Das Napoleonmuseum Arenenberg bietet einen beeindruckenden Überblick - auf den See und die Geschichte.
Wir vermitteln das Original", sagt Dominik Gügel, ein im Anzug gekleideter Mann, Anfang sechzig. Er ist Direktor des Napoleonmuseums Arenenberg in Salenstein im Kanton Thurgau und sitzt gerade im ehemaligen Arbeitszimmer von Napoleon III. (1808 -1873). Durch die Sonne, die durch das große Fenster scheint, wird das ganze Zimmer in ein warmes Licht gehüllt. Von draußen dringen Gesprächsfetzen hinein. Die Luft ist geladen mit Geschichte. Es duftet nach alten Möbeln und Büchern. Nach Möbeln und Büchern, die vor rund fünfhundert Jahren bereits durch die kaiserliche Familie Napoleons III. gebraucht wurden. Die Räume des Arenenbergs sind sorgfältig restauriert und original ausgestattet.
"Sie wusste haargenau, dass ihr Sohn eines Tages in Frankreich an die Macht kommt", beginnt Gügel und nutzt dabei seine Hände, um deutlicher zu werden. Die Rede ist von Hortense de Beauharnais. Sie war die Frau von Louis Bonaparte und zugleich Schwägerin und Stieftochter Napoleon Bonapartes. Als Mutter von Louis Napoléon Bonaparte, dem letzten Kaiser Frankreichs, war sie nach dem Ableben dessen Vorgängers gezwungen, aus Frankreich zu flüchten. Die Alliierten gestanden ihrer Familie nach einer monatelangen Reise ein Exil in der Ostschweiz zu, genauer gesagt in Salenstein, dem heutigen Standort des Napoleonmuseums. Doch dies war nicht ihre erste Wahl, wie der seit dem Jahr 2000 leitende Museumsdirektor preisgibt. Zuerst hatte sie, nachdem sie 1815 in Konstanz ankam, das ehemalige Kloster in Petershausen ins Auge gefasst. "Als anständige Dame von Welt braucht sie zu diesem Schloss noch zwei Landsitze, ich meine, das ist ja völlig normal, das braucht man halt einfach", witzelt Gügel über die Première dame de France. "Und so kauft sie im Konstanzer Hörnle ein Gut. Das ist der Landsitz im Osten, und hier im Westen, auf der Schweizer Seite, das Arenenberg." Als sie nun noch die Papiere zum Kauf des eigentlichen Wohnsitzes in Petershausen unterzeichnen will, macht ihr der Großherzog von Baden einen gehörigen Strich durch die Rechnung, erzählt Gügel "Oh, oh, oh, das ist mir viel zu heiß, du nicht!" Er genehmigt ihr aus politischen Gründen in Baden keine Niederlassungsgenehmigung. So musste sie gezwungenermaßen auf ihr Landgut im Thurgau ausweichen.
Für den gerade erst unabhängig gewordenen Kanton ist dies eine willkommene Chance, den Zentralschweizer Unterdrückern eins auszuwischen. Sie zeigen ihren ehemaligen Peinigern laut Gügel sozusagen den "Stinkefinger", da die autonome Handlungsfreiheit der einzelnen Gebiete in der damaligen Eidgenossenschaft höher gewertet wurde als der Wunsch der Mehrheit. Und so zieht Hortense endgültig auf ihr Heimwesen mit atemberaubendem Blick über den ganzen Untersee. Auch der Kanton selbst sollte später etwas davon haben. 1906 schenkte Kaiserin Eugénie, die Frau Napoleons, das Schloss samt Anwesen dem Thurgau. Auf ihren Wunsch hin wurde darin eine Schule für Landwirtschaft und das Napoleonmuseum eingerichtet. Beide bestehen bis heute. "Die grandiose Aussicht Richtung Westen über die Höri nach Hegau und auf der anderen Seite Richtung Konstanz" sei für Gügel ein weiterer Vorteil seiner sonst schon faszinierenden Arbeit im einzigen deutschsprachigen Museum zur napoleonischen Geschichte. Seine vielfältige Tätigkeit und den europaweiten, angenehmen Austausch mit inhaltlich konformen Museen sehe er persönlich in diesen Ausmaßen bei keinem vergleichbaren Ausstellungshaus gegeben. "Wenn Sie hier arbeiten, sind Sie kein Fachidiot für das 19.
