Als die Trompete ihr Echo fand

Slavko Avsenik wurde mit seinen Original Oberkrainern weltbekannt. Enkel Saso setzt die Familientradition fort.

 

Schon am Vormittag sind Pilger mit Bussen, Autos, Rädern und zu Fuß auf dem Weg zu ihrem Ziel. Hinter Mauern hört man fröhliches Stimmengewirr und Musik. Ein Akkordeon schwingt im lebhaften Rhythmus einer Polka. "Wir sind im Vatikan der Volksmusik", begrüßt Saso Avsenik lachend seine Gäste. "Das haben Österreicher einmal gesagt, als sie hier ankamen. Andere ergänzten, wir seien sogar besser, denn wir seien ohne Skandale."

 

Begunje, der Ort im Talgrund zwischen Karawanken und Julischen Alpen, 50 Kilometer nördlich von Ljubljana, hat nur 1000 Einwohner und ist doch weltbekannt. Der Grund dafür liegt in einem lang gestreckten Gebäude, mit ockerfarbener Fassade und grünen Fensterläden: Ein Gasthaus mit ummauertem Garten unter Bäumen, "weil die Kaiserin Maria Theresia damals angeordnet hatte, dass Biergärten Kastanienbäume haben müssen", erklärt der Gastgeber. Es ist der Stammsitz der Musikerfamilie Avsenik. Der 34-jährige Saso, 1,80 Meter groß, schlank, kurzes dunkles Haar, verheiratet und Vater von drei Kindern, repräsentiert die dritte Generation. "Es klingt komisch, aber mein Beruf ist Saso Avsenik. Ich tue, was mich glücklich macht, und das sind die Familie und die Bewahrung unseres musikalischen Erbes." Das wird im Museum neben dem Gasthaus dokumentiert, mit Instrumenten, Trachten und 31 Goldenen Schallplatten für 31 Millionen Tonträger. Etwa 10.000 Besucher kommen jährlich.

 

Saso Avsenik studierte Tourismus. Er habe geglaubt, dass er keine tausend Lieder schreiben werde wie seine Vorfahren, Großvater Slavko und dessen Bruder Vilko. "Aber ich werde dazu beitragen, dass ihre Musik nicht verloren geht." Diese hatte in den 1950er Jahren ihren Durchbruch. "Großvater Slavko hatte ein Gefühl für Musik und spielte schon als Achtjähriger im Gasthaus Volkslieder, weil es ihn glücklich machte, dass er die Gäste in gute Stimmung brachte. Sein Bruder Vilko studierte in Ljubljana Musik, Schwerpunkt Jazz. Diese Ansätze haben sich dann harmonisch vereint." Im damaligen Jugoslawien habe man das aber für Bauernmusik gehalten, "deshalb haben sie dann für das Radio und Konzerte außerhalb des Gasthauses raffiniertere Arrangements und Kompositionen mit künstlerischem Anspruch produziert". Der typische Avsenik-Sound sei entstanden, "eine Mischung aus alpenländischem Akkordeon, mit dem Rock 'n' Roll der Gitarre, und Elementen aus Dixie mit Trompete und Klarinette, die schon aus der amerikanischen Tanzmusik bekannt waren". Ein Sound, der spontan und unplugged gespielt werden kann. "Man merkt sofort, ob die Musiker gut drauf sind und ihre Musik leben."

 

Ein Zufall brachte den großen Erfolg. Saso erzählt, wie der Rundfunk-Journalist Fred Rauch 1954 am Wörthersee Urlaub machte und dort die Avsenik-Lieder "Na Golici" (Trompetenecho) und "Iz Bohinja" im Radio hörte. "Er wollte wissen, wer die Musiker seien. Weil er mit dem Namen 'Avsenik' nichts anfangen konnte, habe er gefragt, woher sie kämen. Man sagte ihm, aus der Gegend von Kranj, oder oberhalb von Kranj, ober Kranj. Also taufte Rauch sie die Oberkrainer." Bald habe Rauch zu Studioaufnahmen nach München eingeladen. Diese waren zunächst auf Slowenisch. Schon bald sei das Interesse an der Musik in Österreich und Deutschland so groß gewesen, dass Deutsch gesungen wurde, auch wegen Plattenverträgen und neuer Labels. "Es waren Nachkriegszeiten, und die Leute wollten positive Inhalte, sich wieder aufbauen, vor allem war diese Musik tanzbar und etwas Neues. Diese Musik ist verbindend. Eine Polka oder ein Walzer sind keine Tänze für Individualisten, man muss sofort jemanden umarmen." In Begunje hätten zu der Zeit auch noch viele Deutsch gesprochen. "Es sind ja nur 20 Minuten bis Österreich, und es gab die historischen Verbindungen. Übrigens habe ich Deutsch gelernt, weil mein Großvater Videokassetten und Comics in deutscher Sprache von seinen Reisen mitbrachte." Er sagt, dass seine Großmutter kaum beachtet werde, obwohl sie entscheidend zum Erfolg der Oberkrainer beigetragen habe: "Seit dem ersten TV-Auftritt in Österreich hat sie säckeweise Briefpost per Hand bearbeitet. Und 1957, nach dem tragischen Unfalltod ihrer zwei und vier Jahre alten Töchter, hat sie sich in die Arbeit gestürzt und auch so dem Großvater ermöglicht, weiterhin im Ausland zu spielen."

