Wenn das Liedgut nicht mehr gut ist

Die Kantorin Heike Kieckhöfel gehört zu den 80 Auserwählten, die an dem neuen Evangelischen Gesangbuch arbeiten.


Heike Kieckhöfel sitzt an der Orgel der Emmauskirche in Braunschweig, greift auf die Ablage über sich und holt ein zerfleddertes Buch ohne Einband hervor. Die 53-jährige Kantorin mit den blonden, mittellangen Haaren und dem selbst gestrickten bunten Schal schlägt es auf und blättert zielstrebig zur Nummer 321. Sie gehört zu den 80 Menschen, die an dem neuen Evangelischen Gesangbuch arbeiten. "Das Lied 321 ,Nun danket alle Gott', das gehört einfach mit dazu und soll auf jeden Fall in die Neuauflage hinein." Die alte Auflage hat Kieckhöfel zufolge, auch in Bezug auf das Layout, viel Verbesserungspotential. "Wer würde in einen Buchladen gehen, dieses Buch sehen und direkt kaufen?", fragt die Kirchenmusikerin. Dies soll sich auch durch ihr Mitwirken ändern.


Bereits seit 2020 wird an der Neufassung gearbeitet. Erscheinen soll sie voraussichtlich am 1. Advent 2028, pünktlich zum neuen Kirchenjahr. Mit dem Kirchenjahr kennt sich Kieckhöfel aus. Dies ist für ihren Beruf unumgänglich. So werden an manchen Sonntagen nur bestimmte Lieder oder Liturgie gespielt. Zum Beispiel falle in der Passionszeit das "Kyrie" weg. "Die letzte Neuauflage wurde schon Anfang der 90er-Jahre eingeführt. In der Regel gibt es ungefähr alle dreißig Jahre eine Überarbeitung. Dann wird geprüft, welche Lieder gar nicht mehr gesungen werden. Die werden aussortiert." Die jetzige Auflage wird komplett neu gedacht. Unsere schnelllebige Welt sei ein Grund dafür. Einige Lieder werden entfernt, andere hinzugefügt. Manche Lieder oder einzelne Strophen werden gekürzt, da die deutsche Sprache viel sensibler geworden sei. So werde genau überlegt, ob der Inhalt eines Textes in der heutigen Zeit noch moralisch vertretbar sei. Das Lied "Danke" enthält beispielsweise die Zeile "Danke für meine Arbeitsstelle". Diese werde schon jetzt häufig weggelassen, da auch Personen ohne Arbeit in der Kirche willkommen geheißen werden, berichtet Kieckhöfel. Bei anderen Liedern werden Strophen, die im jetzigen Liederbuch fehlen, wieder hinzugefügt, da aufgefallen sei, dass sie eigentlich doch ganz schön zu singen sind. Als Beispiel nennt sie das Lied "Stille Nacht". Eigentlich habe es sechs Strophen, aber im jetzigen Gesangbuch seien nur drei von ihnen abgedruckt.


Die Propsteikantorin ist seit sieben Jahren im Dienst der Landeskirche Braunschweig und hat bereits an diversen nationalen sowie internationalen kirchenmusikalischen Projekten gearbeitet und diese auch geleitet. Sie spielt Oboe, Posaune, Trompete, Klavier und Orgel. Außerdem singt sie, leitet aktuell den Gospelchor "True Words" und organisiert Gospelworkshops und Orgelkonzerte in Braunschweig. "Mein Beruf ist äußerst vielschichtig. Zu ihm gehört keineswegs nur das wöchentliche Spielen im Sonntagsgottesdienst." In ihrer Freizeit fährt die in Spenge bei Bielefeld aufgewachsene Frau gern Fahrrad, backt, bastelt, strickt und fotografiert. Hierbei lässt sie ihre Hobbys gern in den Beruf mit einfließen. "Alles das, was über Orgel spielen und Chorleitung hinaus noch zum Beruf dazuzählt, macht diese Vielfalt aus. Man kann also sowohl Chorprojekte leiten als auch theaterpädagogische Projekte oder eine Orgelradtour organisieren", berichtet sie begeistert.


