Skisprung erfordert Mut. Marius Sieber ist ein junger Schweizer Überflieger. An seinem Sportgymnasium gibt es das Pilotprojekt "Blended Learning".
Alles, was fliegt, interessiert mich. Flugzeuge zum Beispiel, das ist etwas Spannendes", sagt Marius Sieber, während er in seinem Zimmer auf dem Gaming-Stuhl seine Runden dreht. Hinter dem schlanken Zwanzigjährigen befindet sich ein monströses Computer-Setup. An der Wand hängen unzählige Skisprunganzüge. Seine Familie lebt in Grüt, einem Dorf im Kanton Zürich. Marius' Begeisterung fürs Skispringen nahm 2014 ihren Anfang, als er zufällig an einem kleinen Skisprungwettkampf in Gibswil vorbeifuhr. Er habe es cool gefunden zuzuschauen. Kurz darauf war er bereits voll dabei. "Beim ersten Training habe ich es auf sieben Meter geschafft. Danach bin ich schnell auf die großen Schanzen gekommen. Ich habe immer gefragt: Darf ich auf die große, darf ich auf die große?"
Seine braunen Haare sind nach hinten gestylt. Als professioneller Skispringer im Swiss-Ski C-Kader absolviert er mittlerweile längere Sprünge. Die Kader A, B und C sind in zwei Trainingsgruppen aufgeteilt. Er trainiert in der zweiten Gruppe und absolviert somit Wettkämpfe im Kontinentalcup, der zweithöchsten Liga der Welt, und im FIS-Cup, der dritthöchsten Liga. In jeder Liga springen etwa 50 Athleten, und die Trainingsgruppe 1 tritt im Weltcup an. Marius gehört zu den besten Springern der Schweiz.
Die Saison startet im April mit einigen Wochen Krafttraining. Danach geht Marius bereits das erste Mal auf die Schanze. Im Sommer fangen die Sommerwettkämpfe an, und im Oktober geht es weiter mit diversen Trainings. "Im November ist die Schneesuche, dann gehen wir möglichst an einen Ort, an dem es Schnee hat." Beispielsweise nach Falun in Schweden. Von Anfang Dezember bis Ende März absolviert er fast jedes Wochenende einen Wettkampf. "Das war ein bisschen ein Problem mit der Schule, dort habe ich dann einfach gesagt: Ade, merci, und ich komme im April wieder." In seiner ersten Profisaison habe er nun viel mehr Zeit für Regeneration, was auch immer wichtiger werde, da er gleichzeitig mehr trainiere.
Marius hat 2024 die Matura am Sportgymnasium K+S Rämibühl in Zürich absolviert. Speziell für Sportler hatte die Schule ein Pilotprojekt namens "Blended Learning" gestartet, eine Mischung aus Präsenz- und Fernunterricht. "Das hat sehr geholfen. Man musste nur noch drei Tage pro Woche in die Schule, und weil ich für die Wettkämpfe viel unterwegs war, habe ich die Schule sogar nur noch zwei Tage pro Woche besucht." An den Tagen ohne Präsenzunterricht musste er eigenständig Aufträge erledigen. Für seine Maturaarbeit beschäftigte er sich auch mit dem Skispringen. Er definierte eine mathematische Funktion, die einen Sprung beim Skispringen beschreibt. Dazu schrieb er ein Computerprogramm, das die Ableitung dieser Funktion berechnet, um die optimalen Parameter für einen perfekten Sprung zu ermitteln.
