. Als ich dort war, war sie schon um die neunzig. Sie hat immer noch operiert!", stellt Blecher ungläubig fest.

 

Bereits 1974 haben Catherine und ihr Mann Reginald Hamlin in Äthiopien eine neue Operationstechnik für geburtsbedingte Fisteln entwickelt, die bei 93 Prozent der Patientinnen zu vollständiger Heilung führte. 2007 hat Hamlin in der Hauptstadt Addis Abeba eine Hebammenschule gegründet. "Diese Schule haben wir dann finanziell unterstützt. Später haben wir das Konzept weitergeführt. Die Hebammen gehen nach der Ausbildung ja zurück und arbeiten bei Gesundheitszentren auf dem Land, wo es kein fließendes Wasser und Strom gibt. Es ist natürlich wichtig, dass sie mit ihrem Wissen aufs Land zurückkehren", erklärt Blecher. Der Unterschied zwischen der Hamlin-Schule und der öffentlichen Universität liege darin, dass öffentliche Unis keine Praktika anbieten. "Unsere Hebammen haben mindestens 40 bis 50 Geburten gemacht, bevor sie fertig mit der Ausbildung sind. Die Hebammen, die die Ausbildung finanziert bekommen, sind auch Vorbilder. Sie müssen sich nachher für Hygiene und Rechte einsetzen in ihrem Heimatgebiet. Daher gebe ich für die Studenten im letzten Jahr Kurse, wo sie lernen, wie man Führung übernehmen kann." Kommunikation sei wichtig und gehöre zur Ausbildung dazu. "Eine Geburt geht viel reibungsloser, wenn die Hebamme empathisch und entspannt ist."

 

Beim ersten Spendenevent, das sie veranstaltet haben, kam jemand und brachte sie auf eine Idee: den Solarkoffer. Diese Koffer hat Green Lamp dann finanziert und ins ländliche Äthiopien geliefert. Sie funktionieren mit Solarstrom und sollen Licht spenden. Finanziert wird das Ganze durch Spenden. "Wir veranstalten beispielsweise Abendessen, für die Eintritt bezahlt werden muss. Außerdem haben wir private Sponsoren, die meist eine bestimmte Hebamme aus Äthiopien unterstützen." Jetzt will man zusätzlich Stiftungen suchen, damit sie ein fixes Einkommen haben. "Es braucht viel Zeit, Wille und Passion, um so etwas zu gründen. Wir arbeiten ja alle als Freiwillige." Durch Green Lamp habe sie so viel mehr verstanden von der Welt. "Man lernt auch eine ganz neue Kultur kennen, die andere Werte vertritt als bei uns. Die Veränderungen muss Äthiopien selber machen, wir können sie nur dabei unterstützen." In den elf Jahren wurden 311.800 Geburten im ländlichen Äthiopien durch das Solarlicht unterstützt. Ohne Licht sind Geburten viel gefährlicher, da einfacher Infektionen und Fehler passieren. 2023 ist Blecher als Präsidentin zurückgetreten. "Ich finde es wichtig als Gründerin, neue Kräfte führen zu lassen, die auch neue Perspektiven bringen." Sie bleibt stark involviert: "Ich liebe es, mit jungen Leuten zu arbeiten."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2024, Nr. 105, S. 26 - Jasmine Sege Kantonsschule, Uetikon am See

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