Als die Reifen quietschen lernten

Der Geräuschemacher Peter Bräker gilt als Pionier des Sounddesigns in der Schweiz. Auch Surreales kriegt er hin.

Um Geräusche kreativ umzusetzen, braucht es Phantasie. Zum Beispiel könnte man mit einem Kugelschreiber ein Autorennen vertonen", sagt Peter Bräker, während er Tonspuren bearbeitet. Der 66-Jährige trägt Brille und einen orangefarbenen Pelzmantel. Ein kurzgeschorener Bart ist das einzige Haar auf seinem Kopf. An der Wand hängt ein riesiger Bildschirm. Wild wachsende Pflanzen leisten den vielen Gegenständen im Raum Gesellschaft, der sich im unteren Stock seiner Wohnung befindet, mitten in Zürich. Bräker ist selbständiger Geräuschemacher, auf Englisch "Foley Artist", und Sounddesigner. Viele Dinge in seiner Wohnung werden zur Erschaffung von Tönen verwendet, etwa alte Tonbänder, die wie knisternde Herbstblätter klingen.


Für das Aufnehmen der Geräusche hat Bräker eine eigene Tonkammer. In ihr befinden sich verschiedene Untergründe, etwa ein Stück Waldboden, und ein Regal voller Schuhe, um Schritte nachzuahmen. Der Raum wirkt persönlich, überall findet man kleinste Anpassungen. Als Sounddesigner gestaltet Bräker die Gesamtheit der Töne einer Produktion. "Der Sounddesigner ist der Techniker und organisiert die Musik." Manchmal stelle er sogar andere Geräuschemacher an. "Ich arbeite viel mit Samples und Software." Auch weniger teure Anwendungen seien nützlich, anstelle der klassischen Software "Pro Tools", die in der Branche meist verwendet werde. In den 90ern kamen Soft- und Hardware auf, um Töne digital zu bearbeiten. Zuvor arbeitete man noch mit Kassetten. "Früher musste man aufnehmen, und es war mühsam, da man für gewisse Geräusche das Band langsamer laufen lassen musste. Jetzt kann man alles direkt hineinrechnen und sieht, wie ein Ton aussieht."


Es gibt keine herkömmliche Ausbildung zum Geräuschemacher. Bräker ist praktisch der einzige mit dieser Berufung in der Schweiz. Das habe sich so ergeben, da man Geräuschemacher meistens aus Italien, Deutschland und Frankreich hole. Man müsse ein riesiges Geräuscharchiv haben, was vielen den Aufwand nicht wert sei. "Mir hat mal ein Radio geschrieben, sie wollten zu aussterbenden Berufen Interviews machen. Da habe ich gesagt, der Beruf wird nie aussterben." Momentan erkenne man recht gut, was von einer KI stamme und was nicht. Es sei aber auch realistisch, dass der Beruf in den kommenden Jahren so nicht mehr existieren werde. "Meine Ausbildung ist lustig. Ich habe eine Coiffeur- Lehre gemacht, diese aber schnell abgebrochen, weil es doch nicht so meins war." Um das Jahr 1980 sei er per Zufall zum Schweizer Fernsehen gekommen. Sie hätten jemanden gesucht, der mit Klängen umgehen könne. Weil er des Öfteren DJ gewesen sei und an Radios gebastelt habe, sei er geeignet gewesen. Er habe dort Bänder überspielt und den Wind herausgefiltert. "Jeden Tag wurde tonnenweise Material aufgenommen, das ich bearbeiten musste." Geräusche faszinierten ihn schon immer. Als Kind habe er ein Kassettengerät bekommen und damit eine Insel mit Meeresrauschen nachgemacht.