 

Erst später folgte die Anerkennung in Jugoslawien. "Auch weil Josip Broz Tito diese Musik gerne hörte und die Oberkrainer zehnmal zu Konzerten auf die Insel Brijuni eingeladen hat." Vom deutsch-sprachigen Raum aus habe sich die Musik weltweit verbreitet, bis nach Australien, Argentinien und Kanada. "Schon 1970 flogen die Oberkrainer erstmals zu Konzerten in die USA. Über das Internet haben später Japaner die Musik entdeckt und feiern dort Oktoberfeste, weil sie denken, dass unsere Musik Oktoberfestmusik sei."

 

Seit 15 Jahren ist Saso selbst als Akkordeonspieler mit einem Oberkrainer-Ensemble aus sieben Musikern und eigenen Arrangements und Kompositionen erfolgreich. Eigentlich habe er keine Musikerkarriere angestrebt. Er habe miterlebt, wie viel Arbeit, aber vor allem Leidenschaft sein Großvater und sein Vater Gregor Avsenik in die Musik gesteckt hätten. "Ich hatte aber immer das Gefühl, Musik könnte für mich nur ein Hobby sein." Und dann fehlte in der Familie jemand, der das Erbe weiterführt. "Ich habe gezweifelt, aber mit Hingabe und Leidenschaft bin ich nun selbst musikalisch dabei. Mein Bruder arbeitet hier im Gasthaus, und unsere Schwester Monika machte schon mit Andrea Bocelli Musik. Wir sind eine Musikerfamilie, in der aber niemand Musiker werden muss." Sasos Oberkrainer haben mittlerweile selbst drei Goldene Schallplatten gewonnen. "Wir haben monatlich etwa 90.000 Hörer auf Spotify, spielen mit slowenischen Bands deren Songs im Avsenik-Stil und sie unsere im Rock- oder Pop-Sound." Insgesamt habe sich die Einstellung zu ihrer Musik geändert. "Das Trompetenecho ist eines der meistgespielten Instrumentalstücke weltweit, war lange Erkennungsmusik des 'Musikantenstadl'. Es wird heute gespielt, wenn slowenische Sportler erfolgreich sind. Das Publikum ist jünger geworden. Viele kommen kostümiert zu unseren Konzerten. Beim 'Woodstock der Blasmusik' haben wir 25.000 Besucher. Wir hatten einmal bei einem Konzert einen Stromausfall. Da haben die Leute unsere Lieder einfach selbst gesungen." Doch der Erfolg hat seinen Preis. Saso leidet seit einiger Zeit an einer fokalen Dystonie, einer neurologischen Erkrankung, die auch "Musikerkrampf" genannt wird. "Bei schnellen Rhythmen gehorchen mir leider meine Finger nicht mehr. Deshalb haben wir bei Konzerten einen weiteren Akkordeonspieler, der einspringen kann."

 

Und auch in Begunje lebt die Avsenik-Stimmung weiter. Heute sitzen mehr als 100 Besucher im Gartenlokal, man spricht überwiegend Deutsch. Herbert Hammer ist mit einer Reisegruppe aus der Region Stuttgart dabei. "Ich bin über 80", sagt er fröhlich. "Wir machen Tagestouren mit dem E-Bike, haben hier gegessen, und ich bin wegen der Livemusik hocken geblieben. In den 1960er Jahren hatte ich selbst eine kleine Band, die Oberkrainer-Musik gespielt hat." Nusa Molek ist 35, stammt aus Ljubljana, arbeitet aber in Spanien für den kalifornischen Reiseveranstalter Backroads. Sie ist mit zwei kanadischen Kollegen und 18 amerikanischen Radtouristen hier. "Keiner kannte die Avseniks. Aber einer wollte unbedingt einmal eine Polka live hören", sagt Molek. Ihre Oma habe diese Musik geliebt, ihre Mutter tanze dazu. "Ich selbst höre keine Oberkrainer-Musik, aber sie ist einfach Teil unserer slowenischen Identität." Und für manche Menschen hat sie sogar eine Bedeutung über das Leben hinaus. Saso erzählt: "Wir hatten hier im Garten ein Paar, das zu unserer Musik tanzte. Der Mann erlitt einen Herzinfarkt und verstarb auf der Tanzfläche. Seither kommt die Tanzpartnerin jährlich zu seinem Todestag in unser Gasthaus. Denn ihr Partner sei hier und so gestorben, wie er es sich gewünscht habe."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 22.09.2025, Nr. 220, S. 26 - Urh Strakl, Amaja Kragolnik, Julija Pungersek., Discimus Lab, Videm pri Ptuju/Trzec

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