Zu den größten Erfolgen seiner Karriere zählen der 12. Platz beim Europäischen Olympischen Jugendfestival in Slowenien 2023 und der 5. Platz im Teamwettkampf bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Slowenien. "So ein gutes Resultat hatte die Schweiz noch nie im Mannschaftswettbewerb bei einer Junioren-Weltmeisterschaft." Weitere Erfolge 2023 waren der 16. und 17. Platz beim FIS-Cup in Kandersteg sowie der 30. Platz beim Kontinentalcup in Japan. "Einer vor mir wurde disqualifiziert, und da habe ich es gerade noch geschafft. Der 30. Platz ist sehr wichtig für uns, weil es ab dort Punkte gibt." Tritt man beispielsweise im FIS-Cup an und erreicht dort den 30. Platz, darf man im Kontinentalcup springen. Das Gleiche gilt mit dem 30. Platz im Kontinentalcup.
Marius war schon in Kanada, Japan und vielen europäischen Ländern. Auch in Planica, Slowenien, wo sich die größte Skisprunganlage der Welt befindet. "Es ist ein Nationalpark, bei dem alles geschützt sein muss, aber trotzdem stehen dort sechs Schanzen. Der Rest ist Wald."
Das Team und seine Trainer sind ihm wichtig. "Hört auf euren Trainer! Man hat als Athlet immer wieder das Gefühl, dass man es besser weiß. Trainer aber haben jedes Problem, das du hast, schon zwanzig Mal gesehen und wissen, wie man es angehen soll. Du hast deine eigenen Probleme zum ersten Mal." Skispringen ist eine Solosportart. "Wir sind Einzelsportler, aber trotzdem immer als Team unterwegs." Es sei etwas Schönes, zusammen die Welt zu bereisen. "Nach einem Wettkampf saß ich einmal bei den Norwegern im Hotelzimmer und trank mit ihnen ein Bier." Souvenirs zu ergattern, gehört zu seinen Leidenschaften. "Ich bekam ein polnisches T-Shirt und einen norwegischen Pulli. Dafür hatte ich ein Schweizer Jäckchen weniger." Bei einer Jugend-WM ergatterte er einen kuscheligen Pullover. "Wir vom Schweizer Team hatten sehr komische Sonnenbrillen an, die so viel Aufmerksamkeit erregten, dass am letzten Abend jemand aus einem anderen Team zu uns kam und fragte, ob er eine haben könnte."
Zu Hause ist es wichtig, dass er seinen Körper regeneriert. "Den Rest der Zeit brauche ich zum 3-D-Modellieren, um Sachen zu bauen und um das Skisprungmaterial zu ändern. Wir haben viel Equipment." So modelliere er Teile für seine Ausrüstung. Er brauche viele maßgeschneiderte Anzüge, weil diese mit der Zeit luftdurchlässig werden. Für sie gibt es unzählige Regeln. So muss der Anzug am Bauch perfekt passen und darf keinerlei überschüssigen Stoff haben. Mehr Stoff würde bedeuten, dass er mehr Fläche hätte, was in der Luft wie ein Segel wirken kann. Marius ist gerne am 3-D-Drucker. So hat er schon für den Skispringer Simon Ammann angepasste Teile für dessen Schuhe designt und gedruckt sowie für alle Schweizer im Weltcup eine Verhärtung für den Schuh. Solche Modifikationen am Material müssen wegen der Sicherheit und der Regeln geprüft werden. "Ich verbringe Zeit mit Programmieren, weil ich aus Spaß die Maturaarbeit weitermache." Zur Abwechslung spielt er mit seinen Freunden Videospiele oder dreht eine Runde im Flugsimulator am PC.
Im Frühjahr hat Marius für 18 Wochen die Schweizer Sport-Rekrutenschule (RS) absolviert. Diese gilt theoretisch als obligatorischer Militärdienst, ist aber praktisch Sport. Im Jahr werden 70 Athleten aufgenommen, die die größten Medaillenchancen haben. Dies wird von Swiss Olympic bewertet. "Mein Ziel ist es, mich nach der RS im Weltcup zu etablieren. Danach folgen 2029 die Weltmeisterschaft und 2030 die Olympischen Winterspiele in den französischen Alpen. Dann werde ich mit 25 Jahren im perfekten Alter sein. Dort ist das Ziel, eine Medaille zu gewinnen."