Ein 15-Jähriger nimmt 30 Gipfel in 30 Tagen im Grenzkanton Graubünden ins Visier.
Der Neuschnee knirscht unter den Füßen. Die klirrende Kälte an diesem späten Winternachmittag im Oberengadin erinnert an die Gemälde von Giovanni Segantini, dem Meister der Hochgebirgslandschaft. In Daunenjacke, Moonboots, Schal und Mütze geht es dem Morteratschgletscher entgegen. Das Gesicht spannt sich, die Haut fühlt sich ausgetrocknet an. Man friert sich hier den Hintern ab. Und das alles für ein Gespräch mit Lars, kaufmännische Lehre, Bergsteiger und mein kleiner Bruder - am Ort seiner Leidenschaft. Der 18-Jährige stapft neben mir, als wäre er aus der Stadt Zürich in dieses alpine Hochtal gefallen: weiße Sneaker, zu große Jeans, eine Trainerjacke und eine verkehrt herum getragene Schirmmütze. Kältegefühl: Fehlanzeige.
Was hat ihn nur bei seinem jüngsten Projekt angetrieben? 30 Tage unterwegs in der Grenzregion der Schweizer Alpen, mit Tourenski, Eispickel, Mountainbike und Biwakzelt - freiwillig, unaufgefordert. Wozu? "Die Idee dazu entwickelte sich am Geburtstag meiner Großmutter", erzählt er. "Ich saß am Tisch und musste mir von der Verwandtschaft langweilige Fragen zu Schule, Hausaufgaben und meinen Plänen gefallen lassen. Dabei kam auch heraus, dass mir immer noch das Projekt für die Abschlussarbeit fehlte. Mein Großonkel, begeisterter Alpinist und Biker, brachte den Gedanken auf, die Schweiz zu umrunden. Die Grenze sei zu lang, entgegnete ich, und die Zeit dazu würde fehlen. Aber die Idee dahinter ließ mich nicht mehr los." So begann Lars den Umfang einzugrenzen: 30 Gipfel im Grenzkanton Graubünden in 30 Tagen. Eine weitere Herausforderung: erfahrene Bergpartner finden, die Zeit haben, ihn zu begleiten. Er wurde fündig, bei seinem Großvater, einem leidenschaftlichen Alpinisten. Nun aber meldete seine Schule Bedenken an: Fragen zu Verantwortlichkeiten auf den Touren, zur Sicherheit und fehlenden Zeit für die Umsetzung. Ungeachtet der Vorbehalte startete Lars mit einer Probetour Ende Dezember 2021 auf den italienischen Grenzberg Monte Breva. Von dieser Tour zurück und alles gut dokumentiert, erhielt er Anfang Januar von seiner Schule grünes Licht.
Lars legte los. Projektabschluss war Juni, Bergfrühling in den Alpen. Die Vorbereitung habe viel Planung erfordert. "Ich hatte ein Mountainbike und eine Kletterausrüstung, den Rest suchte ich im Ferienhaus zusammen. Ich wollte für jede Herausforderung gewappnet sein", erzählt er mit einem Funkeln in seinen blauen Augen. Die Vorbereitungen waren für ihn als "Chaoten" vermutlich fast der strengste Teil. "Ich habe viele Höhen und Tiefen durchlebt. Das Wetter und der fehlende Schnee haben meinen Zeitplan durcheinandergebracht." Aus Skifahren wurde Skitragen. Die Projektdauer von fünf Monaten zerrann. Bei einer Tour habe er wenige Meter vor dem Gipfel aufgeben müssen, er war am Ende. "In den Bergen lernte ich meine Grenzen kennen", berichtet er über das Scheitern am Piz Ursera. "Zu viele Geröllfelder und zu wenig Schnee: Ich kam nicht vom Fleck." Ein anderes Mal biwakierte er in einem Hochtal. Es war eine sternenklare, eiskalte Nacht, neben einem kleinen Bergsee. "In solchen Momenten vereinen sich für mich Glück und Freiheit."
Er kommt ins Schwärmen, als sich die Wolken lichten und die Berninagruppe im Abendlicht erstrahlt. Drei große geometrische Eisformationen erscheinen am Horizont: der Piz Palü. Die größte und zugleich schönste Herausforderung bei seinem Projekt sei die Winterbegehung mit Skiern dieses Berges gewesen. "Zehn Stunden im Neuschnee abrackern, totale Erschöpfung und gleichzeitig ein unfassbares Glücksgefühl." Lars hat sich nicht nur körperlich verändert. Er ist gewachsen, in seinen Ansichten und Träumen. Was hat ihn damals am meisten gefesselt? "Die Weite und das Ungewisse der Touren und trotzdem im Einklang sein mit allem. Es gibt Momente, in denen man nichts hört, außer den eigenen Atem und das Knirschen der eigenen Schritte. Die Alpen und das Gefühl, ein Teil davon zu sein, sind für mich wie eine Art chillen. Du hast einfach Zeit, kein Smartphone, keine Games, einfach nur die unendliche Weite im Einklang mit den Alpen." Es habe Tage gegeben, an denen er ans Aufgeben dachte: kein Bock mehr. "Aber genau dann entdeckte ich gerade in den Bergen, wozu ich wirklich fähig war."
Und dann ist der Morteratschgletscher endlich da. Die schneebedeckten Gipfel erheben sich majestätisch. Die Aussicht ist atemberaubend. "Am Ende sind es die echten Erfahrungen und Erinnerungen, die dein Leben bereichern", sagt Lars. "Es ist nicht nur die physische Herausforderung, die zählt. Es ist die mentale Stärke. Jeder Schritt, den du gehst, ist eine Entscheidung für den Gipfel, für dein Ziel. Wenn du zu lange stehen bleibst, musst du irgendwann umkehren und eine andere Herausforderung suchen." Bei unserer Rückkehr an der Bahnstation Morteratsch sind die Schatten der Berge länger geworden, die Dämmerung hat sich in die Nacht verwandelt. Eisige Kälte umhüllt einen, sie fühlt sich nicht mehr bedrückend an.