Als Mutters Land zusammenfand

Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit: 200 Jahre nach der Französischen findet die Rumänische Revolution statt. Sie beginnt in Timisoara. Drei Zeitzeugen erinnern sich.

Die Rumänische Revolution von 1989 begann in Timisoara. Der Stadt, wo die Menschen zum ersten Mal laut "Jos Ceausescu!" (Nieder mit Ceausescu) riefen. "Es war eine ziemlich graue Zeit. Man konnte nicht viel machen. Ständig fiel der Strom aus. Es gab nichts in den Geschäften. Sicher, ich hatte Freunde, und das rettet dich immer", erzählt Constantin Jinga. Der 56-Jährige ist Theologieprofessor an der West-Universität Timisoara und Priester in einer orthodoxen Kirche. Er hat ein graues Bärtchen und eine schwarze Brille. "Für mich war der Dezember 1989 etwas Unvorstellbares", sagt der 48 Jahre alte Harald Pinzhoffer, Sportlehrer am Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Timisoara. Er hat einen fast kahlen Kopf. "Die Revolution hat mich eigentlich nicht verändert", meint die 63-jährige eher kleine Maria-Eva Novacovici, Reinigungskraft am Lyzeum.


In Timisoara konnte die Bevölkerung Fernsehprogramme aus Ungarn und Jugoslawien empfangen - und verstehen, vor allem die ungarischen und serbischen Minderheiten. Und die Deutschen wussten durch ihre verwandtschaftlichen Beziehungen von den Revolutionen in Osteuropa.


Dezember 1989 (Donnerstag): Jinga ist Philologie-Student, Anfang 20. "Es war eine ganz normale Straße in Timisoara. Ich, ein Rumäne, gegenüber wohnte eine Deutsche, in einem anderen Haus eine Familie, die sowohl ungarisch als auch rumänisch war. Ungefähr in der Mitte gab es eine jüdische Familie. Und am Ende der Straße wohnte eine Serbin." Er hört von einer Freundin, dass sich in der Josefstadt einige Menschen regelmäßig vor einem Haus versammeln. Sie wollten verhindern, dass der ungarische Pfarrer László Tökés, der in seinen Predigten der Staatsmacht zu unbequem geworden war, aus Timisoara verbannt wird. Jinga glaubte damals jedoch, sie würden nur eine religiöse Feier machen. "Ich habe mir darunter nichts Außergewöhnliches vorgestellt. Niemals hätte ich gedacht, dass etwas passieren würde."


Dezember (Freitag): Der 14-jährige Harald Pinzhoffer wohnt in einem Häuserblock neben der Fabrik Electrometal, weil sein Vater dort arbeitete. Der aber lebt seit Jahren nicht mehr bei der Familie. Harald wohnt zusammen mit seiner Mutter, seinem Bruder, der Tante und seinem Cousin. Die Mutter ist Reinigungskraft und die Tante Krankenschwester im Krankenhaus Spitalul Judetean Timis. Wichtig für ihn sind auch seine Großeltern väterlicherseits aus Deutschland, weil sie Pakete schicken, die der Familie über die Runden helfen.


Dezember (Samstag): In Calea Lipovei, wo Harald wohnt, erzählen die Nachbarn, auf den Straßen würden Leute protestieren und "Jos Ceausescu!" rufen. Vom Fenster aus schaut die 38-jährige Novacovici zu den Protestierenden hinunter. Sie ist Roma,

mütterlicherseits. Auf die Frage, ob das für sie damals eine Rolle spielte, antwortet sie: "Nein. Wir waren einfach Rumänen." Ihr Vater ist Deutscher, ihr Mädchenname eigentlich Schneider. Sie hat als Reinigungskraft gearbeitet, ist verheiratet und hat fünf Kinder, alles Mädchen, das älteste ist 18 und das jüngste vier. Sie hat Angst in diesen Tagen, verlässt nicht einmal ihr Haus. Sie bangt um das Leben ihrer Kinder, die ebenfalls zu Hause bleiben. "Ich war geschockt, als ich nachher die zerstörte Stadt sah."


Dezember (Sonntag): Immer mehr Leute protestieren. Da sie von den Fenstern ihrer Wohnung die Demonstranten nicht sehen können, geht Haralds Familie zu den Nachbarn. Zuerst bleibt seine Mutter im Haus, aber etwas später schließt sie sich den Demonstranten an. "Meine Mutter ist für die Ideale der Revolution hinausgegangen." Am frühen Abend wird dann zum ersten Mal in Calea Lipovei geschossen. Harald gerät in Panik. Er wartet und wartet. Die Nachbarn kehren zurück, nicht aber seine Mutter. "Alle liefen, alle versteckten sich, denn man schoss pausenlos." Als ein Mann ins Treppenhaus kommt und ihm sagt, er habe eine Frau mit Brille und lockigem Haar gesehen, die getroffen neben ihm niedergefallen ist, bricht für Harald eine Welt zusammen. "Die Nachbarn haben meine Mutter gefunden. Der Schuss ging ins Herz. Sie ist sofort gestorben. Sie haben mir gesagt, dass sie noch nach ihren Kindern gerufen hat." Nach der Nachricht bleiben er, sein Bruder und sein Cousin allein zu Hause. Die Tante ist noch bei der Arbeit. Sie kommt erst um Mitternacht. "Sie hat uns gesagt, dass ab jetzt sie unsere Mutter sein wird."


Während das Leben von Harald aus den Fugen gerät, erlebt Jinga auf der Straße die Proteste mit einer Kollegin. "Sie war älter als ich, und ihr Kind war im Krankenhaus. Wir wollten dorthin. Um uns herum riefen schon ganz heisere Stimmen 'Jos Ceausescu!'. Die Stadt war damals voller riesiger Plakate mit den typisch kommunistischen Parolen. Beim Pasajul Jiu sah ich eines davon auf dem Boden liegen. Da fühlte ich, dass wirklich etwas passiert."


