Wenn der Faden reißt

Die Tradition des Teppichwebens in Tschiprowzi droht zu verschwinden.

Es ist Mittag. In den Straßen von Tschiprowzi, einem Städtchen mit 3000 Einwohnern im Nordwesten Bulgariens, ist niemand unterwegs. Nur in den Höfen der Häuser ist ab und an jemand zu sehen. In fast jedem Haushalt gibt es einen Webstuhl. Die Stadt ist bekannt für ihre bunten Teppiche. Über eine schmale Straße an Obstbäumen vorbei gelangt man zum historischen Museum. Es ist im bulgarischen Wiedergeburtsstil des 18. Jahrhunderts erbaut, besteht aus Stein mit einem niedrigen Ziegeldach. Die Fenster sind klein. Auf Bänken vor dem Eingang sitzen ältere Männer und Frauen. Gestützt auf ihre Stöcke, reden sie über vergangene Zeiten, die Enkel und ihre Pläne für den Tag.


Die schlanke Gestalt der einundsiebzigjährigen Rosa Pawlowa ragt heraus. Sie hat als Sekretärin der Lesegesellschaft im Museum und in der Grundschule von Tschiprowzi gearbeitet und beschloss, sich nach ihrer Pensionierung 2015 der Teppichmacherei zu widmen. "Ich möchte etwas hinterlassen und wissen, dass der Tag nicht umsonst vergangen ist." Schon ihre Urgroßmütter waren Teppichweberinnen. Im Prinzip wird die Webkunst von den Großmüttern und Müttern an die Töchter weitergegeben. Pawlowa hat selbst zwei Enkelinnen, die jüngere ist 13 und die ältere 20. "Ich habe keine Lust, das Weben von Tschiprowzi-Teppichen fortzusetzen, da ich in dieser Tätigkeit keine berufliche und persönliche Entwicklung sehe. Außerdem träume ich davon, mich in einem ganz anderen Bereich zu verwirklichen, nämlich in der Medizin", sagt die jüngere Enkelin. Bei fast allen Jugendlichen ist es ähnlich. "Die Tradition könnte in Zukunft verschwinden, wenn die Jungen sich nicht darum kümmern, sie zu bewahren", meint Pawlowa. Während des Rundgangs durch das Museum erklärt sie die Herstellung. "Das Webgerät ist sehr fest verankert, damit sich der Stoff nicht verzieht. Die Fäden sind parallel zueinander und senkrecht zum Boden angeordnet. Daher wird die Webtechnik vertikal genannt."


Farben aus der gesamten Palette, sowohl Pflanzen- als auch Chemiefarben, und Muster zeichnen den Teppich aus. Symbolische Dreiecke, Rhomben sowie Pflanzen oder an Vögel erinnernde geometrische Figuren sind eingewoben. Sie sollen Kraft, Gesundheit und Glück im Haus des Teppichbesitzers verbreiten. Eines der markantesten Muster ist die "Kanatitsa", ein Symbol für das ewige Leben. Es besteht aus sechs Dreiecken. Ihre Anordnung erinnert an die Form eines Schmetterlings. Wolle und Technik machen den Teppich robust und gleichzeitig zart. Die Wolle stammt von Schafen, die der Mann in der Familie schert. Die Frau verarbeitet sie mit Spindel und Spinnrad. "Man kann einen Tschiprowzi-Teppich nicht auf einem mechanischen Webstuhl weben." Zuerst wird das Garn verwendet, danach

hochwertige Wolle. Die Handwerkerin wählt ein Muster, bereitet das Schema und die Farben vor, baut die Wollbasis auf, dann beginnt sie mit ihrer eigentlichen Arbeit. Eine erfahrene Weberin ist imstande, in einem Monat bis zu zwei Quadratmeter Teppich zu weben. Das erklärt den hohen Preis. Ein zwei mal drei Meter großer Tschiprowzi-Teppich kostet rund 10.000 Lewa, etwa 5100 Euro, während ein 67 mal 124 Zentimeter großer Teppich bei ungefähr 1000 Lewa liegt.


In Tschiprowzi gibt es 20 bis 30 Weberinnen. Alle sind zwischen 60 und 80 Jahre alt. Damit sich die Jüngeren mit dem Handwerk beschäftigen, richtete die Schulleitung eine Klasse für bildende Kunst und Teppichweberei ein. Leider habe sie nicht lange bestanden, das Interesse war zu gering. "Der einzige Weg, die Tradition zu bewahren, besteht darin, sie von Generation zu Generation weiterzugeben. Die Älteren müssen die Jungen ermutigen, sich mit Teppichweberei zu beschäftigen, und Fleiß bei ihren Nachkommen fördern. Wenn ich Tschiprowzi in drei Worten beschreiben müsste, wäre es 'die Blume Bulgariens', genau wegen dieser Vielfalt unserer Bräuche." Die Geschichte der Teppichweberei reicht bis ins

17. Jahrhundert. 2014 nahm die UNESCO die Tschiprowzi-Teppiche in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes auf. Sie sind der dritte bulgarische Eintrag nach dem Brauch der Feuertänze in Strandzha und dem Chor "Großmütter aus Bistriza". Pawlowa zieht es nach Hause. Heute noch wird sie ihren 27. Tschiprowzi-Teppich fertigstellen. "Dies wird der aufwendigste Teppich sein, den ich jemals gewebt habe. Ich war krank, wodurch sich der gesamte Prozess verzögerte. Trotzdem wird er heute fertig, in einigen Tagen schicke ich ihn nach Belgien, wo er Teil der Einrichtung eines wohlhabenden Franzosen sein wird."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.11.2024, S. 26 - Mihaela Staneva, Galabov-Gymnasium, Sofia

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