Jahrhundert, denn es braucht immer den Überblick", erklärt er. Neben der Geschichte Napoleons III. reicht die Historie des Arenenbergs über das Mittelalter und die Reformation bis in die Römerzeit zurück.
Diese breite Zeitspanne wird durch ein internationales Ausstellungsprojekt im Jahr 2025 ins Zentrum gerückt werden. Das Kernthema ist der Rebenanbau und der damit verbundene Weinkonsum von der vornapoleonischen Zeit bis zur Gegenwart. Jedoch ist dies nicht das einzige Highlight, worauf man sich bei einem Besuch in Salenstein freuen kann. Laut Gügel seien die Sammlungen im Arenenberg "europa-, wenn nicht sogar weltweit gesucht". Im original eingerichteten Wohnhaus sind Einzelgemälde ausgestellt, die von der Bedeutung her eher im Louvre oder in der Eremitage in Sankt Petersburg hängen sollten.
Ebenfalls dort befindet sich eine der größten Sammlungen von Troubadour-Stil-Gemälden. Dabei handelt es sich um eine französische Kunstrichtung des frühen 19. Jahrhunderts, die sich insbesondere auf idealisierte, historische Szenen des Mittelalters und der Renaissance konzentrierte. "Schade" sei laut Gügel, "dass die Kunstwerke in Anbetracht des atemberaubenden Gesamterscheinungsbildes des Napoleonmuseums bei einem ersten kurzen Betrachten schnell übersehen werden können". Besonders das Zeltzimmer, für das Hortense noch in Frankreich bei Napoleon I. Inspiration fand, zieht alle Blicke auf sich. Der Raum sieht aus wie das Innere eines römischen Kriegszeltes. Neben dem eindrücklichen Parkettboden und den filigran ausgearbeiteten Details der Zeltinnenwände beeindrucken auch die Kunstwerke, die darüber hängen. So zum Beispiel "der General auf der Brücke von Arcole", wie Gügel erläutert: "Der General auf der Brücke von Arcole, das ist die große Ikone aus napoleonischer Überlieferung. Wenn irgendwo weltweit eine Napoleon- Ausstellung ist, dann ist der eben auch schnell einmal weg", fährt er fort. "Dann unsere Königin Hortense, als Muse der schönen Künste. Aus dem Bild geht unglaublich stark ihr Wesen hervor, sie als 'die Femme Artiste', die einen Salon erster Güte um sich herum
sammelte, der mit Paris, Rom, Berlin, wo auch immer sie damals sind, vergleichbar ist. Des Weiteren haben wir natürlich auch ein Bild des jungen Louis Napoléon, der mit seinem Pferd von Konstanz auf den Arenenberg zurückkommt." Auch Gemälde weiterer wichtiger Persönlichkeiten aus dem Umfeld des damaligen Kaisers sind im Zeltzimmer zu finden, mit dabei Freiherr von Wessenberg, der letzte Konstanzer Bischof.
Das Zeltzimmer ist nicht der einzige Ort, an dem sich Louis Napoléon trotz seiner Verbannung aus Frankreich an seine großen Vorfahren erinnern sollte. Auch im Schlosspark finden sich einige Replikationen wichtiger historischer Schauplätze: so zum Beispiel von Napoleon Bonapartes Grab auf St. Helena. Hortense tat alles in ihrer Macht Stehende, um ihrem Sohn die bestmögliche Chance zu geben, erfolgreich zurück nach Frankreich zu kehren. Ihre Willenskraft schaffte es, Frankreich einen zweiten Kaiser zu geben. Auch wenn dies in der Geschichte nun alles schon weit zurückliegt: Napoleon prägte den an den Bodensee grenzenden Kanton Thurgau enorm und hinterließ mit dem Arenenberg ein wichtiges Stück seiner Zeit, das noch heute bewundert werden kann. Gügel meint: "Ich sag immer, das Haus umarmt einen, es ist dieses Gesamtkunstwerk, das mich jeden Tag aufs Neue fasziniert."