An der Kreuzung Strada Paris und Bulevardul Republicii versperren Soldaten den Weg zum Zentrum. "Ein Mann rief ihnen mutig zu: 'Ihr seid alle Rumänen. Wir könnten alle eure Brüder, eure Väter, eure Freunde sein. Ich glaube nicht, dass die Armee euch gelehrt hat, auf uns zu schießen. Wenn es aber so ist, dann feuert.' Und er öffnete sein Hemd mit so einer typischen Geste. Die Soldaten machten vier Schritte zurück und begannen auf alle zu schießen. Wie bei einem Exekutionskommando." Jinga springt vor seine Kollegin, um sie zu beschützen, und wird in der Brust getroffen. "Meine Kollegin rief den Soldaten noch zu, sie seien Mörder. Vier Fremde haben mich aufgehoben, einer von ihnen wurde auch getroffen." Von den Fremden wird Jinga ins Kinderkrankenhaus gebracht, wo großes Chaos herrscht. "Ich nahm eigentlich gar nicht an der Revolution teil, denn um ungefähr sieben Uhr war ich schon im Krankenhaus." Er lacht. Jinga wird im Krankenwagen vom Kinder- zum Kreiskrankenhaus transportiert. Er hört, wie die Ärzte sagen, er sei bereits tot. Seine Kollegin sagt dem Arzt, wie er heißt. Der kennt seine Eltern, also wird er ins besser ausgestattete Victor-Babes-Krankenhaus gebracht. Dort kann er operiert werden.


Dezember (Montag): Die Leute protestieren weiter. 43 Leichen werden in Lkw ins Cenusa-Krematorium nach Bukarest gebracht, auf Anweisung von Elena Ceausescu. Man will geheim halten, was wirklich passiert ist. "Man sagte, Verbrecher hätten Fenster zerbrochen, und die Soldaten hätten geschossen, um die Ordnung wiederherzustellen. Daran glaubte niemand mehr", erzählt Pinzhoffer. Da seine Tante auch im Krankenhaus arbeitet und viele Ärzte kennt, hat die Familie Glück im Unglück. "Auf dem Totenschein meiner Mutter stand dann 'Herzversagen'. So blieb der Leichnam zu Hause, und später konnten wir meine Mutter beerdigen. Vielleicht wäre sie sonst auch nach Bukarest gebracht und verbrannt worden, ohne Grab. Irgendwie tröstete mich später die Idee auch, dass meine Mutter schnell und schmerzlos starb, denn sie war vorher schon sehr krank."


Die Krankenhäuser sind voll, auch das, in dem Jinga liegt. "Im Krankenhausbett hatte ich Halluzinationen. Ein Zwerg kam zu mir ins Zimmer und sagte: 'Du kannst nach Hause gehen. Du musst nur laut bis 53 zählen.' Dann würde mir die Krankenschwester meine Kleider geben." Als er 53 schrie, so laut er konnte, erschien eine erschöpfte Krankenschwester und fragte ihn, was er wolle. Er erzählte ihr vom Auftrag des Zwerges. "Anstatt der Kleider bekam ich eine Tablette." Jinga bleibt bis Januar im Krankenhaus. "Wahrscheinlich kam der Zwerg nicht ganz zufällig auf die 53. Es gab in Timisoara eine Diskothek, die ich gut kannte. Sie hieß 53." Auch Novacovici lässt die Revolution nicht los. "Wenn ich die Augen schließe, nachts, sehe ich die zerstörten Fenster und Straßen."


Dezember (Dienstag): Einige Mitarbeiter der Securitate, der rumänischen Staatssicherheit, versuchen ins Krankenhaus einzudringen, um die Krankenakten aller Patienten zu bekommen. Jinga erinnert sich, wie sich der Direktor mit den Sicherheitsleuten stritt. "Als die Ärzte sie nicht hineinließen, erklärten sie kopflos, alle seien verhaftet. Die Krankenschwestern begannen zu lachen und machten einen Witz daraus."


Dezember (Mittwoch): Einige Ärzte aus Ungarn, aus Szeged, kommen nach Timisoara, bringen Bananen ins Krankenhaus. "Jedes Jahr heulen am 20. Dezember um Mitternacht die Sirenen, um die Temeswarer daran zu erinnern, dass ihre Stadt die erste freie Stadt Rumäniens wurde", sagt Pinzhoffer. "Es war der Tag, als die Armee sich dem Volk anschloss und nicht mehr gegen das Volk kämpfte." Nach der Revolution studiert Jinga Theologie. Er wünschte sich das schon zuvor. "Aber während der 'grauen Zeit' konnte man das nicht so einfach." Novacovici arbeitet wieder als Reinigungskraft. Auf die Frage, was die Revolution für sie verändert hat, reagiert sie eher ratlos: "Kaum etwas." Das Leben wird für sie immer schwerer. "Ich verdiene nicht viel. Alles wird teurer. Vor allem die Miete. Aber es ist gut, dass ich tätig bin. Arbeiten ist wichtig." Ein normaler Tag für Pinzhoffer bedeutet heute: "Arbeit, Schule, Fußball, Tochter und das Zuhause." Er ist ein bisschen enttäuscht, dass man langsam alles vergisst. "Weil meine Mutter und andere Leute gestorben sind, genießt jeder heute seine Freiheit. Jedes Jahr kommen immer weniger Menschen zur Gedenkfeier für die Opfer der Revolution."


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.04.2025, S. 26 - Andrada-Zara Chisevescu, Nikolaus-Lenau-Lyzeum, Timisoara

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