Alles in seinem Leben hat Hand und Fuß

Renato Marni ist achtzehnfacher Taekwondo-Weltmeister

Ich habe ein Ziel, bin diszipliniert, und es gibt kein Abschweifen mehr." So fasst Renato Marni seinen Weg zum Weltmeistertitel zusammen. Marni ist 58 Jahre alt, hat kurze, dunkle Haare mit grauen Ansätzen und ist achtzehnfacher Taekwondo-Weltmeister. Geboren wurde er in Thusis im Kanton Graubünden, aufgewachsen ist er in Domleschg. Er ist "glücklich geschieden" und hat zwei Kinder. Seine Ausbildung zum Koch, die er mit 19 Jahren abschloss, beschreibt er als einzige Katastrophe. "Die Zustände als Lehrling waren zu der Zeit schlimm, Fußtritte und Ohrfeigen sowie zahlreiche Überstunden waren an der Tagesordnung. Nicht ein einziger Tag hat Spaß gemacht." Mit 23 Jahren wechselte er in den Verkaufsaußendienst eines Lebensmittelherstellers, wo er heute noch zufrieden tätig ist. In seiner Freizeit praktiziert und unterrichtet er Taekwondo. Ferner gibt er Seminare zum Thema Winner-Mindset und Einzelcoachings im Bereich Sport und Gesundheit. Sein Wissen hat er in seinem Buch "Durchbruch - Mein Weg zur mentalen Stärke" festgehalten.

 

Taekwondo ist eine koreanische Kampfkunst, die sich durch schnelle Tritte und Fußtechniken auszeichnet. Selbstverteidigung, Fitness und geistige Disziplin werden kombiniert. Werte wie Respekt und Selbstbeherrschung bilden die Basis. Das Wort setzt sich aus Tae (Fuß), kwon (Faust) und do (der Weg/die Lehre) zusammen. Schon in der Primarschule war Marni begeistert vom Kampf. "Ich und mein Kollege vom Dorf haben als Kinder immer wieder Bud-Spencer-Filme nachgespielt, Terence Hill war mein Idol. Seine Unbesiegbarkeit und wie er gekämpft hat." Wie kam er zum Taekwondo? "Mit 17 hatte ich eine körperliche Auseinandersetzung mit Jugendlichen, wo es um Frauen ging. Seit diesem Vorfall wollte ich mich wehren können. Durch Zufall traf ich einen Bekannten, der diesen Kampfsport in Davos betrieb." Ursprünglich habe ein Kanadier Taekwondo in Davos eingeführt. "Das war dazumal, 1984, in Europa noch sehr unbekannt." Marnis Karriere ging steil bergauf. "Für einen Schwarzen Gürtel braucht man erfahrungsgemäß sieben Jahre." Er hatte ihn nach drei Jahren. Dreieinhalb Jahre nachdem er mit Taekwondo angefangen hatte, ging er auf seinen ersten großen Wettkampf nach Nordkorea. "Ich habe verloren und auf den Sack bekommen, ich hatte eine Hirnerschütterung und bin völlig gerädert nach Hause gekommen." All seine Trainingskollegen haben nach dieser Niederlage mit Taekwondo aufgehört. "Nur einer machte mit mir weiter, aber nur in der Technik, nicht mehr im Kampf. Ich blieb der einzige Kämpfer, obwohl auch ich über ein Jahrzehnt lang an keinem großen Wettkampf mehr teilnahm. Mit 35 hatte ich schon den 3. Dan erreicht." Sein Meister habe ihn immer wieder zu überreden versucht, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen. "Doch erst als ich mir einen starken inneren Ruck gab und mein ganzes Leben umstellte, ernährungstechnisch und familiär, konnte ich mich auf eine Weltmeisterschaft vorbereiten. Der Tag kam, und ich holte den WM-Titel." Von da an habe er eine Medaille nach der anderen gewonnen. Neue Disziplinen wie Musikformen und Choreographie kamen dazu. "Das habe ich früher gehasst, da ich ein Kämpfer sein wollte." Auch in diesen Disziplinen gewann er WM-Titel. Im Bruchtest, bei dem Betonblöcke mit der Hand zerschlagen werden, war er ebenfalls erfolgreich. Er motivierte auch das Team, mit dem er trainierte, für große Wettkämpfe. Und sie holten 2013 in Italien eine WM-Goldmedaille.

 

"Wenn man den ersten Meistergrad, den Schwarzen Gürtel im 1. Dan, erreicht hat, kann man weitere acht Dan anstreben." Man müsse viel trainieren, aber das Wichtigste sei, dass man Spaß habe an dem, was man tut. Disziplin und Bescheidenheit gehören ebenfalls dazu. "Dann musst du nicht den Oberhirsch spielen, auch wenn du den WM-Titel bekommen hast."

 

1989 gewann Marni seinen ersten Weltmeistertitel in England. "Da bekomme ich heute noch Hühnerhaut, wenn ich daran denke." Am Anfang sei er auch überheblich gewesen. "Jetzt bin ich Weltmeister, jetzt bin ich der Chef, habe ich mir gedacht." Irgendwann geht es aber auch bergab. Misserfolge gehören zum Sport dazu. "Du lernst immer am meisten, wenn du ganz unten bist." An einer WM werde er nicht noch einmal teilnehmen. Sein oberstes Ziel sei, gesund zu bleiben. "Mein Körper trägt mich hoffentlich noch zwei bis drei Jahrzehnte weiter, da ich nicht in einem Rollator noch Kicks machen möchte." Zweimal pro Woche wird trainiert.

 

Vom Taekwondo konnte er nicht leben. Er musste immer Vollzeit arbeiten. Mehrfach erzielte er Rekordumsätze in seinem Verkaufsgebiet. Mit seinen 20 und 32 Jahre alten Kindern plant er gerne Aktivitäten. Fast alle Mitglieder seiner Familie haben den Schwarzen Gürtel im Taekwondo.

 

Marni kämpft in der Gewichtsklasse bis 75 Kilogramm. Manchmal ist er nervös. Früher hat ihn seine Partnerin begleitet. "Sie hat mich auch nach jedem Kampf zusammengeflickt." Heute begleiten ihn meist Freunde oder auch mal sein Sohn. "2015, an einer Weltmeisterschaft in Spanien, teilten die Richter mich fälschlicherweise in die Schwergewichtskategorie ein. Ich konnte die Kategorie nicht mehr wechseln, da meine schon durchgeführt war. Dann waren dort solche großen Maschinen und ich mittendrin, so ein Stengeli zwischen den Maschinen", erzählt er lachend. Doch er kam ins Finale und erreichte innerhalb von sieben Sekunden einen K.-o.-Sieg und war plötzlich Weltmeister in der Schwergewichtsklasse.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.07.2025, S. 26 - Caroline Seibold. Kantonsschule Trogen

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