Die rhythmische Gymnastik fordert viel
In jedem Menschen schlummert ein Talent. Wir müssen nur immer daran arbeiten, es zu entfalten", sagt Elena Landolf, deren Lebensgeschichte von rhythmischer Gymnastik geprägt ist. 1960 in der russischen Großstadt Dserschinsk geboren, wuchs sie einer kleinen Wohnung mit ihrer Familie und Großmutter auf. Deren russisch-orthodoxer Glaube prägte sie. "Die christliche Geschichte, die schönen Kirchen mit den vielen Ikonen und Kerzen und die Musik wirkten faszinierend auf mich." An der Bushaltestelle, nach der Kirche, traf man das Mädchen oft tanzend oder singend an. "Die Leute haben gelacht und gesagt: 'Oh, da wächst jemand zum Talent heran.'" Mit viereinhalb Jahren schickte ihre Mutter sie zum Eiskunstlaufen. Sie übte den Sport aus, bis sie sich mit acht Jahren in die rhythmische Gymnastik verliebte.
In ihrer gemütlichen Wohnung in St. Gallen kommt die heute 63 Jahre alte Trainerin der RG Teufen mit ihren schulterlangen, zurückgebundenen blonden Haaren ins Erzählen: "Wer große Ziele erreichen will, muss auch viel dafür arbeiten. Talent allein ist zu wenig." Vor dem eigentlichen Training war eine Stunde Ballett angesagt. "Mit Peitsche und ohne Wasser." Wer nicht gehorchte oder Fehler machte, wurde bestraft. "Jedes Mal mussten wir uns auf die Waage stellen, und wer auch nur ein Kilo zu viel auf den Hüften hatte, musste in den Keller gehen und mit Seilspringen das Gewicht wieder abnehmen." Gleichwohl verlor Elena nie die Freude an ihrem Sport. Mit 13 Jahren gehörte sie zur russischen Juniorenmannschaft und nahm an vielen Wettkämpfen in der UdSSR teil. Sie erreichte den Titel der Einzelkampfmeisterin der UdSSR. Im Alter von 16 Jahren unterstützte sie auch als Trainerin ihren Verein. So konnte sie ihr erstes eigenes Geld verdienen. Schon in jungen Jahren arbeitete sie gern mit Kindern. "Wir Erwachsene lernen so viel von Kindern, und diese Erfahrungen machen mich glücklich." Ihre aktive Sportlerinnenkarriere endete mit 20 Jahren.
Die rhythmische Sportgymnastik wurde im 19. Jahrhundert in Europa erfunden. Sie geht auf den schwedischen Pädagogen Per Henrik Ling zurück, der ein System von Übungen zur harmonischen Verbindung von körperlicher Bewegung und Musik entwickelte. 1980 durften Elena und ihr Team die Olympischen Spiele in Moskau mit einer Vorführung eröffnen. Rhythmische Gymnastik war da noch nicht olympisch. Das wurde sie erst bei den Spielen 1984 in Los Angeles, und zwar als reine Frauensportart. "Männer in der rhythmischen Gymnastik sind ein anhaltendes Thema. Ich finde, es wäre als olympischer Sport sehr gut", meint Landolf. Er vereint Geschicklichkeit, Flexibilität und Rhythmik an Geräten wie Seil, Reif, Ball, Keule und Band.
Mit 21 Jahren schloss sie ihr Sportstudium in Moskau ab. Für sie war klar, dass sie Vollzeit als Trainerin arbeiten möchte. Also zog sie in ihre Geburtsstadt zurück und trainierte dort Mädchen, die heute in der ganzen Welt als Trainerinnen, Kampfrichterinnen oder Gymnastinnen tätig sind. In den 90er-Jahren, während der Perestroika, erlebte sie, wie viele andere, eine Zeit des Umbruchs in Russland. "Unsere Familien, unsere Verwandten waren schon am Kämpfen. Für Freiheit." In dieser Zeit ist die Ehe mit ihrem ersten Mann zerbrochen. Damals entschloss sich Elena Landolf, mit einer ihrer beiden Töchter in die Schweiz auszuwandern. Ihre ältere Tochter war zu dem Zeitpunkt schon erwachsen und wollte in Russland bleiben. Nach langem Warten auf das Visum konnte sie 1996 nach Herisau ausreisen, wo sie nicht nur eine neue Heimat, sondern auch die Liebe zu einem Schweizer fand und später ein gemeinsames Kind mit ihm bekam.
1999 durfte sie dann als ausgebildete Trainerin in der rhythmischen Gymnastik der RG Teufen beitreten. Nebenher machte sie eine Ausbildung zur Fitness-Instruktorin. Bei Schweizer Meisterschaften konnte die RG Teufen oft Gold-, Silber- und Bronzemedaillen gewinnen. 2014 wagte sie den Wechsel zur RG Winterthur, die unter ihr ebenfalls erfolgreich war. Schließlich kehrte sie wieder zur RG Teufen zurück. Ihre Gymnastinnen trainiert zwei- bis dreimal pro Woche.
Die Worte "das Wichtigste im Leben ist die Liebe" nehmen in ihrer Geschichte eine besondere Bedeutung ein. Die Liebe zu ihrem Sport, zu den Menschen, zu ihrem Zuhause in der Schweiz sowie ihrer Heimat in Russland, die sie sehr vermisst, haben sie zu der Person gemacht, die sie ist.