Für viele bis heute im Verborgenen: Ein SA-Gefängnis in Berlin-Tempelhof und der Schwerbelastungskörper
Ich wollte sofort ausziehen", sagt der 74 Jahre alte Bildhauer Rolf Scholz. Enge Gassen tragen die Namen Rosenpromenade, Jasminpfad und Azaleenweg. Alte Backsteinbauten ragen in den Himmel. Hinter den engmaschigen Kleingartenzäunen rauscht die S-Bahn. "Hier herrschte ein bestialischer Terror." Scholz zog mit seiner Lebensgefährtin Sylvia Walleczek vor 36 Jahren in den Werner-Voß-Damm, in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Südkreuz in Berlin Tempelhof. Im Keller des Gebäudes mit der Hausnummer 54a befand sich von März bis Dezember 1933 das SA-Gefängnis Papestraße, ein frühes Konzentrationslager unter Führung der SA-Feldpolizei. "Die konnten einfach losfahren und verhaften", erzählt Scholz kopfschüttelnd.
"1991 gründeten die Soziologin Sylvia Walleczek, der Bildhauer Rolf Scholz und der Historiker Kurt Schilde die 'Geschichtswerkstatt Papestraße'", heißt es auf der Homepage www.gedenkort-papestrasse.de, auf der auch Fotos den Ort dokumentieren. Bislang seien knapp 500 Personen, die in der Papestraße in Haft waren, namentlich bekannt. Man vermutet, dass die Gesamtzahl deutlich größer ist. Das waren vor allem politisch Andersdenkende und Juden, die dort verhört und gefoltert wurden. Es ging bei der Geschichtswerkstatt darum, die Geschichte rund um die Papestraße aufzuarbeiten. Als entscheidender Zeitzeuge erwies sich ein ehemaliger Wurstverkäufer, der Scholz 1992 berichtete, dass es ihr Haus war, in dem Leute eingesperrt waren. Scholz und Walleczek sicherten die Spuren im eigenen Keller und durchforsteten viele Archive. Die größte Schwierigkeit war der Austausch mit den Behörden. "Es war ein Bohren von dicken Brettern."
Heute führen verstaubte Steinstufen in den dunklen Keller. Es folgt ein langer Gang mit niedrigen Decken und von Hakenkreuzen sowie SA-Zeichen verschmierten Steinwänden. Von dem Gang gehen links und rechts massive Holztüren ab. In den dahinterliegenden Haftzellen verwehren winzige Gitterfenster den Weg zur Außenwelt. In diesen Zellen wurden die Inhaftierten so stark gefoltert, dass etwa 30 Menschen während oder als unmittelbare Folge der Haft starben. Auf der Homepage der Gedenkstätte erfährt man: "Inhaftierte Juden waren der Arzt Max Leffkowitz, die Rechtsanwälte Fritz und Kurt Ball sowie der Kaufhausbesitzer Wilfrid Israel. Zeugenaussagen belegen, dass Juden besonders brutal behandelt und schikaniert wurden."
Ein weiteres Zeugnis aus der nationalsozialistischen Zeit befindet sich nicht weit entfernt vom SA-Gefängnis: der 12.650 Tonnen schwere Schwerbelastungskörper. Der im Volksmund genannte "Naziklotz" ist 14 Meter hoch und geht 18 Meter in die Tiefe. Hinter dicht bewachsenen Bäumen steht das große, zylinderförmige Betonbauwerk, ringsherum ein kleiner Weg, Löwenzahn und hochgewachsene Hecken. Das ist einer der letzten Bauten, die noch heute auf die größenwahnsinnigen Baupläne der Nationalsozialisten hinweisen. "Mit der Ernennung von Albert Speer wurde die Planung zur Umgestaltung Berlins konkretisiert", sagt Yvonne Ebeling. Sie ist Grundschullehrerin in Brandenburg und Historikerin. Am Wochenende bietet sie Führungen am Schwerbelastungskörper und im SA-Gefängnis an. Unter Adolf Hitler entwickelte der Generalbauinspektor Speer den Plan zur Umgestaltung Berlins in die "Reichshauptstadt Germania". Dabei sollten zwei Achsen als grundlegende Struktur eingerichtet werden, eine Nord-Süd-Achse und eine Ost-West-Achse. Die Ost-West-Achse sollte von der heutigen Gemeinde Wustermark in Brandenburg über das Brandenburger Tor und Frankfurter Tor bis zur Frankfurter Allee verlaufen, die Nord-Süd-Achse vom "weltgrößten Südbahnhof" in Tempelhof bis zum Nordbahnhof im heutigen Moabit. Die Nord-Süd-Achse war für die Nationalsozialisten von besonderer Bedeutung, denn auf ihr sollte ein 7 Kilometer langer und 120 Meter breiter Prachtboulevard errichtet werden, mit einem Triumphbogen im Süden, 117 Meter hoch und 170 Meter breit. Er sollte die Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten tragen. Als Herzstück der Reichshauptstadt war die "Große Halle" geplant. Mit einer Grundfläche von 315 mal 315 Metern und 320 Meter Höhe sollte sie das größte Kuppelgebäude der Welt werden und eine Kapazität von 150.000 bis 180.000 Besuchern erreichen. Hinter der "Großen Halle" war geplant, ein Becken anzulegen, in dem sie sich spiegeln sollte. Dieser Plan von Germania hätte viele schwere Gebäude vorgesehen. So wurden von 1938 bis 1943 mehrere Versuche durchgeführt, um die Tragfähigkeit des Bodens zu überprüfen. Aus diesem Grund entstand der Schwerbelastungskörper. Er wurde zwischen 1941 und 1942 erbaut. Der schwere Zylinder aus Beton und Stahlbeton sollte das Gewicht des Triumphbogens simulieren.
"Der Bau Germanias hätte bestimmte Verbrechen involviert", sagt Ebeling. Um die Nord-Süd- und Ost-West-Achse zu errichten, wären 50.000 Wohnungen weggefallen. 150.000 Menschen hätten umgesiedelt werden müssen. Dies ging einher mit der sogenannten Entjudung der Stadt. Der jüdischen Bevölkerung wurden die Wohnungen und Häuser genommen und "arischen Menschen" gegeben, die aufgrund der Stadtplanung umziehen mussten. "Mehrere Familien wohnten dadurch in einer Wohnung zusammen." Oft musste die jüdische Bevölkerung als Untermieter in andere Wohnungen ziehen, da sie kein eigenständiges Erwerbsrecht für neue Wohnungen hatten. "Es gab vier 'judenreine' Gebiete. Dazu zählten Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg und Friedenau." Heute wird am "Informationsort Schwerbelastungskörper" Aufklärungsarbeit betrieben. Es gibt einen Geschichtsparcours mit Tafeln, die über Planungen und Ereignisse informieren, sowie öffentliche Führungen.
Im Jahr 2003 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof-Schöneberg, die bis dahin privat vermieteten Kellerräume in der Papestraße als Gedenk- und Begegnungsstätte für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 2011 wurde der Gedenkort eröffnet, seit 2013 gibt es eine Ausstellung und ein Besucherarchiv. Dafür wurden die Kellerräume bestmöglich in ihren damaligen Zustand zurückversetzt. Mittlerweile gibt es einige Schulen, überwiegend aus Tempelhof-Schöneberg, die Führungen dorthin unternehmen. Es gab sogar einen Zeitzeugen, der diese Führung als Lehrer machte und von seinen eigenen Erfahrungen als ehemaliger Inhaftierter erzählen konnte. Mittlerweile ist er verstorben.