Handmähen - früher harte Arbeit, heute Wettkampfsport
Isch wie Velo fahre, wends mol chasch, denn chasch es", sagt Tobias Tobler, Junioren- Europameister von 2019 im Handmähen, über die Sportart, bei der man mit einer Sense Gras mäht. Was heute mit Maschinen betrieben wird, war früher Handarbeit. Entstanden ist daraus eine Sportart. Wann und wo die ersten Wettkämpfe stattgefunden haben, ist unbekannt. Gemäht wird mit einer Sense oder, wie man im Dialekt sagt, "e Seges". Dies ist ein "Worb" mit langer, scharfer Schneide. Das Schärfen wird mit einem Spezialhammer auf einem eigens dafür hergestellten Bock vorgenommen. In Mundart spricht man vom "Dengelen". Dabei wird die Schneide so dünn geklopft wie Papier. Um sie scharf zu halten, wird sie mit einem Wetzstein abgezogen.
Groß gewachsen und kräftig gebaut, so sieht der ideale Handmäher aus. Tobias entspricht diesem Bild, dazu trägt er einen typischen Appenzeller Ohrring. Dieser besteht aus einer Schlange. Der Schlangechopf wird im rechten Ohr von Knaben und Männern in den ländlichen Regionen getragen. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Schwellbrunn, macht der 18-Jährige eine Ausbildung zum Landwirt. Sein Hobby betreibt er, seit er sechs Jahre alt ist. Gelernt hat er es von seinem Onkel, der ebenfalls aktiver Handmäher ist. Auch seine Brüder betreiben diesen Sport. In der Schweiz gibt es drei Handmähvereine: Ostschweiz, Bern und Innerschweiz. Laut Tobias mähen insgesamt rund 150 Handmäher aktiv in der Schweiz an den Wettkämpfen mit. Tobias ist bei der Ostschweiz dabei. In seinem Verein mit etwa 120 Mitgliedern sind etwa ein Drittel Frauen. "S' isch halt nüd gad de Sport, wod e wöchentlichs Training bruchsch", erklärt Tobias. "Wäsch, einersits werd 's Handmaihe als Hobby os Freude zur Tradition agluegt, anderersits cha logischerwise nüd 's ganz Johr öber Gräs gmaiht werde. Bim Wettkampf selber herrscht e sehr gueti Stimmig."
Das Areal in der Größe eines Fußballfeldes ist in verschiedene Bereiche abgesteckt. Die
Sensen sind frisch gewetzt. Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Das Publikum feuert die Mäher an, die ihre Sense mit kraftvollen Schwüngen durch die Wiese gleiten lassen. "D' Kamaradschaft isch sehr wichtig", schwärmt Tobias, darum ist auch die Festwirtschaft gut besucht. Hier wird gefachsimpelt, die Technik der Konkurrenten und die eigene "Mahd" werden analysiert. Bei der Siegerehrung bekommen die Besten einen Zweig. Das ist ein aus Eichenblättern hergestellter Kopfkranz. Wichtig sind Kraft und Ausdauer. Und die Technik, jedoch hat man die mit der Zeit heraus. "E gueti Seges" ist jedoch das Allerwichtigste. Tobias erklärt: Wenn die Sense nicht "haut", dann braucht man mehr Kraft.
Handmähen kann man "öberall, wos Gräs het". Im Sport bekannt sind aber hauptsächlich Österreich, Deutschland, Spanien und die Schweiz. Bei den alle zwei Jahre stattfindenden Europameisterschaften sind sogar zehn Nationen vertreten. Lustigerweise ist das Ziel beim Handmähen, so wenige Punkte wie möglich zu bekommen. Rangiert wird wie folgt: die Zeit durch die Anzahl Quadratmeter mal 100 plus die Strafen. Gemäht wird auf einer Fläche zwischen 20 Quadratmetern (Jugend) und 100 (Herren). Dies dauert bei den schnellsten Jugendlichen ungefähr eine Minute, bei den Erwachsenen um die drei Minuten. Strafpunkte werden in Anwand, Sauberkeit und Durchschlag unterteilt. Bei Anwand gibt es Strafpunkte, wenn die Kante vom stehenden Gras ins schon gemähte Gras nicht scharf genug abgegrenzt ist. Sauberkeit bedeutet, dass kein stehendes Gras mehr vorhanden ist.
Durchschlag heißt, wie sauber man unter der Mahd gemäht hat. Kontrolliert wird das Ganze durch Kampfrichter, die jährlich einen Kurs absolvieren müssen.
"I de Schwiz gets jöhrlich drü grossi Wettkämpf, wo je vo dene drü grosse Verein organisiert werd. Am End vom Johr föndet d' Schwizermeisterschaft statt." Um sich für die Europameisterschaft zu qualifizieren, müssen in zwei Jahren alle sechs Handmäh- Wettkämpfe absolviert werden. Einer davon kann als Streichresultat gestrichen werden. Die besten zehn bei den Herren und die besten fünf bei den Damen qualifizieren sich. Tobias konnte sich 2019 für die EM in St. Florian am Inn in Österreich qualifizieren. Er gewann Gold, damals noch in der Kategorie Junioren. Dabei mähte er ein Feld von sieben mal fünf Metern. "Es isch eigentlich e Riesefest, wo e spitzemäßige Stimmig herrscht." Mehr als 120 Teilnehmer aus zehn Nationen mähten um den EM-Titel. Insgesamt wurde eine Fläche von 1,5 Hektar mit reiner Muskelkraft gemäht.