Irgendwas isch komisch, aber i weiss nöd ganz was und nocher han i' s denn usegfunde und da isch es schön gsi." Es ist komisch, wenn man bemerkt, dass der Körper und das Hirn nicht übereinstimmen. Wenn das angeborene biologische Geschlecht und das, mit dem man sich identifiziert, nicht oder nicht vollständig übereinstimmen, nennt man das Transsexualität oder Transidentität. Die Zahl derer, die sich in Deutschland als "Trans" bezeichnen, wird anhand der Namens- und Personenstandsänderung vom Statistischen Bundesamt auf 0,35 Prozent geschätzt. Ob es mehr Transfrauen, -männer oder nonbinäre Menschen gibt, ist nicht klar, da nur sehr wenige Daten dazu erhoben werden.
Theo Schneider (der eigentlich anders heißt) ist 18 Jahre alt, lebt in der Ostschweiz und wurde im falschen Körper geboren, nämlich im Körper eines Mädchens, aber er fühlt sich überhaupt nicht weiblich. Als weiblich würde man ihn auch nicht betrachten. Er hat kurze braune Haare, die ihm seitlich über die Stirn fallen. Durch eine dunkle, rundliche Brille blicken blaugraue Augen. Seine Zähne spielen immer wieder an einem silbrigen Lippenpiercing. Er trägt einen braunen Wollpulli und eine dunkelgrüne Hose.
Die ersten Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, hatte Theo in der Primarschule zu Beginn der Pubertät mit 12 Jahren. "Also so chli agfange het's i de füfte, sechste Klass. Mini Pubertät het agfange und ich bin so gsi: Was isch das? Was sött das? Das sött nöd passiere. 1 ha döt nonig chekt, warum es mi so stört." Wenige Monate später hatte er eine kurze hyperfeminine Phase, "will mer isch halt so". Sie wird von einigen männlichen Transpersonen durchlaufen. In ihr wird versucht, sich mit dem angeborenen Geschlecht zu identifizieren. Mit 13 Jahren lernte Theo dann zum ersten Mal übers Internet, was Transsein bedeutet, und identifizierte sich auch immer mehr als Transperson.
Einige Monate später kam die erste äußerliche Anpassung: ein kurzer Haarschnitt. Da seine Mutter öfter selbst kurze Haare trug, war das für seine Familie kein Anzeichen für sein Unwohlsein mit dem eigenen Körper. Kurz nach seiner Realisation mit 13 outet er sich in einem Gespräch bei seiner Mutter und per Brief bei seinem Vater, da er Angst vor dessen Reaktion hatte. Anfangs mussten sich seine Eltern und sein älterer Bruder an den Namens und Pronomenwechsel gewöhnen. Als Namen wählte er nach langem Suchen einen, der für ihn akzeptabel war. Bis er seinen jetzigen fand, probierte er mehrfach verschiedene Namen mit seinem engen Umfeld aus.
In der Schule konnte Theo sein Outing nicht dann machen, wann er es wollte. Zwei Monate bevor ein Termin festgelegt wurde, hatte Theo ein Gespräch mit der Schulleitung.
Anschließend wurden die Lehrer in Kenntnis gesetzt. Durch Corona wurde sein Outing aber nach hinten verschoben. Denn an einem Freitag im März 2020 vor seinem geplanten Outing kam der Lockdown. Währenddessen wollten seine Lehrer nicht, dass Theo sich outet. Und auch danach wurde sein Wunsch nicht gleich erfüllt. Die Lehrer wollten, dass sich seine Klassenkameraden erst wieder an die Schule gewöhnen. Gegenüber seinem engsten Umfeld hatte er sich bereits zuvor geoutet. "Die zwei, drü Wuche sind absolut schlimm gsi, will ich bi mich scho dra gwöhnt gsi, dass mer mich jetzt mit em richtige Name und de Pronome aspricht." Für ihn war diese Zeit, in der er immer wieder daran erinnert wurde, dass er als Mädchen gesehen wird, extrem unangenehm. "Noch em Outing isch es legendär gsi, abgseh von dene paar Vollpföste, wo eifach 24/7 vekackt händ." Nach seinem Outing war das ein großes Gesprächsthema für seine Klassenkameraden, vor allem weil er der Erste war, der sich als trans outete. Das habe ihn auf längere Zeit leicht irritiert. "Ich bin au no en Mensch usserhalb vo dem." Er wurde zu der Zeit vor allem mit den falschen Pronomen angesprochen, konnte sich aber auch mit einer Freundin, die sich bei ihm bereits als ebenfalls trans geoutet hatte, austauschen.
Ab dem 1. Januar 2022 kann man in der Schweiz seinen Namen einfacher und unbürokratischer ändern. Diese Möglichkeit hat Theo genutzt, um seinen Namen und sein Geschlecht offiziell anzupassen. Die Wehrpflicht als Folge davon nimmt er gern in Kauf.
