Science-Fiction hat immer eine Zukunft

Ein kleiner Buchladen in Berlin fühlt sich in seiner Nische wohl.

 

Es war einmal, da ging man zum Bücherkaufen in Läden, die gefühlt an fast jeder Ecke zu finden waren. Doch das ist schon länger nicht mehr die einzige Option. Heute endet der Spaziergang gerne einmal vor dem Rechner: Browser öffnen, Suchleiste anklicken, "amazon.de" eingeben. Wie schaffen es da gerade die kleinen, sympathischen und mitunter wirklich urigen Buchläden noch zu überleben? Tatsächlich findet man in Berlin, außer in den Randgebieten, nur sehr wenige kleine "Allrounder". Dafür haben sich einige besondere und besonders gut angepasste Buchläden gehalten. Wer begeistert Fantasy- und Science-Fiction-Geschichten liest, fühlt sich im "Otherland" in Kreuzberg bestens aufgehoben. Beim Betreten des Ladens spürt man sofort, dass man in eine eigene kleine Fantasy-Welt tritt. Überall um einen herum stehen, sitzen oder reiten Zauberer, Hexen und Zwerge, sei es auf Buchcovern oder großen Postern an der Wand. Es ist eine Oase für Stöberer: Drinnen gibt es nicht viel Platz, neben den in Schränke einsortierten Büchern liegen auch viele griffbereit auf kleinen oder großen Tischen. Der ganze Laden wirkt ausgesprochen gemütlich und atmosphärisch. Lässt man den Blick schweifen, findet sich die eine oder andere Überraschung oder eine Buchreihe, die man lange schon einmal lesen wollte, aber nicht mehr auf dem Schirm hatte.

 

Wolfgang Treß ist einer der Inhaber. Dem sportlichen 52-Jährigen merkt man die Begeisterung für alles rund um Science-Fiction sofort an. Studiert hatte er Psychologie und Medienberatung, bevor er vor zehn Jahren das Geschäft zusammen mit Simon Weinert und Jakob Schmidt übernahm: "Ich habe angefangen zu studieren. Irgendwann habe ich dann gesehen, dass es hier einen Science-Fiction-Laden gibt, und ich bin da immer ein und aus gegangen." Nach einiger Zeit fing er an, im Laden auszuhelfen. "Dann kamen Jakob und Simon dazu, und wir drei haben irgendwann gesagt, wir übernehmen den Laden, weil Hannes und Birgit nicht mehr weitermachen wollten." Hannes Riffel und Birgit Herden sind die Gründer des Buchladens. Den gibt es seit 1998. Vor 2006 hieß er noch "UFO". Die Gründung einer Buchhandlung war keine strategische Entscheidung. "Es kam tatsächlich aus einem persönlichen Interesse", berichtet Treß über seine Vorgänger. Doch es hat sich ausgezahlt. "Vor fünf oder zehn Jahren ging es los, dass die kleinen Buchhandlungen, die so ein Mischwarenangebot hatten, gestorben sind. Die haben auf einer gewissen Ebene auch mit Amazon oder mit Dussmann und Hugendubel konkurriert." Die Spezialisierung bringt für das Geschäft einige Vorteile. "Von 'Dune' kriegst du in einem Hugendubel vielleicht die Kinofassung des Buches. Bei uns gibt es halt alle sechs Bände in Deutsch und Englisch." Aber das ist für viele nicht der Hauptgrund, das "Otherland" aufzusuchen. Es ist ein "Nerd Space", wie Treß den Laden liebevoll nennt. Ein Ort der Zusammenkunft für Fans, Nerds und Nerdinnen und manchmal auch deren Bekannte auf Geschenksuche. Viele Jugendliche und junge Erwachsene stöbern in den Regalen und auf den Tischen, auch ältere Fantasy-Fans kommen gelegentlich vorbei. Die sechs Mitglieder des Teams geben Empfehlungen. Das zeigt Wirkung. Durch Corona entstand das Projekt "Überraschungspaket": Kunden können Lieblingstitel und -autoren nennen und sich für einen bestimmten Preis eine Zusammenstellung von ihnen bisher unbekannten Titeln oder Reihen liefern lassen, die auf ihren Geschmack ausgerichtet sind. Gerne und viel wird sich im Laden selbst über die eigenen neuen oder alten Favoriten ausgetauscht. "Hier kannst du halt mit uns über die Bücher reden, wir haben Lesungen und Rollenspielabende." Spezialisierte Buchläden gibt es zwar viele in Berlin. In seiner Nische ist das "Otherland" aber eine von nur zwei Buchhandlungen.

 

Nicht nur Nischenbuchläden können überleben. Die Buchhandlung Uslar & Rai bietet zum Beispiel das Event "Debütantenball" an, bei dem junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre Werke vorstellen können. Der Laden "Shakespeare and Sons" in Berlin führt englischsprachige Bücher und verbindet Buchladen mit Café. Eines haben alle gemeinsam: Sie bieten Möglichkeiten, Bücher so gut kennenzulernen wie auf keiner Website. Es sind Orte, wo persönliche Interessen ausgetauscht werden.

 


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2024, Nr. 110, S. 26 - Richard Weiser. Droste-Hülshoff-Gymnasium, Berlin

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