Wie man verlorenen Boden gut macht

Ein Thurgauer über Regenerative Landwirtschaft


Draußen ist ein heißer Junitag, doch es regnet in Strömen. Auf dem Birkenhof in Diessenhofen im Westen des Kantons Thurgau geht Markus Weber den Herausforderungen der Regenerativen Landwirtschaft nach. Der Landwirt mittleren Alters sitzt am Esszimmertisch in seinem kleinen roten Wohnhaus auf dem Hof und erzählt von seiner Arbeit.

 

Vor zehn Jahren hörte er zum ersten Mal von der Regenerativen Landwirtschaft. Diese ist um Biodiversität und ein aktives Bodenleben bemüht, also um viele Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze oder Würmer und Spinnen im Boden. Weber bemerkte, wie die Böden immer mehr Behandlung brauchten für denselben Ertrag. Keineswegs sei dabei die Regenerative Landwirtschaft eine Garantie für Fruchtbarkeit, ganz im Gegenteil. Er hatte auch schon Erfahrung mit Mindererträgen. Genau deshalb sei der Austausch über Methoden mit anderen Bauern aus der Umgebung wichtig. Learning by doing. "Es git Grundprinzipie, wo mä sich dra haltet, aber es wird nonig vermarktet. Es isch freiwillig, und ich finds au guet, dass es offe isch und sich chan entwickle i alli Richtige." Zu diesen Prinzipien gehört die Regeneration des Bodens, wobei das Bodenleben mit dessen Biodiversität im Zentrum steht und die Nachhaltigkeit. Die Böden sollten auf eine schonende Weise genutzt werden, sodass nachfolgende Generationen von den Böden profitieren können. Der Vater von zwei Jungen berichtet auch von Schädlingen. Seine Erfahrungen zeigen, dass diese mit der Pflanzenernährung zu tun haben. Je gesünder die Pflanzen wachsen und sich ernähren, desto weniger haben sie mit Ungeziefer zu kämpfen. "Bei geschwächten Pflanzen kommen die Schädlinge sofort." Trotzdem sei schädlingsfrei sehr schwierig. Bei Fällen von schwerem Pilz- oder Mehltaubefall müssen Teile der Ernte auf dem Acker liegen bleiben.

 

Das meiste Gemüse verkauft Weber direkt an Privatpersonen. Dort tun sich auch Schwierigkeiten auf. "Leute sind einen gewissen Standard vom Großverteiler gewöhnt." Dementsprechend kann er nicht alles verkaufen, auch wenn "es mol es Schneggli oder ä Luus meh mag verlide". Irgendwann ist das Gemüse den Kunden durch den Weiterverarbeitungsaufwand nicht mehr zuzumuten. Der Biolandwirt kommuniziert seinen Kunden jedoch bewusst, wenn das Gemüse mal etwas anders aussieht. Wenn seine Mitarbeiterin gerade nicht da ist, kümmert er sich außerdem um seine Pferdepension. Die Pferde spielen eine wichtige Rolle beim Gelingen seiner Regenerativen Landwirtschaft. Bei dem sogenannten Mob Grazing bleiben Webers Pferde nicht so lange auf derselben Weide stehen, bis alles weggefressen wurde, sondern sind nur jeweils einen Tag auf einer kleineren Parzelle. So kann das Gras deutlich höher wachsen, und nur ein Teil des Grases wird gefressen, ein anderer niedergetrampelt. Diese Methode bietet mehrere Vorteile. Zusammen mit dem Pferdemist entsteht eine Mulchschicht, die das Bodenleben schützt. Der andere Teil des Mists wird als Dünger für verschiedene Saaten verwendet oder zusammen mit kohlenstoffhaltigen Komponenten wie Stroh zu Kompost weiterverarbeitet. Nebenbei fördert dieses System die Insektenvielfalt auf und im Boden. Das Verfahren des Mop Grazing stammt vom Weideverhalten von Wildtierherden in der Savanne. Seit Jahrzehnten dient es in Nordamerika und im südlichen Afrika, um die Ertragsstabilität in Trockenperioden zu gewährleisten.

 

"Mehr Nährstoffe gehen vom Hof weg, als dass sie dazukommen." Für die Regenerative Landwirtschaft macht dieser Satz von Weber Sinn: Ein intaktes Bodenleben macht künstlichen Dünger überflüssig und somit die externe Anschaffung von Nährstoffen, die das Mikrobiom in seiner Erde selbst produzieren kann. Wenn der Boden fruchtbar ist, geht das auf. Mit Dünger könnte der Landwirt theoretisch aus einzelnen Pflanzen noch mehr herausholen; das sei aber nicht das Ziel seiner Arbeit, erwähnt Weber.

 

Die Fruchtfolgeplanung gewinnt an Bedeutung, Weber verfolgt das Ziel, den Boden nie brach liegen zu lassen. Sonst würden die Bodenorganismen verhungern. Das geschehe entweder durch Zwischenfrüchte, also Saaten, die zwischen den Hauptsaaten gesät werden, oder durch Untersaaten. Diese sät der Mann mit den kurzen braunen Haaren gleichzeitig wie die Hauptsaat, sie wachsen tiefer. Wenn die richtige Saat geerntet wird, kommt die neue schon nach, der Boden muss nicht erneut bearbeitet werden. Kleine Parzellen beim Gemüseanbau erlauben es Weber, auf die Biodiversität zu achten und Monokulturen zu vermeiden. Auf jeder Parzelle wächst eine neue Gemüsesorte, dazwischen befinden sich Blühstreifen. Weber ist überzeugt, dass es wichtig sei, dass manche Landwirte konventionell arbeiten, um die Versorgung sicherzustellen, aber es eben diejenigen gebe, die immer wieder Neues ausprobieren. "Mä dörf keis verurteile vo beidem, es het beides sini Berechtigung."

 

Er betont, wie wichtig es sei, die Gesellschaft miteinzubinden und sie über die Zukunft der Böden aufzuklären. Laut Weber müssen wir von unserem marktorientierten Denken herunterkommen. Er als Biobauer würde nicht weniger Umsatz machen, da er seine Ernte teurer verkauft. Das gleicht sich damit aus, dass bei seiner Landwirtschaft mehr Ernteausfälle anstünden als beim konventionellen Bauern, der seine Waren dafür günstiger anbietet. Eine der größten Gefahren sieht er bei der Wüstenbildung. Besserung sei erst in Sicht, wenn die Produktion nicht mehr auf Hochkonsum, Wachstum und Umsatz ausgerichtet ist. Er betont, dass es schon viele Betriebe auch in der näheren Umgebung gebe, die freiwillig nach Verbesserungen suchten und auch auf den letzten Franken verzichteten.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2024, Nr. 66, S. 26 - Anika Rüttimann Kantonsschule Kreuzlingen

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