Die Diagnose „Krebs“ stellt alles auf den Kopf - für den Betroffenen und seine Angehörigen. Eine Onkologin und ein Vater aus Rumänien erzählen.
„Ich glaube, ich habe mich nie daran gewöhnt, dieses Wort auszusprechen: Krebs. Es ist nicht nur eine Diagnose, sondern eine Grenze zwischen dem, was war, und dem, was kommt." Roxana Scheusan arbeitet seit 2007 als Onkologin und seit 2014 am Oncocenter in Timisoara, einem privaten Krankenhaus für Krebspatienten. Sie hat dunkelbraune Augen. Ihr dunkles Haar ist streng zurückgekämmt. Ein Lächeln liegt auf ihrem Gesicht. Jeden Tag trägt sie ihren weißen Kittel wie eine Rüstung. Auf andere wirkt sie unerschütterlich. Doch in ihrem Inneren sieht es anders aus.
Der Bericht der Europäischen Kommission "EU Country Cancer Profile: Romania 2023" sagt es deutlich: Die altersstandardisierte Krebssterblichkeit in Rumänien liegt über dem europäischen Durchschnitt. Vielen Menschen hat Scheusan die Diagnose Krebs bereits mitteilen müssen. „Ich habe Patienten getroffen, die trotz der Diagnose gelächelt und bis zuletzt gekämpft haben. Und andere, die sofort zusammengebrochen sind. Ich erinnere mich an eine junge Patientin mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, bei der die Therapie lange Zeit gut gewirkt hat. Doch als keine medizinische Behandlung mehr möglich war und nur noch palliative Maßnahmen blieben, verabschiedete sie sich von mir, nahm ihren Hut ab und bat mich, den anderen Patienten weiterhin mit einem Lächeln zu begegnen. Dieses Lächeln sei manchmal besser als jede Medizin.“
Doch so ein Lächeln ist nicht für jeden zugänglich. Etwa zwölf Prozent der rumänischen Bevölkerung waren 2020 nicht sozialversichert, hatten keine Krankenversicherung. Laut EU-Bericht müssen 4,9 Prozent der Bevölkerung, mehr als doppelt so viele wie im EU-Durchschnitt, auf notwendige medizinische Behandlung verzichten. Ein Bericht der WHO von 2022 spricht von ruinösen Gesundheitsausgaben, die aus eigener Tasche zu bezahlen sind. Diese Direktzahlungen für Medikamente und ambulante Behandlungen lassen Patienten auf notwendige Versorgung verzichten. Sie werden dann viel zu spät diagnostiziert. Auch fehle ein nationales Krebsregisters, was die Bewertung der Qualität der Versorgung erschwert. Beispielsweise liegt die Zahl der Neuinzidenzen für Krebs bei Männern und Frauen unter dem EU-Durchschnitt. Das ist jedoch eine schlechte Nachricht. Denn sie bedeutet nur, dass die Krebserkrankungen nicht rechtzeitig erkannt werden. Rumänien hat die niedrigste Früherkennungsrate für Brustkrebs im europäischen Durchschnitt, insgesamt aber die höchste Mortalitätsrate.
„Wir waren zu dritt in einem kalten Behandlungszimmer. Ich, meine Tochter und der Arzt. Als er von Krebs sprach, hörte ich nichts mehr“, erzählt Gheorghe Motrescu mit zitternder Stimme, ein Vater mit der stillen Haltung eines Mannes, der viel durchgemacht hat. Anzug, Brille, gefasste Miene. Der heute Einundsiebzigjährige musste vor neun Jahren hilflos mitansehen, wie seine Tochter den Kampf gegen den Krebs verlor. Alles begann scheinbar harmlos - mit einem geschwollenen Lymphknoten am Hals. "Wir dachten, es sei nur eine Erkältung, eine Infektion, etwas, das bald vergeht. Nie hätten wir gedacht, dass es der Anfang eines Albtraums war." Seine Tochter Andreea war damals 39 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, das eine neun, das andere sechs, und immer unterwegs. Sie teilte ihre Tage zwischen Arbeit, Familie und den Hoffnungen einer Frau, die ihr Leben voller Energie lebt. Aber ihr Zustand wurde schlimmer. Nach Untersuchungen kam die Diagnose: Lymphom, Stadium 4. Krebs. Dieses Wort habe allen die Luft zum Atmen genommen.