Theo wird auch heute noch mit dem falschen Namen angesprochen. Er versteht, dass dies meist nur ein Fehler und nicht bösartig gemeint ist, dennoch fühlt es sich nicht gut an. "I wörs eifach gern vo dene Lüt ha, dass sie vestoh chönd, wie schlimm das es isch." Cis Menschen, also Menschen, bei denen das verspürte und angeborene Geschlecht übereinstimmen, verstünden oft nicht, welchen Einfluss das falsche Bezeichnen der Person hat. Seine Reaktion darauf beschreibt Theo wie folgt: "Ach, ich pass no nöd gnueg. Du gsehsch mi immer no als Frau. 1 gotta change something." Er wünscht sich bei Fehlern der Bezeichnung: "Mach kei grosses Ding drus, will es isch mega unangenehm und du gisch mir nur no meh Ufmerksamkeit druf, dass ich nöd ,normal' bin." Dass er anders als die meisten ist, merkt er auch in anderen Situationen. Der Gang auf die Toilette oder das Umziehen in einer Umkleidekabine stellten für Theo kurz nach seinem Outing größere Probleme dar. Beim Toilettengang entschied er so, dass er die Wahrscheinlichkeit auf Belästigung so klein wie möglich hielt. "I ha nüme so grossi Problem, wo mi ischrenked. Säb han i nöd, aber halt so chlini Sache wo früener ä grössers Problem gsi sind." Durch eine Hormontherapie mit Testosteron seit Juni 2023 hat er eine tiefere Stimme und kann sie, wenn er das möchte, noch tiefer stellen. Für seine Hormontherapie hat Theo lange gekämpft. Er hatte sich zuvor gewünscht, Hormonblocker zu nehmen, die seine Pubertät abgebremst hätten. Ihm wurde aber von seinen Eltern immer wieder gesagt, dass er doch noch warten und sich diesen Schritt genau überlegen soll. Die Therapie, genauso wie operative Eingriffe, hat irreversible Folgen, doch für ihn war klar, dass sie das Richtige ist.
Eine operative Brustverkleinerung hat Theo ebenfalls vor. Für den Moment ist er aber viel zufriedener als früher. "Es passiert nüt, es goht nöd vorwärts." Diese Unfähigkeit, etwas zu ändern, hat ihn lange frustriert. Als es dann hieß, dass er ein halbes Jahr zu einem spezialisierten Therapeuten gehen muss, mit dem er über seine transbezogenen Probleme
redet, bevor er Testosteron per Spritze bekommt, half ihm das schon sehr: "Es hät sich wie so chli agfühlt, dass endlich öpis passiert."
Auf die Frage, ob alles am Transsein nur schlecht ist oder ob es auch Schönes gibt, meint Theo: "Es git definitiv au schöni Sache, aber halt die sind nur schön, wills vorher scheisse gsi isch." So kann das Tragen eines Binders bei Körperdysphorie helfen. Körperdysphorie ist ein Phänomen, bei dem die Person ihren Körper oder Teile als unangenehm oder unpassend empfindet. Diese Dysphorie wird vom Großteil der Transpersonen verspürt, muss aber nicht vorliegen. Das erste Mal seine eigene Brust mithilfe eines Binders, einem engen Unterhemd, das die Brust an den Oberkörper presst, als flacher zu sehen, ist für viele ein Moment der Freude. Auch ein Haarschnitt oder ein anderer Kleidungsstil können helfen, sich wohler zu fühlen. Die Dysphorie war für Theo lange ein Problem. Eine Zeit lang hat er sich sogar gewünscht, eine Cis-Person zu sein. "Definitiv han ich wölle Cis si." Heute wünscht er sich das nicht mehr. "Aber sonscht hät sich eigendlich viles so chli erlediget mit not giving a fuck anymore und Testosteron." Dass die Stimme jetzt tiefer ist, hat einige überraschende Effekte: "Ich red jetzt lieber, und singe isch definitiv schöner worde."
Theo findet nicht, dass es für ihn zu persönliche Fragen gibt, wenn er merkt, dass sie aus Interesse gestellt wurden. Würde er nicht auf die Fragen anderer antworten, "denn chan ich nöd erwarte vo Cis-Lüt zum Züg vestoh oder zum halt nümme transphob si, wenn ich dene nöd cha offeni Froge beantworte." Er selbst hat keine Situationen erlebt, in denen er direkt mit Transphobie konfrontiert wurde. Meistens war es Verwirrung, wieso er zum Beispiel die Männertoilette benutzt.
Heute spricht er fast nicht mehr über das Thema. Das liegt nicht daran, dass es kein interessantes Thema mehr ist, sondern an den Menschen, mit denen er sich umgibt. Anders als kurz nach seinem Outing wird er nicht mehr auf diesen Teil seiner Identität reduziert. Er hat weniger Probleme mit seinem Selbstbild und sieht im Spiegel offensichtlich einen Mann vor sich. Von Menschen aus seinem Umfeld wünscht er sich Folgendes: "Jo eifach nöd disrespectful si, bitte. Wär mega lieb."