"Parallel dazu war ich Mischungsassistent, wenn am Wochenende die Schauspieler kamen, um die Stimmen für die Gutenachtgeschichten zu sprechen." Da fand er es schade, dass viele Geräusche fehlten, von Gegenständen und Aktionen. "Deswegen habe ich zum Beispiel angefangen, das Mäuschen zu vertonen, das über den Tisch läuft. Tagsüber habe ich fürs Fernsehen gearbeitet und in der Nacht Geräusche für diese Sendungen gemacht." Manchmal sei er bis morgens um drei im Fernsehen geblieben, um die Infrastruktur zu nutzen. "Mit der Zeit wurden Regisseure auf mich aufmerksam, und ich habe am Wochenende nebenbei immer mehr Geräusche gemacht." Dies sei dann irgendwann zu viel geworden. "1990 habe ich beim Fernsehen gekündigt. Eigentlich wollte ich mit einem Freund Secondhand-Platten verkaufen, aber für mich war das zu viel Büroarbeit." Da habe er in seinem Keller eine Kabine eingerichtet, um Töne aufzunehmen. Wenn er nicht an einem Projekt arbeitet, macht er Musik. Als Abwechslung unternimmt er Ausflüge mit Freunden. "Ich hatte zwar Beziehungen, aber weil ich schon immer sehr jobbezogen war und das ein bisschen wie mein Hobby ist, hat es nicht funktioniert. Gegenüber meiner Freundin wäre das nicht fair gewesen. Geräusche zu machen war für mich wichtiger." Heute lebt er mit seinen zwei Katzen in seiner Wohnung.


2021 gewann Bräker den Schweizer Filmpreis für das Sounddesign von "Nemesis", einen Dokumentarfilm des Regisseurs Thomas Imbach. Der Film handelt vom Abriss eines Bahnhofs und dem Neubau eines Gefängnisses. "Das Schöne ist, dass der Ton lange gar nicht prämiert wurde." 2021 dann zum ersten Mal, und im selben Jahr habe er gewonnen. "Es war eine Mischung aus realistischen und surrealen Geräuschen. Für die Kräne habe ich beispielsweise in einen Apfel reingebissen." Imbach sei für ihn ein Vorbild, wegen seiner Ideen. Er habe ihm lediglich einen leeren Film geschickt, den er zu vertonen hatte. "In den Dokumentarfilmen filmt man zum Beispiel Ameisen. Diese hört man aber nur, wenn man Kontaktmikrofone benutzt oder ganz genau hinhört." Speziell in Dokus über Tiere werde vieles im Nachhinein vertont, da es nicht aufgenommen werden kann. "Wenn man für Aufnahmen von Löwen hineinzoomt, kommt man mit dem Mikrofon niemals so nahe hin. Man muss also das Atmen und das Essen von Fleisch nachmachen." Zudem existierten einige Töne im echten Leben gar nicht, die trotzdem benutzt werden, um einen dramatischen Effekt zu erzielen oder weil sie vom Zuschauer erwartet werden. Quietschende Reifen im Schnee zum Beispiel. "Viele Fakten sind in solchen Szenen egal, weil es so kurz ist." Unrealistische Geräusche könnten aber auch ablenken. "Es gibt Dinge, bei denen man will, dass man sie hört, und es gibt Töne, die dem Film gar nicht helfen." Auch schlechte und alte Aufnahmen können nützlich sein, etwa für Filme, die in der Vergangenheit spielen.


"Ich habe mich entschieden, Trickfilme zu machen, weil man ein leeres Blatt bekommt, und Dokumentarfilme, weil sie so realistisch sind." Spielfilme zu vertonen, findet er zu technisch, da man mit Tönen und Stimmen arbeitet. "Für 90-Minuten-Filme braucht man zwei Monate fürs Sounddesign." Es gebe auch Animationsfilme, an denen man zwei Jahre arbeitet, weil immer wieder Neues hinzugezeichnet wird. Einen normalen Arbeitstag kennt Bräker nicht. "Zeitweise war es wenig Schlaf, aber ich habe es gar nicht gemerkt." Manchmal habe er sogar auf dem Sofa seines Arbeitsplatzes geschlafen, obwohl sein Bett nur einige Treppenstufen entfernt war.


"Ich höre oft ASMR. Dort kommen viele Ideen zusammen. Die Künstler sind auch Klang- Menschen, und ASMR ist nicht nur das Geflüster, das erotisch sein soll." Inspirierend seien auch die Momente, in denen er mit seinen Freunden unterwegs sei. "Im Zug haben sich zwei kaputtgelacht, aber auf eine ehrliche Art. Man hat gemerkt, dass sie es selbst komisch fanden, dass sie so fest lachen mussten. Darum habe ich es aufgenommen und auf dem Computer geputzt, sodass man den Zug nicht mehr hört." Sein Aufnahmegerät hat er oft dabei. "Man braucht zum Teil nur fünf Sekunden von einem Moment, und genau dieser Klang macht es aus."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.04.2025, S. 30 - Niklas Albrecht, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

zurück