Über ihren Weg in das 80-köpfige Komitee sagt sie: "Jede Landeskirche wurde aufgefordert, einen Theologen und einen Kirchenmusiker zu benennen, von denen einer ein Mann sein sollte und einer eine Frau. Somit bin ich jetzt von der EKD auf Rat der Landeskirche berufen." Noch ist es ein dickes Buch mit unansprechendem Design, ohne Bilder, dem ersten Lied nach 100 Seiten, alter Rechtschreibung und aufgebaut aus einem Stamm- und einem Lokalteil, der regional unterschiedlich gestaltet ist.


Bisher ist das Werk mit den bekannten Liedtexten nach dem Kirchenjahr sortiert. Es beginnt im Advent, dann folgen Weihnachts-, Passions- und Osterlieder. So wird sich weiter am Kirchenjahr entlanggehangelt. Am Anfang gibt es den Stammteil, der 535 Lieder beinhaltet. "Das neue Gesangbuch ist ganz anders aufgebaut. Es wird in verschiedene Themen eingeteilt. Sie tragen Überschriften mit dem Wort "Zeit": TagesZeit, JahresZeit, FeierZeit, AlleZeit, ZwischenZeit und LebensZeit. Darüber hinaus soll es noch eine Datenbank im Internet mit vielen weiteren Liedern geben, die nicht in der Printversion erscheinen sollen", erklärt Kieckhöfel.


"Ist der Gedanke, dass wir in zehn Jahren mit unserem Handy in die Kirche kommen, einen QR-Code scannen und die Lieder vom Handy singen denn so abwegig?", hinterfragt die Kantorin. Das neue Gesangbuch soll für die Zukunft gestaltet sein. Es wird auch eine digitale Ausgabe geben. Außerdem steht die Idee im Raum, dass es eine App geben soll, die Kirchenmusik für noch mehr Menschen greifbar macht. Kieckhöfel erzählt: "Man kann sie nutzen, wenn man nach dem Gottesdienst einen Ohrwurm hat. Dann wird das betroffene Themenfeld eingegeben, und im Handumdrehen wird man von einem Ohrwurm mit den Liedern aus dem Gesangbuch verfolgt." Für die Neugestaltung wurden aus jeder der 20 Landeskirchen zwei Vertreter der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) berufen. Hinzu kommen Experten, die einen bestimmten Fachbereich vertreten. Unter ihnen sind Menschen, die sich besonders gut mit der Liturgie, den typischen kirchlichen Gesängen auskennen, und auch eine Theaterpädagogin ist vertreten. Sie bringe eine neue Sichtweise mit und somit frischen Wind in den Prozess der Gestaltung.


Um effektiver arbeiten zu können, ist dieses Gremium in fünf verschiedene Ausschüsse aufgeteilt: Liederausschuss, Textausschuss, Ausschuss für Digitales und Rechtliches, für Konzeption und Musikvermittlung. In Letzterem sitzt Kieckhöfel: "Ich bin in der Suchgruppe Pop des Liederausschusses und muss noch über 8800 Lieder aus diversen Liederbüchern sichten und mir eine Meinung dazu bilden, ob die Lieder mit in das neue Gesangbuch aufgenommen werden sollten. Die Ausschüsse beraten sich untereinander regelmäßig online. Das gesamte Komitee trifft sich dreimal im Jahr." Im aktuellen Gesangbuch befinden sich zwar schon ein paar englische Lieder, aber das dicke Buch soll zukünftig mit der Zeit gehen und deutlich mehr Gospellieder, Popularmusik und Spirituals enthalten. "Gerade durch meine Arbeit mit dem Gospelchor und meine Erfahrungen mit Gospel freue ich mich da natürlich ganz besonders drüber", sagt sie.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.08.2024, S. 26 - SARAH BRUNZEL, Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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