Wenn Scheusan eine ernste Diagnose mitteilen muss, wird alles andere unwichtig, Termine und klingelnde Telefone. Dann gibt es nur den Patienten und die Wahrheit. "Danach kommt ein Schweigen. Ein Schweigen, das auch wir Ärzte lernen müssen. In diesem Schweigen lernt man, anders zu atmen, nicht zu oft zu blinzeln, nicht zu zittern in der Stimme. Doch ich habe gesehen, dass die meisten Patienten Ehrlichkeit wünschen - so viel Wahrheit wie möglich über ihre Symptome und den weiteren Verlauf. Wir versuchen, sie darauf vorzubereiten, ihre Beschwerden zu lindern, damit sie in Würde gehen können." Auf dem Flur eilen Kollegen mit Akten vorbei. „Manche fragen direkt: Wie lange habe ich noch? Manchmal weiß ich es, manchmal nur ungefähr. Aber ich versuche immer, es mit Sanftheit zu sagen. Ohne ihnen die Hoffnung zu nehmen."
Nicht jeder kann so viel Zuwendung bekommen. Das jüngste Ländergesundheitsprofil der EU-Kommission und der OECD belegt, dass es 2021 in Rumänien 3,5 praktizierende Ärzte pro 1000 Einwohner gab - eine der niedrigsten Raten in der EU, deren Durchschnitt bei 4,1 lag. Das Problem ist, dass viele Ärzte und Pflegekräften ins Ausland abwandern. Das verbleibende Personal ist überlastet. Rumänien habe die niedrigsten staatlichen Gesundheitsausgaben pro Kopf in der EU und gebe weniger als die Hälfte des EU-Durchschnitts aus.
Krebs ist keine Krankheit, die nur eine Person betrifft. Krebs zerstört Pläne, verändert Leben. Aber er bringt Menschen auch näher zusammen. So hat es Motrescu erlebt. „Der Mann meiner Tochter musste arbeiten. Jemand musste die Familie versorgen. Meine Frau blieb bei den Kindern. Und ich, ich war derjenige, der Andreea von einem Krankenhaus zum nächsten brachte - von Timisoara nach Bukarest. Mit schwerem Herzen, aber mit Hoffnung. Denn sie war mein Kind. Und ich wollte nicht aufgeben." Jeder Tag sei eine Herausforderung gewesen. „Wenn man über Nacht ergraut vom Stress, wenn man Tränen versteckt, um die Kinder nicht zu erschrecken, wenn man lernt, das Leben selbst zwischen Infusionen zu lieben, dann versteht man, was es heißt, anders zu leben."
Die Behandlung aller onkologischen Patienten ist zwar im Prinzip kostenlos. Es bestehen jedoch große finanzielle und strukturelle Zugangsbarrieren. So lautet es verklausuliert im Bericht der EU-Kommission. Übersetzt bedeutet das, dass Spezialisten in manchen Regionen nicht zu finden sind und dass viele notwendige Dinge wie Medikamente selbst bezahlt werden müssen. Rumänien liegt mit der Höhe der Zuzahlungen an der Spitze der OECD-Staaten, stellt die WHO fest. Das spiegelt sich im Patientenalltag. So müssen zum Beispiel nach einer Operation die Bandagen für die Wundversorgung selbst gekauft und mitgebracht werden. Ebenso Schmerzmittel. Die Zustände sind den Ärzten bekannt, jedoch möchte keiner namentlich bei dem Thema genannt werden. Laut dem "Global Corruption Barometer - EU 2021" haben 22 Prozent der Befragten in Rumänien, die öffentliche Kliniken genutzt haben, eine Bestechung gezahlt, um eine Leistung zu erhalten. Vor allem der Zugang zu neuen Therapien ist dort langsamer als in der übrigen EU. Rumänien verzeichnet extrem hohe Sterberaten bei jungen und aktiven Menschen.
