So weit die Füße trugen

Ein schlichter Arztkittel statt eines weißen, glitzernden Tutus aus Tüll. Ein Arztzimmer statt eines von Klaviermusik erfüllten Saals mit Ballettstangen und Spiegeln an den Wänden. Anja Hauschild hat ihrer Karriere als Bühnentänzerin den Rücken gekehrt und Humanmedizin studiert. Die 43-jährige Ärztin hat dunkelbraune Haare und grünblaue Augen. Sie trägt eine Brille. Als zehnjähriges Mädchen begann sie ihre Ausbildung an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden. Dort lernte sie klassisches Ballett und zeitgenössischen Tanz. Bei ihrem Abschluss als Diplom-Bühnentänzerin mit 21 Jahren zeigte sich jedoch: "Als ich meine Abschlussprüfungen hatte, ging es mir gesundheitlich sehr schlecht. Ich hatte beide Achillessehnen entzündet, chronische Knochenhautentzündungen an den Schienbeinen und Kniebeschwerden. Deshalb habe ich auch nur zwei Jahre als professionelle Bühnentänzerin gearbeitet; ich wollte nicht mehr täglich Schmerzen haben." Von 2003 bis 2004 arbeitete sie als freischaffende Tänzerin in Dresden, bis sie ihre Karriere beendete. Diese Entscheidung brachte damals Gefühle der

Wehmut mit sich. "Ich habe einige Jahre das Theater gemieden, und es hat eine Weile gedauert, bis ich Tanz mit Freude ohne diese Sehnsucht anschauen konnte."


Aufgrund ihrer Erfahrungen entwickelte sie eine große Demut vor dem menschlichen Körper und geht heute viel verantwortungsvoller mit ihm um als zu ihren Zeiten als Tänzerin. Als professionelle Tänzerin suchte sie nach Möglichkeiten, wieder stabil und schmerzfrei zu werden. Allerdings habe sie nicht immer die ärztliche Anerkennung erhalten, die sie sich gewünscht hätte. "Ich habe es selbst erlebt, von Arzt zu Arzt zu gehen und mit einem Schulterzucken angeschaut zu werden." Für Hauschild ist der Tanz eine ganz besondere körperliche Belastung, weshalb Tänzer eine spezielle medizinische Betreuung verdienen.

Diese Erkenntnis motivierte sie, Tanzmedizinerin zu werden. Für sie ist Tanz etwas Unvergleichbares: "Kreativität und Musikalität werden mit Bewegung kombiniert, wodurch verschiedene Hirnareale angesprochen werden und komplexe Aktivierungen im Nervensystem entstehen. Es ist eine Möglichkeit der Expression von Emotionen, eine Art, sich zu bewegen und dabei ganzheitlich zu spüren. Tänzer sind Athleten und Künstler in einer Person." Ihr Körper ist ihr Werkzeug und Gestaltungsmittel. "Vor allem der künstlerische Aspekt prägt ihre Persönlichkeit, da sie sich mit dieser Kunst identifizieren." Doch den Normen des klassischen Balletts entsprechen zu wollen verursache Leistungsdruck. "Das klassische Ballett fordert natürlich sehr viel, und das Verhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit muss stimmen." Als Tänzer widmet man sein Leben dieser Kunst und strebt nach Perfektion. "Während der meistens sehr kurzen Karriere befinden sich Tänzer häufig in einer hierarchischen Struktur der Kompanie und fungieren als Arbeitsmittel des Choreographen." Auch Hauschild hat erlebt, als Tänzerin nicht besonders selbständig arbeiten zu können. "Das war mir alles zu eng, zu kleinkariert. Ich habe Interesse an der Welt außerhalb gehabt. Ich habe das Tanzen geliebt, aber ich mochte die Hierarchie in der Struktur nicht." Durch eine Ausbildung zur Pilateslehrerin entdeckte sie 2005 das Fachgebiet der Prävention und Rehabilitation und kam mit der Tanzmedizin in Kontakt. Von 2005 bis 2010 studierte sie an der Technischen Universität in Dresden Humanmedizin und absolvierte ihr praktisches Jahr in Frankfurt am Main. Heute arbeitet sie als Ärztin für Tanz- und Rehabilitationsmedizin an dem berufsgenossenschaftlichen Klinikum Hamburg und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der MSH Medical School Hamburg. Um professionelle Bühnentänzer zu unterstützen, hat sie sich auf die Tanzmedizin spezialisiert. An der MSH entwickelte sie ein Präventionsprojekt für Tänzer mit sieben Tanzkompanien aus ganz Deutschland. Das "Dancer's Health Project" umfasst eine Forschungsinitiative, bei der unter anderem das Staatsballett Berlin, der Friedrichstadt- Palast Berlin, das Leipziger Ballett und das Ballett der Semperoper Dresden partizipiert haben. "Das Ziel ist die Reduzierung von Risikofaktoren für Verletzungen, um die Gesundheit professioneller Tänzer zu optimieren." Bei 150 Tänzern wurden Screenings durchgeführt. "Es erfolgen körperliche Untersuchungen und die Verwendung von Fragebögen zur medizinischen Geschichte, zu aktuellen Beschwerden und der mentalen Gesundheit, um persönliche Technikdefizite und Schmerzproblematiken zu identifizieren.

Dann werden 12 Funktions- und Leistungstests zur Koordination, Bewegungsausführung, Stabilität und körperlichen Kraft durchgeführt und Empfehlungen für Trainings- und

Präventionsmaßnahmen ausgesprochen." Die Initiatoren des Projekts wünschen sich, dass Maßnahmen zum Schutz der Tänzergesundheit in den Arbeitsalltag implementiert werden.


"Aktuell fehlt ausgebildetes Fachpersonal, und viele Tänzer erhalten noch nicht die medizinische oder psychologische Unterstützung, die sie als Hochleistungssportler benötigen, um gesund und arbeitsfähig zu bleiben. Im Hinblick auf die mentale Gesundheit der Tänzer besteht eine hohe Prävalenz an Angst- und Schlafstörungen. Ihr Alltag wird häufig von einem krankhaften Perfektionismus in einem kompetitiven Arbeitsumfeld geprägt. Obwohl das Streben nach technischer und künstlerischer Perfektion das persönliche Potential entfalten kann, belastet das Nacheifern ungesunder Idealvorstellungen, wie zum Beispiel einer besonders guten Außenrotationsfähigkeit des Hüftgelenks, das Individuum." Körperliche Voraussetzungen und ihre Grenzen sollten stets berücksichtigt werden, betont Hauschild. Ihre Faszination gilt dem Wunderwerk des menschlichen Körpers und den vielfältigen Dingen, die er leisten kann. Durch ihren beruflichen Werdegang habe sie gelernt, ihren Körper nicht mehr als Maschine oder Arbeitsmittel zu betrachten, sondern ihn als etwas zu sehen, das einen durch das Leben trägt und auf das man gut aufpassen muss. "Ich glaube, über den Schatz, den der menschliche Körper mit sich bringt, sind sich viele Menschen nicht bewusst."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.08.2024, S. 26 - Emilia Korrell, Lina-Hilger-Gymnasium, Bad Kreuznach

zurück