Sie fliegt gern, nur nicht vom Platz

Eine junge Fußballerin fasst in Florida Fuß. Neben dem Kicken und Studieren geht sie gern in die Luft.

 

Ob am Boden oder hoch oben in den Lüften, Anna Sutter erzählt von ihren Erlebnissen auf dem Fußballfeld und beim Paragleiten. Doch wie bringt sie das alles mit ihrem Studium unter einen Hut? "Für mi isch es s' Gfühl vo de Freiheit, vo de Kontrolle und i lieb's zum ade frische Luft z si." Anna Sutters Reise begann im kleinen Dorf Trogen im Appenzellerland, führte weiter zur schweizerischen U-19-Nationalmannschaft und schließlich zum Fußballteam der University of South Florida (USF). Die 21-Jährige mit braunen Haaren und mandelförmigen, braunen Augen hat schon in vielen Vereinen gespielt. Humorvoll spricht sie über ihr Leben als viel beschäftigte, junge Fußballerin. Schon seit sie fünf Jahre alt ist, spielt sie begeistert Fußball.

 

"Mis Ziel ischs, Fussball ufem höchschte Niveau z spiele", das mache ihr Spaß. Ihr Traum ist es, in der australischen Nationalmannschaft zu spielen. Denn sie wurde in Sydney geboren. Vor ihrer Geburt ging ihre Familie nämlich nach Australien, da sich dort viele Möglichkeiten boten. Sie wollte sogar ganz nach Australien auswandern, aber es war am Ende doch zu schwer, alles hinter sich zu lassen. So blieb die siebenköpfige Familie Sutter in der Schweiz. Für Anna sollte sich dies im Sommer 2021 jedoch ändern. Denn da entdeckte sie ein Scout der Vermittlungsagentur Sport-Scholarships Schweiz für ein Sportstudium in den Staaten und bot ihr an, dem Verein UTSA (University of Texas at San Antonio) beizutreten. Da ihr ein Stipendium versprochen wurde, nahm Anna das Angebot an und fing nach ihrer Matura an, in Amerika Fußball zu spielen. Knapp zwei Jahre später wechselte sie dann zur USF, wo sie heute noch spielt. Sie ist dankbar für diese Chance, dennoch meint sie: "I schätz de europäisch' Lifestyle." Der Start in Trogen sei nützlich gewesen: "I denk grad d Sportschuel isch extrem hilfrich gsi."

 

Anna Sutter lebt in einer WG mit zwei Mitbewohnerinnen. Im Videochat sieht man ihr helles Zimmer, die Wände weiß, ein Bücherregal, gegenüber das Poster eines Fußballteams. Darauf reichen sich mehrere Frauen mit einem Grinsen die Hand. Die Sonne scheint auf den Schreibtisch. In ihrem Zimmer hockt auch ihr einjähriger Kater Bamboo, der auf ihren Schoß springt. Mit der schwarzen Katze spielt Anna, wenn sie am Morgen oder am Abend in der WG ist.

 

