Zunächst ging sie auf Reisen und kam so zur Schriftstellerei. Schließlich wurde sie Pfarrerin: Katharina Morello.
Hellbraune Möbel und der runde Tisch mit einer rot-blau karierten Decke vermitteln ein heimeliges Gefühl im Pfarrbüro. Das Bücherregal, das eine ganze Seite einnimmt, beherbergt Schätze. Alles stand schon einmal hier, aber vor langer Zeit. "Diese Stelle nahm ich nur an, weil ich das Büro meines Vaters bekam", scherzt Katharina Morello. Die 58-Jährige trägt ein langes schwarzes Kleid, dazu eine rote Strickjacke. Ihr dunkles, mit grauen Strähnen durchzogenes Haar wird von einer Spange zurückgehalten. Sie wuchs in diesem Pfarrhaus auf. Es steht in Hirzel, einem Dorf oberhalb des Zürichsees. Dort lebte sie ab 1974 mit ihren drei Brüdern und den Eltern. Hirzels Pfarrer war damals ihr Vater. Er predigte für sein Leben gern und liebte es, Geschichten zu erzählen.
"Mich interessierte, was Menschen glauben und warum", erinnert sich die Pfarrerin. So begann sie 1986 Theologie in Zürich zu studieren. Nebenher jobbte sie. In Horgen bekam sie eine Stelle als Betreuerin in der Asylunterkunft. "Dort kam ich das erste Mal mit anderen Kulturen in Kontakt. Diese Begegnungen haben mich geprägt: Menschen, die fast nichts mehr haben. Welche Wünsche und Vorstellungen haben sie? Und wie können wir kommunizieren? Mit gutem Willen findet sich immer ein Weg." Schon als Kind wollte sie die Welt entdecken und wurde jedes Mal neidisch, wenn andere von ihren Ferien im Ausland erzählten. Ihre Familie fuhr immer nur zu ihrem Ferienhaus in die Bündner Berge. "Lies ein Buch, und du bist auch gereist", war die Meinung ihres Vaters.
1989 bezogen Katharina und ihr jetziger Mann, Christian, ihre erste gemeinsame Wohnung. Sie beschlossen, einem Asylbewerber, den sie kannte, ein Zimmer zu vermieten. Man riet ihnen ab, da das Zusammenleben mit einer anderen Kultur sehr schwierig sei. Tatsächlich gestaltete sich der Alltag einfach, bis auf ein Problem: "Wir haben die türkische Gastfreundschaft unterschätzt. Mustafa konnte kein einziges Nussjoghurt essen, ohne uns auch eines anzubieten. Das war sehr herzig, aber auch ein bisschen stressig." Sie lacht und rückt ihre Brille zurecht. "Es war ganz anders, als die Leute dachten. Ich fand es schön, mit anzusehen, dass ein fremder Mensch überhaupt nicht den Klischees entsprach. Mustafa wurde unser Freund." Nach ihrem Studium, 1993, wollten ihr Mann und sie für ein Jahr reisen, nach Indien mit einem VW-Bus. "Dies war eine alte Hippie-Route. Mustafa wollte unbedingt, dass wir dabei seine Familie in der Türkei besuchen. Er sagte, jemand erwarte uns in Izmit und würde sich dann um uns kümmern. Dort angekommen schlossen uns die Großfamilie von Mustafa und all seine Freunde in die Arme. Jeder wollte uns sehen und uns zum Essen einladen." Mit Händen und Füßen habe man sich verstanden. Da sie für die Weiterreise kein Visum bekamen, ließen sie den Bus zurück und flogen nach Mumbai. "In Indien erwartete uns ein Klimaschock! Es war die Zeit vor dem Monsun und unglaublich heiß." Sie reisten in Südindien herum. "In der Türkei hatten wir Mustafas Leute, die uns alles zeigten. In Indien hatten wir niemanden." Als sie zurück in der Türkei waren, fühlte es sich fast wie Heimkommen an. "Wir hatten das Gefühl, dass es genau das braucht, wenn man in eine fremde Kultur kommt. Man braucht jemanden, dem man vertrauen kann und der einem erklärt, wie alles läuft." Nach ihrer Reise arbeitete Morello drei Jahre als interkulturelle Beraterin im Schweizerischen Arbeiterhilfswerk.
Das Paar bekam drei Kinder. Mit den Töchtern, die 1996 und 1998 geboren sind, reisten sie 2001 nach Simbabwe. Ihr Mann arbeitete dort ein Jahr als Arzt. Dort kam 2001 ihr Sohn zur Welt. Vor der Reise hatte Morello ein Diplom für Journalismus in Luzern erworben. In Afrika schrieb sie Artikel für den "Tages-Anzeiger" aus Zürich. Später wurden die Berichte nicht mehr angenommen, mit der Begründung, es sei zu wenig "tagesaktuell". Sie begann Kurzgeschichten über afrikanische Frauen zu schreiben. So entstand das Buch "Sie tragen die Welt auf dem Kopf". 2016 veröffentlichte Morello ihren ersten Roman: "Als London unterging". Jedes Buch sei ein Wagnis, man wisse nie, ob es gut ankommt. "Doch ich schreibe die Geschichten nicht nur, um sie zu verkaufen, sondern auch aus Freude am Erzählen." Ein Buch wurde sogar ins Koreanische übersetzt. Ihr gefalle alles am Schreiben. Für sie sei das Schöne am Überarbeiten das Verbessern und Verändern. "Ein guter Text ist, wenn man beim Lesen das Gefühl hat, ein kaltes Glas Wasser zu trinken."
Nach ihrer Arbeit bei "Brot für alle", von 2004 bis 2010, wollte Morello etwas Neues versuchen. Als Lehrerin für Religion, Kultur und Ethik unterrichtete sie drei Jahre in einer Sekundarstufe in Winterthur, in Langnau am Albis und in Wädenswil. 2018 erhielt sie das Angebot, in Hirzel als Pfarrerin zu arbeiten. Die Kinder waren groß. Und es war genau die Stelle, die damals ihr Vater hatte. "Es hat perfekt gepasst." Sie streicht die Tischdecke glatt. Die Möbel, die ihr Vater nach seinem Umzug ins Altersheim nicht mehr brauchte, kamen ins Haus zurück. Nach mehr als 30 Jahren schloss sich der Kreis. Katharina und ihr Vater schrieben bis zu dessen Tod im Jahr 2024 gemeinsam an Predigten. "Ich bezog ihn von Anfang an mit ein und war sehr froh um seine Hilfe."