Wider die tödliche Gleichmacherei

In Potsdam gibt es das Bestattungsinstitut "Lebensnah" für individuelle Bestattungen. Die Trauernden sollen sich trauen zu trauern.

 

Ein kleiner kühler Raum mit dunkel gestrichenen Wänden, an denen übereinander gestapelte Särge stehen, von dessen Vielzahl man überwältigt wird. Von Mahagoni über Kiefer bis hin zur Esche, verziert oder einfach, gebürstet oder glänzend. Am Ende des Zimmers steht ein Schreibtisch. Dahinter ein Regal, das gebogen durch die Last der 50 Urnenarten, aufgereiht wie im Kaufhaus, fast zu zerbrechen droht. Und da sitzt er, ein älterer Herr mit weißen Haaren, der seinen verschlissenen schwarzen Anzug wie eine Uniform trägt. Das sind die Bilder die manchen beim Gedanken an ein Bestattungshaus in den Sinn kommen.

 

Doch im Bestattungsinstitut "Lebensnah" in Potsdam in der Kurfürstenstraße ist das anders. Von außen verschmilzt das Geschäft mit den Backsteinhäusern, die links und rechts von ihm für ein idyllisches Stadtbild sorgen, und es wirkt auf Vorbeigehende unauffällig. Lediglich das große Firmenschild "Lebensnah - individuelle Bestattungen" lässt darauf schließen, was sich hinter diesen Mauern verbirgt. Beim Betreten des Raums wird man stutzig. Man steht in einem minimalistisch eingerichteten hellen Zimmer, das durch zwei große Fenster die Sonnenstrahlen einfängt. Die Einrichtung besteht lediglich aus einem kleinen Tisch an der Wand, um den herum vier bunte Stühle verteilt sind. Im hinteren Teil des Ladens befindet sich eine weitere Sitzgelegenheit, die etwas vor den Blicken anderer geschützt ist. Keine Särge, Urnen oder ähnliche mit dem Tod assoziierte Objekte fallen einem ins Auge.

 

Hier arbeiten Mitarbeiter, die mit einer stillen Präsenz den Trauernden in ihrer schwersten Stunde beistehen. Die Stille wird nur von leisen Schritten und sanften Worten des Trostes gebrochen, die sorgfältig gewählt werden. Dieses Unternehmen für individuelle Bestattungen wurde 2016 von Eric Wrede gegründet. Er verleiht den Bestattungen Individualität, indem er die Hinterbliebenen stark in die Gestaltung der Beerdigung einbezieht und in seiner Trauerbegleitung individuell auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen eingeht.

 

Mit seinen tätowierten Armen stellt der großgewachsene, braunhaarige Mann nicht gerade das Bild dar, das die meisten von einem Bestatter haben. Das Leben des gebürtigen Rostockers nahm eine 180-Grad-Wendung, als er mit Mitte dreißig beschloss, seine Karriere als erfolgreicher Musikproduzent und Geschäftsführer eines Radiosenders aufzugeben. Er begab sich auf die Suche nach einem neuen Sinn für sein restliches Leben. "Dass das Bestatter geworden ist, damit hätte ich, glaube ich, auch nicht gerechnet", gibt Wrede zu und sagt lächelnd: "Ich sehe mich heute als der glücklichste Mensch, der ich sein kann, obwohl der Weg dahin ein steiniger war."