Ihr Alltag beginnt um 7 Uhr: aufstehen und frühstücken. Dann hat sie Zeit für Bamboo, ihre Hausaufgaben oder um zu lernen. Anschließend bereitet sich Sutter auf ihr tägliches Training vor, etwa mit einem "Contrast Bath". Das ist eine Entspannungsmethode, bei der man das Bein zuerst in heißes Wasser legt und danach direkt in Eiswasser. Durch den ständigen Wechsel von heiß und kalt wird der Körper besser durchblutet. Das Wechselbad hilft auch, verletztes Gewebe schneller zu heilen. Es lindert zudem Muskelkrämpfe und Schmerzen. In ihrer Freizeit liest Anna gern Bücher, hört sich einen Podcast an, kocht oder lernt in der Bibliothek. Sie verbringt auch gern Zeit mit ihren Mitspielerinnen und Freunden. Anna genießt das "Socializing", bevor das Fußballmeeting um 9.45 Uhr beginnt und sie anschließend Training hat. Danach hat sie entweder Vorlesungen und den Abend frei, oder sie hat den Nachmittag frei, bevor um "5 p.m." der Unterricht beginnt. In diesem Fall hat sie bis 19.45 Uhr Seminare. Anna macht dort den "Major in World Languages and Cultures". Dieses Studium hat sie gewählt, weil es für sie einfache Kurse sind und es nicht allzu zeitintensiv ist. Als Ausgleich sieht sie den Sport nicht, denn ihr Fokus liegt eher auf der Fußball- und der Pilotenausbildung. Anna nimmt private Flugstunden für die Privatpilotenlizenz. Zu fliegen ist, neben dem Fußball, das Wichtigste für sie. Dort hat sie keinen Druck, trotzdem kann sie etwas für ihre Ausbildung tun. "Es isch eifoch extrem wichtig, Stress z' verhindere." Ein gutes Zeitmanagement hilft ihr, flexibel zu bleiben, falls mal etwas im Training passiert und "i de reschtlich Tag mit de Physiotherapeutin verbringe mue". Nichts aufzuschieben ist ihre wichtigste Regel.

 

Die Schweiz hat im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten kein Scouts-System. "I finds guet für d USA, finds aber besser, dass d Schwiiz e freii Usbildig het." Die Schweiz habe zu wenige Interessierte und Möglichkeiten, sodass es keinen Sinn ergeben würde. Auf der anderen Seite sei es dafür in Amerika viel schwerer, weiter aufzusteigen. In die Collegemannschaft aufgenommen zu werden, das sei kein Problem, "wenn nocher denn nöd gwählt wirsch, bisch komplett im Nünt". Damit man dann überhaupt in einem guten Verein spielen kann, braucht man einen Vermittler. Der schickt einen irgendwo nach Europa, aber man hat keine Ahnung, wo man nach dem College spielen wird. In der Schweiz wird man "begleitet", es gibt zum Beispiel vom Verein St. Gallen die U 15, U 17, U 19, bevor man dann, wie Anna es getan hat, in der AWSL, der höchsten Liga des Schweizer Frauenfußballs, spielen kann. In der Schweiz sei eher das Umfeld das Problem, das Verständnis sei nicht gleich wie in Amerika, man sei eher ein Einzelfall. In Amerika sind es so viele, die den gleichen Weg gehen und "me isch ei grosses Team, wo denn au zemme Schuel het". In der Schweiz hatte Anna zwar mit ihrer Klasse Unterricht, in der Sportschule hingegen waren es andere Schüler, die mit ihr Training hatten. So wird man etwas getrennt, von den Mitschülern und von den Sportlern der Sportschule. Aber ihre Begeisterung ließ sich Anna von niemandem nehmen.

 

Bei welchem Verein sie sich als Nächstes sieht, weiß sie noch nicht. Mannschaften in Schweden, Spanien oder Australien kommen infrage, aber auch Deutschland "isch durchus e Option". Ein wichtiges Kriterium ist ebenfalls, ob sie dort die Möglichkeit hat, zu fliegen. In den Lüften zu sein und die Freiheit zu genießen ist ihr fast genauso wichtig wie der Fußball. Sie liebt den Adrenalinkick. Auch wenn sie glücklich ist, bringt diese Lebensart Kompromisse mit sich. Vor allem wenn es um ihre Familie und Freunde geht, kriegt Anna das zu spüren. Sie versteht sich zwar gut mit ihren neuen Freunden, "me cha au guet mitenand rede, aber es isch nöd sglich". Anna erzählt, wie schön es ist, wenn sie mal wieder zu Hause ist und über ernste Probleme reden kann. Wenn man weiß, dass man sich die nächsten sechs Monate nicht sehen wird, ist der Abschied besonders schwer.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.04.2024, Nr. 88, S. 26 - SARA FIORE, Kantonsschule Trogen

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