„Ich sah, wie sie schwächer wurde, wie sie immer müder aussah", erzählt Motrescu. "Sie fragte sich oft, ob ihre Kinder verstehen, warum sie nicht zu Hause ist, warum sie sie nur übers Telefon hören und sehen." Und irgendwann kommt doch der Moment, auf den niemand so ganz vorbereitet sein kann. „Die Ärzte sagten, dass man nichts mehr tun kann. Dass es besser wäre, nach Timisoara zurückzukehren, zu den Liebsten. Solange noch Zeit bleibt." Vater und Tochter kamen zurück. Ihr Zustand verschlechterte sich schnell. Im dortigen Krankenhaus, wo die Tochter palliative Pflege bekam, waren die letzten Tage eine Mischung aus Schweigen, Schmerz und stiller Akzeptanz. „Ich war Tag und Nacht bei ihr. Ich wollte sie keine Sekunde alleinlassen. Ich hielt ihre Hand und spürte, wie sie langsam verschwand. Am 24. Dezember schloss Andreea zum letzten Mal ihre Augen." Der Vater hält sie. Er atmet tief durch, aber seine Augen füllen sich wieder mit Tränen. „Sein eigenes Kind sterben zu sehen, das ist ein Schmerz, den man mit Worten nicht beschreiben kann. Ich wusste nicht, wie ich meinen Enkeln sagen sollte, dass ihre Mutter nicht zurückkommt. Dass ihre Mama an Weihnachten in den Himmel gegangen ist." Auch für die behandelnden Ärzte ist es nicht leicht. „Es gibt Tage, an denen ich denke, ich kann nicht mehr", sagt Scheusan. „Aber ich mache weiter. Für sie. Denn wenn ich aufgebe, wer gibt ihnen dann Hoffnung? Ich habe gelernt, das Zittern in meiner Stimme zu verstecken, meine Maske als Profi aufzusetzen. Aber glaubt nicht, dass ich nichts fühle. Jeder Verlust, jedes Lächeln am Ende einer Therapie - all das hinterlässt Spuren." Onkologen sollen mitfühlen, ohne daran zu zerbrechen. Viele kämpfen mit Erschöpfung, Schlafproblemen und dem Gefühl, nicht genug tun zu können. Manche Geschichten nimmt Scheusan mit nach Hause „Wir führen einen doppelten Kampf: einen wissenschaftlichen gegen die Krankheit und einen emotionalen mit dem Schmerz der Menschen vor uns. Es ist schwer, das zu trennen." Nach einem harten Tag steigt sie ins Auto und schaltet das Radio ein - doch oft hört sie gar nicht hin. Zu Hause springen die Kinder ihr in die Arme. „Ich rede nicht viel über das, was im Krankenhaus passiert. Ich will meine Familie nicht belasten. Manchmal spüren sie es. Mein Schweigen sagt alles. Am Ende des Tages versuche ich, Dinge zu tun, die mir neue Kraft geben - Zeit mit der Familie, uns aneinander erfreuen." Sie bleibt optimistisch: „In gewisser Weise ist es besser geworden, als ich erwartet hatte. Die Medizin entwickelt sich ständig weiter, und jedes Jahr können wir mehr tun."
Doch es geht nur langsam voran, zumindest langsamer als anderswo in Europa. Die Krebsmortalität lag 2020 in Rumänien laut EU-Bericht sieben Prozent über dem EU-Durchschnitt und ist in den vergangenen Jahren kaum gesunken. Aufgeben sei keine Option. „Für jeden Patienten, der geht, gibt es einen, der überlebt. Strahlende Augen, Umarmungen, das gibt mir die Kraft weiterzumachen. Das hat auch mit der Erziehung zu tun, die ich von zu Hause mitbekommen habe. Ich habe gelernt, das Leben so zu sehen, wie es ist: Nicht alles ist gut. Alles hat seinen Lauf - Geburt, Leben, Verlust. Manchmal ist jemand einfach am Ende seines Weges angekommen. Und wir, wir haben noch Aufgaben - für uns und für die Menschen um uns herum."