Die Slowenin Tjasa Lesjak wurde 2022 die erste Harmonika-Weltmeisterin
Im Alltag fällt Tjasa Lesjak kaum auf. Die 22 Jahre alte Krankenschwester aus Velenje in Slowenien beschreibt sich als "etwas schüchtern und zurückhaltend". Sogar das Symbol ihrer Leidenschaft trägt sie versteckt an der Innenseite ihres rechten Unterarms: einen tätowierten Violinschlüssel, der in einen Bassschlüssel übergeht. Doch wenn Lesjak zu ihrem Instrument greift, ist sie kaum zu stoppen. 2022 wurde sie Weltmeisterin mit der Steirischen Harmonika, einer diatonischen Knopfharmonika. Selbst das schnelle Stück "Furije" in der Bearbeitung von Roland Mahnic hatte sie spielerisch im Griff.
Die mittelgroße Musikerin trägt schwarze Jeans und einen grauen Pullover. Ihre hellbraunen Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Weltmeisterin habe sie schon immer werden wollen. "Als kleines Kind habe ich bereits zugesehen, wie große Musiker bei Wettbewerben um Preise kämpften." Trophäen würden sie jedoch nicht interessieren, "sondern die Bestätigung, auf einem richtigen Weg zu sein, dass man etwas besser kann als andere". Ihr Talent sei ihr in die Wiege gelegt worden. "Als Kind stand ich vor dem Fernseher und habe angeblich zur Musik mit meinem Po gewackelt", sagt sie lachend. Auch ihre Mutter spielt Harmonika, ihre Schwester singt, ihr Bruder spielt Bassgitarre. "Mir wurde schon früh gesagt, dass ich Talent für die Harmonika habe." So wurde sie von den Eltern in der ersten Grundschulklasse in einer Musikschule angemeldet und nahm bald an Wettbewerben teil. Sie ist zweifache slowenische Landesmeisterin, wurde 2024 Gewinnerin des Avsenik-Preises für Oberkrainer-Musik und 2022 als erste Frau Weltmeisterin. Vor ihr hatten nur Männer den Titel gewonnen, fünf aus Österreich, drei aus Italien, einer aus Deutschland und drei Slowenen. "In unserem Land gibt es einfach viele gute Harmonikaspieler. Das Instrument ist Teil unserer Kultur und Geschichte." Lesjak ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. "Man hört die Volksmusik von Kindheit an und fast überall, auch bei der Arbeit auf den Feldern, früher etwa aus einem kleinen Radio. Und fast bei allen Festen und Partys ist auch heute noch meistens ein Akkordeonspieler dabei." Doch Herkunft und Talent reichen für den Erfolg nicht aus. "Disziplin ist wichtig, dass man ein Ziel hat und hart darauf hinarbeitet." Als Kleinkind spielte sie auf einem Plastikakkordeon, bevor sie später ein Instrument "mietete, um herauszufinden, ob es zu mir passt, bevor ich dafür viel Geld ausgebe". Heute spielt sie ein Instrument, das extra für sie angefertigt wurde. Es kostete 7000 Euro und ist weitgehend wie jede andere diatonische Harmonika aufgebaut.
Auf der linken Seite die Knöpfe für die Bässe, rechts die Diskant- oder Melodieseite. "Die einzige Besonderheit ist, dass ich auf der rechten Seite mehr Halbtöne habe, nämlich zwölf, und auf der linken 18 Bässe, wo es normalerweise nur zwölf gibt. Man kann dadurch in Dur und Moll wechseln und andere Rhythmen spielen, was mit einer gewöhnlichen Harmonika nicht immer möglich ist." Zusammen mit Zlatko Munda, dem slowenischen Hersteller ihres Instruments, hat sie eine solche Harmonika patentieren lassen. Besonders bei der Weltmeisterschaft habe ihr deren Besonderheit geholfen. "Da waren 35 Teilnehmer aus aller Welt. Wir waren damals vier junge Frauen am Start." Die Jury bewertete nach technischen und musikalischen Kriterien, nach dem Verständnis für die Stilistik und dem künstlerischen Gesamteindruck. "Man musste vier Stücke in maximal 15 Minuten spielen, zwei aus der eigenen Volksmusik, und zwei konnten aus Jazz, Blues, Latino, Rock 'n' Roll, Swing oder Klassik sein. Diese kann man aber kaum mit einer klassischen Harmonika spielen. Ich musste mir die Rhythmen auch extra aneignen, habe aber festgestellt, dass mir einige davon noch mehr liegen als die Volksmusik."
Für den Wettbewerb bereitete sie sich mit einem genauen Plan vor. "Ich trainierte vier Monate lang etwa drei bis vier Stunden pro Tag. Oft spielte ich vier Stunden lang nur zwei Lieder, um zu wissen, wo die Akzente und die Dynamik liegen. Manchmal verarbeite ich ein Stück auch nur gedanklich, spiele es in meinem Kopf, um es zu verinnerlichen. Dein Körper kann ein Stück dann auch auf seine eigene Weise, geradezu automatisch spielen, auch
wenn du in deinem Kopf nervös bist." Dabei habe sie längst ihren eigenen Stil entwickelt. Der sei eher sanft, nicht so kräftig wie bei anderen. Vor jedem Wettbewerb pflegt Lesjak Rituale. "Jeden Abend bete ich ein Vaterunser, um mich zu beruhigen. Denn die Atmung ist sehr wichtig. Und ich gehe dann noch einmal alle Stücke, die ich habe, in Gedanken durch. Am Tag des Wettbewerbs ist es sehr wichtig, dass ich kein Handy zur Hand habe, damit mich nichts ablenkt. Ich gebe es meinen Eltern, meinem Freund oder meinem Lehrer. Ich unterhalte mich auch nicht mit anderen Teilnehmern. Denn bei uns gibt es eine große Rivalität und Leute, die absichtlich deine Konzentration stören möchten." Wenn sie so vorbereitet ist, sei Lampenfieber kein großes Problem mehr. Bei der Weltmeisterschaft saßen ihr neun Juroren gegenüber, "der große Saal war voll. Ich hatte deshalb aber doch Angst, weil man nach der Bekanntgabe als Sieger noch einmal spielen muss, um den Sieg zu rechtfertigen. Wenn man dann was falsch macht, denken alle vielleicht: Warum hat die denn gewonnen?"
Ihre Selbstdisziplin ist mittlerweile so groß, dass sie sich von Überraschungen nicht mehr aus dem Rhythmus bringen lässt. "Bei einem Wettbewerb im Freien hatte ich gerade angefangen zu spielen, als mich eine Wespe stach. Ich erschrak, habe kurz gestoppt und einfach bis zum Ende weitergespielt. Ich habe sogar diesen Wettbewerb gewonnen", erzählt sie lachend.
Für ihre Hobbys Bergwandern, Radfahren, Kochen und Abhängen mit Freunden bliebe ihr kaum Zeit. "Aber meine Klassenkameraden haben mich die ganze Zeit ermutigt, denn ich gehöre zu der Generation, in der die diatonische Harmonika einen Boom erlebte. Niemand hat mich dafür verspottet, dass ich als Mädchen Akkordeon spielte. Alle fanden es cool." Jetzt möchte sie noch ein wenig ihre Jugend genießen. "Meine erste CD ist in Arbeit, sie wird den Abschluss meiner Wettkampfkarriere markieren." Sie möchte Akkordeonlehrerin werden, so wie ihr Trainer Nejc Pacnik, der 2015 Weltmeister wurde.