 

Als er seinen Freunden und seiner Familie von den Plänen, Bestatter zu werden, erzählte, hielten diese ihn für "bekloppt" und nahmen ihn zunächst nicht ernst, erklärt er. Solche Reaktionen hielten ihn jedoch nicht davon ab, ein Praktikum in einem klassischen Bestattungshaus zu absolvieren. Mit dem Ziel vor Augen, so seriös wie möglich zu wirken, begann er damit, seine Tattoos immer zu verbergen. Denn obwohl er den Praktikumsplatz schon hatte, musste er vor Ort zunächst beweisen, wie ernst ihm seine Entscheidung war. Später hat Wrede auch eine Ausbildung zum Trauerbegleiter gemacht. Nach einem Blick hinter die Kulissen und der Identifizierung aller Defizite, die diese Branche seiner Meinung nach aufwies, beschloss er, selber ein Unternehmen zu gründen. "So wie das jetzt mit den Abschieden läuft, kann das nicht im Sinne aller sein. Wir müssen anfangen, da zusammen was zu überdenken." Jetzt, sieben Jahre später, hat sein Unternehmen vier Standorte für individuelle Bestattungen. Neben Potsdam sind das Berlin, Leipzig und Bonn. Sein Ziel ist es, einen physischen und mentalen Raum zu schaffen, in dem man sich traut zu trauern. "Der erste Schritt, um zu trauern, ist, anzuerkennen, was passiert ist. Sobald dieser Raum und diese Selbsterkenntnis geschaffen wurden, habe ich meinen Job gut gemacht", sagt der 43-Jährige stolz. "Trauern ist nicht das Problem, es ist die Antwort."

 

Wie sich aus dem Namen "lebensnah" schließen lässt, geht es Wrede nicht primär um die perfekte Inszenierung der Beerdigung. Er fokussiert sich auf die Lebenden und hat es sich zur Aufgabe gemacht, deren Trauer Raum zu geben und zu lindern. Auf die Frage, was der tägliche Umgang mit Tod und Trauer mit seiner Psyche mache, sagt er: "Trauern ist für mich nur ein Äquivalent zur Liebe. Ich bin täglich mit Leuten zusammen, die lieben und geliebt werden, und das ist eher etwas Bekräftigendes für mich." Wrede wollte seine Unterstützung für die Hinterbliebenen nicht bei der Trauerüberwindung und Bestattungsplanung enden lassen.

 

Zusammen mit Jasmin El-Manhy und dem Stephanus Kinderhospizdienst gründete er die Initiative "Kindertrauer Berlin", in der Kinder Schritt für Schritt an eine Trauersituation herangeführt werden. Ab dem Zeitpunkt der Erkrankung eines Familienmitglieds bis hin zum Verlust desselben können die Kinder dort von professionellen Betreuern und Ehrenamtlichen betreut werden. Es gibt verschiedene Angebote, die eine Auseinandersetzung mit solchen Situationen erleichtern sollen. Die Kinder können psychosozial begleitet werden, ob mit Familie oder ohne. Außerdem besteht das Angebot, die Kinder auf eine Beerdigung vorzubereiten und sie auch währenddessen zu begleiten. In der Hoffnung, diesen Themen den allgemeinen Schrecken zu nehmen, schrieb Eric Wrede das Buch "The End: Das Buch vom Tod", in dem er über sein Leben und seine Erfahrungen berichtet. Zudem führt er einen Podcast für Radio 1 "The end - Der Podcast über Leben und Tod", in dem er mit Gästen offen über schwere Themen und Situationen spricht. "Es soll animieren zu sprechen, denn die Basis allen Übels ist, dass Leute nicht miteinander kommunizieren und das gerade über extreme Situationen", erklärt der Familienvater.

 

Wrede bereut seine lebensverändernde Entscheidung bis heute nicht. "Ich verdiene Geld mit dem, was ich mache, und ich mache das gerne, also mehr kann ich mir jetzt auch nicht wünschen. Das ist schon extremer Luxus, glaube ich." Dann fügt er hinzu: "Und es gibt, glaube ich, auch noch genug zu tun, also im Sinne von zu verändern. Ich habe jeden Tag mit Menschen zu tun, die so voller Liebe sind, dass ich immer denke, warum haben sie die nicht jeden Tag?"

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2024, Nr. 72, S. 26 - CHARLOTTE KLEINE, Schadow-Gymnasium, Berlin

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